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„Römerberggespräche“ Der große Frankfurter Bilderstreit

22.01.2006 ·  Authentizität ist ein Wort, das noch schwerer zu definieren als auszusprechen ist. Mögen diskursgestählte Akademiker diejenigen, die den Begriff verwenden, nur müde als naiv belächeln - als Leitidee in öffentlichen Debatten ist er unentbehrlich. Das wurde auch bei den Römerberggesprächen deutlich, die sich am Samstag mit dem Umbau der Innenstädte beschäftigten. Das anlaßgebende Beispiel, dem die von den Veranstaltern klug gereihten Vorträge immer näher rückten, war die Frankfurter Altstadtdebatte. Was wird dem Ort zwischen Dom und Römer, seiner Geschichte und den Bedürfnissen der heutigen Zeit besser gerecht, Rekonstruktion oder Neubauten? Anders gefragt: Was ist die authentische Bebauung des Areals?

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Authentizität ist ein Wort, das noch schwerer zu definieren als auszusprechen ist. Mögen diskursgestählte Akademiker diejenigen, die den Begriff verwenden, nur müde als naiv belächeln - als Leitidee in öffentlichen Debatten ist er unentbehrlich. Das wurde auch bei den Römerberggesprächen deutlich, die sich am Samstag mit dem Umbau der Innenstädte beschäftigten. Das anlaßgebende Beispiel, dem die von den Veranstaltern klug gereihten Vorträge immer näher rückten, war die Frankfurter Altstadtdebatte. Was wird dem Ort zwischen Dom und Römer, seiner Geschichte und den Bedürfnissen der heutigen Zeit besser gerecht, Rekonstruktion oder Neubauten? Anders gefragt: Was ist die authentische Bebauung des Areals?

Einfache Antworten waren nicht zu erwarten. Der Architekturkritiker Wolfgang Pehnt sprach treffend von einer "gleitenden Skala zwischen Sein und Schein", wenn es um Rekonstruktionen gehe. Eine schöpferische Weiterentwicklung, die sich am Bestand orientiere wie etwa im Fall der Paulskirche, sei zu akzeptieren. Das gelte auch für eine Wiedererrichtung nach verläßlichen Plänen am selben Ort und mit Teilen der alten Substanz. Fragwürdiger ist nach Ansicht Pehnts schon die Rekonstruktion nach guten Plänen und in alter Handwerkstechnik, wenn für diese ein in der Zwischenzeit entstandenes Haus abgerissen werden muß. Nicht akzeptabel sind für Pehnt die geplanten "Schloßimitate" in Potsdam, Braunschweig und Berlin.

Wer sich auf ein Spiel der Illusionen einlasse, der liefere eine angenehm bebilderte Geschichtslektion, so Pehnt. Es gehe dann nicht mehr darum, wie es war, sondern wie es gewesen sein könnte. Man verzichte auf die Verläßlichkeit geschichtlicher Dokumente. Als negatives Beispiel nannte Pehnt auch die Römer-Ostzeile. Vor dem Krieg seien die Fassaden verputzt oder mit Schiefer verkleidet gewesen. Die Gebäude würden schöner gemacht, als es die Quellen hergäben.

Den Strategien einer Gesellschaft, die "auf nichts als Bildern besteht" (Pehnt), widmete sich die Darmstädter Soziologin Martina Löw in einem Vortrag, der meisterhaft die Balance zwischen akademischer Gelehrtheit und Allgemeinverständlichkeit hielt. Ihren Standortwettbewerb führten Städte vor allem mit visuellen Mitteln, so Löw. Bilder hätten den Vorteil, daß sie sich im Gedächtnis festsetzten. Dabei würden heute Gegensätze zu Ikonen stilisiert: Hamburg erwecke in Fotografien den Eindruck, als liege es am Meer, München zoome die Leopoldstraße an den Alpenrand, und auf Bildern von Frankfurt ragten die Hochhäuser direkt am Römerberg auf. Aufgrund der Macht der Bilder suchten Touristen bei einer Stadttour nach jenen Ansichten, die sie von den Bildern schon kennten. Am Ende werde die Stadt dann sogar bildgerecht gestaltet. Problematisch sei, daß wenige Eingeweihte die Macht- und Manipulationsmittel von Bildern gezielt einsetzen könnten, weil nur wenige zu einer kritischen "Lektüre" der Bildsprache in der Lage seien.

Die Anwendung der Thesen Löws auf die Frankfurter Altstadtdebatte drängte sich förmlich auf. Denn die Anhänger einer modernen Bebauung setzen genauso wie die Freunde des Fachwerks auf die Überzeugungskraft ihrer (Fassaden-)Bilder: seien es im Computer generierte Ansichten oder historische Aufnahmen. Vor wenigen Jahrzehnten, als Texte wichtiger waren als Bilder, standen Fragen nach Nutzungen, nach Kosten und nach sozialen Bedingungen einer Bebauung im Vordergrund städtebaulicher Debatten. Heute spielen sie dagegen eine untergeordnete Rolle. Referenten wie Publikum der Römerberggespräche bezeugten Löws Thesen trefflich: Immer wieder wurden "die Japaner", die ein Gebäudeensemble fotografieren und damit dessen Wert zu beglaubigen scheinen, als Zielgruppe der Rekonstruktionsbemühungen beschworen, sei es mit kritischem Unterton oder nicht.

