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Rheingau Musik Festival : Extreme Ausdrucksmittel bei ebensolcher Akustik

  • -Aktualisiert am

Spielstätte: Das Kloster Eberbach. Bild: Sick, Cornelia

Paavo Järvi interpretiert zur Eröffnung des 26. Rheingau Musik Festivals im Kloster Eberbach Gustav Mahlers sechste Sinfonie. Dabei gelingt ihm die Quadratur des Kreises.

          Dass die 26. Ausgabe des Rheingau Musik Festivals an diesem Wochenende in der Basilika des Klosters Eberbach mit einem Auftritt des hr-Sinfonieorchesters eröffnet worden ist, wird keinen Kenner der Rhein-Main-Musiklandschaft überrascht haben. Dass ein großes Werk von Gustav Mahler im Zentrum des denkwürdigen Abends stand, noch weniger. Traditionen zu pflegen kann sehr sinnvoll sein, doch im Falle der Frankfurter Rundfunkmusiker hat es damit noch eine ganz besondere Bewandtnis: Eliahu Inbal war es, der als Chef am Pult dieses Orchesters 16 Jahre lang - von 1974 bis 1990 - harte Arbeit leistete. Wegen seiner damals zuweilen schroffen Art nicht von allen gleichermaßen geliebt, schaffte er es doch, das Radio-Sinfonie-Orchester Frankfurt, wie das Ensemble damals hieß, zu einem international geschätzten und beachteten Klangkörper zu formen. Seine beeindruckendste Leistung in den achtziger Jahren: ein Mahler-Zyklus. Auch wenn heute nicht mehr überwiegend dieselben Musiker an den Pulten sitzen, ist die verfeinerte Klangkultur als Resultat dieser einst gewaltigen Arbeit doch größtenteil erhalten geblieben. Für seinen eigenen Mahler-Zyklus, den der aktuell scheidende Chefdirigent Paavo Järvi jetzt zur Eröffnung des Rheingau Musik Festivals mit der Sinfonie Nr. 6 beschlossen hat, ermöglichte dies, die Arbeit sozusagen auf hohem Interpretationsniveau zu beginnen.

          Dies alles wäre für den genießenden Musikfreund völlig unerheblich, würde man die Früchte solcher Anstrengungen nicht in fast jedem Takt wahrnehmen. Mahlers Sechste bedeutet auch für den Hörer eine Konzentrations-Aufgabe; es ist die komplexeste, vielleicht auch persönlichste seiner Sinfonien, thematisch dicht gearbeitet und ungeheuer expressiv. Äußerer Effekte, etwa eines Fernorchesters, bedurfte Mahler in seinen mittleren Sinfonien nicht mehr, das gesamte Ausdrucksgeschehen ist nach innen verlagert, die thematisch-motivische Kunstfertigkeit erscheint gegenüber den früheren Werken noch gesteigert.

          Eine hinreißende Interpretation

          Ans Wunderbare allerdings grenzt die Art und Weise, wie Paavo Järvi damit umgeht, wie es ihm gelingt, die auch dynamisch stark expandierenden Teile der Sinfonie mit ihren extremen Ausdrucksmitteln - man denke an die beiden Hammerschläge des Finalsatzes - so in die kaum weniger extremen akustischen Verhältnisse des Kirchenraums einzubinden, dass Transparenz des Gesamtklangs vorherrscht. Natürlich gibt es unüberwindbare Grenzen: Wer in der Basilika seinen Platz in der 50. Reihe hat, darf bei allen erfolgreichen Bemühungen um strukturelle Durchhörbarkeit kein uneingeschränktes Hörvergnügen wie etwa in der Alten Oper Frankfurt erwarten. Wie Järvi ein derart exzellentes Ergebnis erzielt, hat jedoch auch mit der Fähigkeit - auch die seiner Musiker - zu tun, musikalische Gestalten in größtmöglicher Plastizität zu formen und Klänge so abzumischen, dass keine Stimme darin versinkt. Järvis ausgeprägter Sinn für Kontraste, Akzente und dynamische Abstufungen ist wohlbekannt.

          Vor der Pause war Anne Sofie von Otter Solistin der Fünf Gedichte von Mathilde Wesendonck, die Richard Wagner für Singstimme und Klavier komponiert und Felix Mottl für Orchester gesetzt hat (mit Ausnahme des letzten, „Träume“, das Wagner selbst instrumentierte). Diese „Wesendonck“-Lieder, von denen zwei Vorstufen zur Oper „Tristan und Isolde“ darstellen, waren in Anne Sofie von Otters hinreißender Interpretation alles andere als eine Vorspeise zum Mahler-Hauptgang. Wie die Sängerin mit differenziertester Stimmfärbung und angemessener Dezenz Stimmungen herbeizauberte, war ein Höhepunkt dieses Abends. Paavo Järvi und das hr-Sinfonieorchester durften sich da noch etwas zurückhalten, ihr großer Auftritt stand noch bevor. Dass dieses Konzert das letzte mit diesem Chefdirigenten war, muss Musikfreunde nicht stören: Ob Järvi als Leiter oder Gast am Pult steht, scheint marginal - Hauptsache, er kommt. Sicher ist, dass er auch das 27. Rheingau Musik Festival eröffnen wird: am 28. Juni 2014 im Kloster Eberbach. Auf dem Programm: Werke von Felix Mendelssohn Bartholdy.

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