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Restaurator Hans Michael Hangleiter Kunst und Kohlenstoff

 ·  Die Liebe zur Schönheit ist unerlässlich, Verständnis für Naturwissenschaften auch. Der Restaurator Hans Michael Hangleiter hat sein Handwerk in Florenz gelernt, seine Werkstatt hat er in Otzberg, Arbeit überall. Ein Besuch.

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Die Farbe auf den Nüstern des Rappen ist abgeplatzt, Risse durchziehen die Bemalung des Zaumzeugs. Neben ihm ist ein Schimmel, dessen ursprüngliches Aussehen unter vielen Lackschichten langsam wieder zum Vorschein kommt. In der Werkstatt von Hans Michael Hangleiter stehen die Pferde des historischen Karussells in Hanau. In Jeans und blauem Karohemd steht der Restaurator vor den Figuren. Die Hanauer Bürger lieben das Karussell im Staatspark Wilhelmsbad, für seine Restaurierung ist ein Förderverein gegründet worden. Hangleiter mag die Karussell-Pferde, denen er neuen Glanz gibt, aber diese Arbeit, Kunsthandwerk im Grunde, ist für ihn eher untypisch.

Hangleiter, ein gebürtiger Stuttgarter, studierte Kunst und Germanistik an der Kunstakademie in Karlsruhe und später an der Universität in Kassel. Schnell wurde ihm klar, dass ein bloßes Kunststudium ihm nicht genügte. Hangleiter interessierte sich für Geschichte und die alten und noch älteren Meister, war geschickt mit den Händen, hatte ein gutes Auge, er wollte Restaurator werden. „Das war zur damaligen Zeit noch etwas vollkommen Außergewöhnliches“, sagt der Dreiundsechzigjährige. Inzwischen ist Restaurierung ein Studienfach in Deutschland. Wer sich dafür einschreiben will, muss zuvor ein mehrjähriges Praktikum oder Volontariat in einem Museum, in einem Denkmalpflegeamt oder in einer ähnlichen Einrichtung leisten.

Von Florenz über Stuttgart nach Otzberg

Auch Hangleiter hat ein Praktikum gemacht, über vier Jahre lang, von 1974 bis 1979 in den Restaurierungswerkstätten des Palazzo Pitti in Florenz. Die Stadt am Arno sei ein Dorado für jeden Restaurator, schwärmt Hangleiter noch heute von seiner Zeit in Italien. „Die Objekte sind wirklich traumhaft dort.“ 1979 zog er zurück nach Deutschland, von 1980 bis 1983 war er Amtsrestaurator beim Landesdenkmalamt Baden-Württemberg in Stuttgart; betreute dort unter anderem ein Pilotprojekt zur Ausbildung von Restaurierungspraktikanten. Hatte er in Italien vor allem an alten Gemälden und Leinwänden gearbeitet, beschäftigte er sich in Stuttgart vor allem mit Skulpturen und Wandmalerei.

Seit 1983 ist Hangleiter in Otzberg als freiberuflicher Restaurator tätig. Er hat eine eigene Firma, beschäftigt ein Team von acht bis zehn Restauratoren aus verschiedenen Fachbereichen. Praktikanten arbeiten für ihn und Spezialisten, zum Beispiel für Bauforschung. Für besonders große Aufträge kommen freie Mitarbeiter hinzu.

Ein italienischer Palazzo in Otzberg

Warum gerade die Gemeinde im Odenwald? „Das war blanker Zufall.“ Seine Frau sei in Südhessen zur Schule gegangen, und so habe man in dieser Gegend gesucht. Im Otzberger Ortsteil Lengfeld fand er dann das alte Bauernhaus, das er selbst ausbaute und dessen Räume heute entfernt an einen italienischen Palazzo erinnern. Im Hof befindet sich die Werkstatt. Dort ist Hangleiter aber nicht sehr häufig anzutreffen. Er liebt die großen Projekte, bei denen es darum geht, Konzepte für die Konservierung ganzer Bauwerke zu entwickeln, so wie bei der Kaisertherme in Trier vor einigen Jahren.

Die römischen Ruinen, die Teil des Unesco-Welterbes „Römische Baudenkmäler“ sind, ihre Ziegel und der Mörtel mussten unter freiem Himmel und damit bei jedem Wetter bearbeitet und konserviert werden. Keine leichte Aufgabe, erinnert sich der Restaurator und sagt, dass ihn Schwieriges besonders reize.