Die Moderne sei müde geworden, hatten die Veranstalter der Gespräche in ihrer Einladung behauptet. Walter Prigge von der Stiftung Bauhaus Dessau war die kämpferische Ausnahme von der Regel. Das Begehren nach Fachwerk zeige, wie provinziell Frankfurt in den vergangenen Jahren geworden sei, polterte der Soziologe, der ganz vergessen zu haben schien, daß schon vor 25 Jahren mit der Römer-Ostzeile eine ähnliche Debatte verbunden war. Wer die mittelalterliche Stadt wiederaufbauen wolle, vernichte andere Teile der Geschichte, so Prigge. Er stellte die Fachwerkbauweise in die Tradition deutscher Großstadtkritik: Nationalsozialisten, nach dem Krieg das konservative Bürgertum und fundamentalistische Grüne hätten mit Fachwerkbauten ihrem antiurbanen und damit antimodernen Impuls Ausdruck verliehen. Mit dem Wunsch nach Fachwerk in der früheren Altstadt sei das Streben nach einer Suburbanisierung der Innenstadt verbunden. Die Mittelschichten versuchten jetzt, ihre "Raumstrukturen" aus den Vororten auf das Zentrum zu übertragen.

Mag sein, daß Prigge recht hat, wenn es um die Nutzung der Häuser geht. Die "reaktionäre" Fachwerkbauweise taugt dagegen nicht als Unterscheidungsmerkmal zwischen Stadt und Land. Prigge präsentierte sich als Vertreter einer arroganten und geschichtsvergessenen Moderne, die den Durchgang durch ihre Krisen und damit durch ihre selbstverschuldete Müdigkeit noch vor sich hat.

Für Prigge müssen auch die Bekenntnisse der ehemaligen Kulturstaatssekretärin Christina Weiss reaktionär geklungen haben. Weiss, offenbar noch ganz im Banne Schröderscher Geschichtspolitik, bekannte sich nachdrücklich zum Begriff der Nation. Nur als selbstbewußte Kulturnation könnten die Deutschen den Herausforderungen der Globalisierung gewachsen sein. Was diese Forderung für den Umbau der Innenstädte bedeuten könnte, blieb allerdings sehr vage. Allzusehr war Weiss' Blick auf Berlin verengt, das sie als "Gedächtnisspeicher deutscher Geschichte in allen ihren Facetten" bezeichnete. Gerade wenn Weiss ihre Forderung ernst meint, die Fixierung auf das Dritte Reich zu lockern und ältere Traditionen zu pflegen, relativiert sich die Bedeutung Berlins. Für Weiss jedoch scheint das "Regionale" vor allem für die Pflege des Idylls zuständig zu sein. Die Frage, ob Nachbauten zu rechtfertigen seien, lasse sich nur im Einzelfall debattieren.

Das taten zum Abschluß des Römerberggesprächs die Architekturkritiker Christian Thomas ("Frankfurter Rundschau") und Dieter Bartetzko (Frankfurter Allgemeine Zeitung), wiederum für den Frankfurter Fall. Beide äußerten sich ablehnend zu dem Gedanken, die Altstadt zu rekonstruieren. Die derzeit grassierende Sehnsucht nach Historischem sei Zeichen für die Krise der Gesellschaft, so Bartetzko. "Rekonstruktion" sei ein Marketingbegriff, so Thomas. Die künftige Nutzung des Areals werde in keinem Fall mittelalterlich sein.

Beide Kritiker sprachen sich jedoch nicht für Erhalt und Umbau des Technischen Rathauses aus, wie es zuvor Pehnt getan hatte. Dieser wies darauf hin, daß die Architektur der fünfziger Jahre erst vor kurzem wieder als wertvoll erkannt worden sei. Den Bauten der sechziger und siebziger Jahre werde es in einiger Zeit wohl ähnlich ergehen.

Thomas sagte, er glaube an die Fähigkeit heutiger Architekten, eine gelungene Neubebauung zu entwerfen. Er sprach sich dafür aus, einen weiteren Architektenwettbewerb für das Areal des Technischen Rathauses auszuschreiben. Bartetzko wandte ein, daß ein solches Verfahren vermutlich keine grundlegend neuen Lösungen zutage fördern würde. Er plädierte für eine möglichst kleinteilige Neubebauung unter Verwendung der überlieferten Gebäudereste. Diese Spolien müßten nicht unbedingt an ihrem originalen Standort plaziert werden, sie könnten notfalls auch "zwei Ecken weiter" unterkommen. Dabei müßten die Architekten "starke Bilder" entwickeln, um sich durchsetzen zu können. Gleichzeitig warnte Bartetzko vor hochfliegenden Plänen. Es gehe um die Keimzelle Frankfurts, den wichtigsten Ort der Stadt, der eine geschlossene Bebauung brauche.

Es ist bedauerlich, daß die Veranstalter den Chagall-Saal im Schauspiel ausgewählt hatten. Nicht nur, daß er hoffnungslos überfüllt war, der Gegenstand der Gespräche legte Alternativen nah: Der Kaisersaal im Römer wäre der geeignetste Ort gewesen, um über Authentizität nachzudenken. In einem Saal, der im 19. Jahrhundert historisierend umgestaltet, im Krieg zerstört und bald danach rekonstruiert wurde, überlagern sich verschiedene Schichten der Historie, die ihrerseits wieder vom Umgang mit vorausgegangener Geschichte künden - mit Blick auf die Römer-Ostzeile.

MATTHIAS ALEXANDER

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