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Rheingau Musik Festival Harakiri mit abgeschirmtem Holzhacker

 ·  Ein Holzhacker auf der Bühne eines klassischen Konzerts: Der ungarische Komponist Peter Eötvös, dem sich in diesem Jahr das Komponistenporträt des Rheingau Musik Festivals widmet, verbindet Musik und Theater.

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Ein veritabler Holzhacker auf der Bühne eines klassischen Konzerts, abgeschirmt durch eine Plexiglaswand, damit keine Splitter ins Publikum fliegen - das klingt verrückt. Doch wenn man Peter Eötvös, dem das Komponistenporträt des Rheingau Musik Festivals gewidmet ist, auf Schloss Johannisberg neben diesem Aufbau für seine „Harakiri“-Szene im Gespräch mit dem Musikjournalisten Max Nyffeler erlebte, gewann man schnell den Eindruck, dass der 1944 in Transsilvanien geborene Ungar ein bodenständiger und humorvoller Pragmatiker ist.

Zustimmend ließ er sich als „Theatermensch“ charakterisieren und räumte ein, dass das mit dem Holzhacken eben auch „einfach Theater“ sei. Die 1973 entstandene „Szene mit Musik für Sopran, zwei Bassklarinetten, Holzhacker und Sprecher“ sei für ihn einer der ersten „Schritte in Richtung Oper“ gewesen, einer Gattung, die er bisher mit zehn aufgeführten Werken bedient hat. Auf das Sujet „Harakiri“ kam er während eines mehrmonatigen Aufenthalts in Japan mit dem Ensemble von Karlheinz Stockhausen, zu dem ihn als Student ein Stipendium führte.

Japanische Tradition und Ungarische Märchen

„Harakiri“ oder „Seppuku“ werde von den Japanern als „höchster Kunstakt“ verstanden: In einer lange vorbereiteten Zeremonie opfere jemand mit diesem Suizid sein Leben. Der ursprünglich ungarische Text der Szene, der ins Japanische übersetzt wurde, bringt das in völlig abstrahierter und grotesker Form in Verbindung mit der damaligen Situation in Eötvös’ Heimat Ungarn: Die aus dem Märchen bekannte „Prinzessin auf der Erbse“ verschenkt ihre sieben Matratzen, eine davon beispielsweise an die Gewerkschaft.

Die ausgezeichnete Sopranistin Ines Reinhardt machte diese dennoch wohl nicht allzu ernst zu nehmende Vorlage im Sprechgesang nach Melodramen-Art mit großer Bühnenpräsenz und starrem Blick interessant, während Hermann Kretzschmar versweise die deutsche Übersetzung einflocht und die Bassklarinettisten Udo Grimm und Nina Janßen-Deinzer vom Ensemble Modern auf der Empore des Fürst-von-Metternich-Saals alles mit langsamen, kargen Klängen grundierten. Schlagzeuger Rainer Römer zerschlug dazu die Scheite, was als frei assoziative Aktion viel Aufmerksamkeit auf sich zog.

Eine Vorliebe für Theatralik

Ein weiteres Melodram mit Japan-Bezug schloss sich mit den „Two poems for Polly/Für eine sprechende Cellistin“ von 1998 an. Über Mikrofone verstärkt, trug Eva Böcker vom Ensemble Modern die auf japanischen Gedichten aus dem elften Jahrhundert basierenden englischen Texte um das Warten und den Gang der Jahreszeiten mit leiser Melancholie vor, wobei sie sich am Cello selbst begleitete, häufig mit Flageoletts, und ebenfalls eine „Kultur der Stille“ evozierte, wie sie Eötvös in Japan beobachtete.

Das „Natascha-Trio“, ein als Eigenbearbeitung aus seiner Oper „Drei Schwestern“ abgezogenes Trio für Klarinette (Nina Janßen-Deinzer), Violine (Jagdish Mistry), Klavier (Ueli Wiget) und Sopran ist unterdessen ein aufgeregtes Stück, wie Ines Reinhardt in energisch-zickigem Vortrag verdeutlichte: Die zänkische Ehefrau Natascha macht eine Szene. In kompakter Form zeigte sich damit ebenso Eötvös’ Vorliebe für Theatralik. Die stärkste, vom Tonsatz her dichteste Komposition war die „Sonata per sei“ für zwei Klaviere, Sampler-Keyboard und drei Schlagzeuge. Sie bot im Programm „das absolute Gegenteil zum ersten Teil: hauptsächlich laut, hauptsächlich mechanisch“, wie Eötvös sagte. Uraufgeführt 2006 zum 125.Geburtstag von Bartók, nehme sie schon von der Besetzung her Bezug auf dessen Sonate für zwei Klaviere und Schlagzeug.

Scheppernde Becken versinnbildlichen Krieg

Erstaunlich konkret programmatisch beschrieb Eötvös seine Vorstellungen etwa zum langsamen der fünf ineinander übergehenden Sätze: Unter dem Titel „Bartók überquert den Ozean“ sollen die laut scheppernden Becken demnach das Kriegsgeschehen versinnbildlichen, vor dem Bartók nach Amerika floh, während mit „Ocean Drums“ das Meeresrauschen imitiert werde.

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Jahrgang 1966, freier Autor in der Rhein-Main-Zeitung.

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