Mit Reißnägeln auf Sperrholzplatten genagelt

Die meisten Aufträge erhält Hangleiter aus Baden-Württemberg und Hessen. Von der Berliner Museumsinsel erreichte ihn 2003 die Anfrage des Direktors des Bode-Museums. Es galt, Wandmalereien des venezianischen Malers Giovanni Battista Tiepolo zu restaurieren. Mit Reißnägeln auf Sperrholzplatten genagelt, war die ehemalige Kriegsbeute aus Russland zurückgekommen. Doch nicht nur die Malereien restaurierte die Firma aus Otzberg, Hangleiter entwickelte auch ein Konzept zur Rekonstruktion des ursprünglichen Ausstellungsraums. „Als Anhaltspunkt hatte ich nur eine einzige Fotoaufnahme einer Villa in Venedig, in der die Fresken ursprünglich hingen“, beschreibt Hangleiter die Herausforderung bei diesem Projekt. Drei Jahre arbeitete er an der Rekonstruktion des Tiepolo-Kabinetts.

Ebenfalls ein außergewöhnlicher unter seinen Aufträgen seien Rekonstruktionsarbeiten in der Mariä-Entschlafens-Kirche bei Nowgorod in Russland gewesen, erzählt Hangleiter. Die ehemals vollständig ausgemalte, byzantinische Kreuzkuppelkirche war im Zweiten Weltkrieg stark beschädigt worden. Ihre Wandmalereien seien aber immens wichtig für die russische Malerei, weshalb die Kirche wieder aufgebaut wurde. Mehr als 1,5 Millionen Fragmente von Wandmalereien bargen die russischen Kollegen aus den Trümmern. „Anschließend haben siegepuzzelt wie die Weltmeister“, lacht Hangleiter. Seine Aufgabe war es, die zusammengesetzten Fragmente wieder an der Wand anzubringen. Dafür habe er sich eine ganz neue Methode mit ganz neuen Arbeitsstoffen einfallen lassen müssen.

Restauratoren sind besessen von der Vergangenheit

„Es gibt keine richtige Routine“, sagt der Restaurator. Um ganze Gebäude erhalten zu können, müssten viele Aspekte berücksichtigt werden. „Schon der Schattenwurf eines Baumes kann Auswirkungen auf die zu konservierende Substanz haben.“ Restauratoren sind besessen von der Vergangenheit und müssen doch fest in der Gegenwart verankert sein. Sie müssen die Kunst lieben, ein gutes Vorstellungsvermögen haben und naturwissenschaftliches Verständnis. „Restaurieren ist mehr, als mit dem Pinsel zu retuschieren“, sagt Hangleiter.

Wie viel mehr, das zeigen zum Beispiel die Workshops, die Hangleiter für Kollegen veranstaltet und bei denen es um den Einsatz von Cyclododecan geht: ein gesättigter, alicyclischer Kohlenwasserstoff, den Hangleiter bei Restaurierungsarbeiten oft verwendet. Es ist eine wachsartige Substanz, die bei Zimmertemperatur nach kurzer Zeit in den gasförmigen Zustand übergeht und sich auflöst. Deshalb, sagt Hangleiter, eigne sie sich gut zur Transportsicherung von Malereien. Als Schutzüberzug verhindere sie Schäden und verschwinde anschließend, ohne Rückstände zu hinterlassen.

Fast ununterbrochen klingelt das Mobiltelefon

Auch in der Papierrestaurierung habe sich die Arbeit mit Cyclododecan bewährt. „Zur Konservierung müssen die Papiere oft in Wasser getaucht werden“, erklärt Hangleiter. Durch das Auftragen des flüchtigen Bindemittels auf wasserempfindliche Stellen könne man diese vor Schäden schützen, die durch die Restaurierung selbst entstehen könnten. Vor rund 15 Jahren, sagt Hangleiter, sei er der Erste gewesen, der Cyclododecan auf diese Weise verwendete. Heute gehöre die Methode zum Stand der Technik, werde in allen Museen angewandt.

Seit 33 Jahren übt Hangleiter seinen Beruf aus; an Aufhören denkt er nicht. Im Gegenteil, es gibt viel zu tun. Fast ununterbrochen klingelt sein Mobiltelefon. An etwa 30 Projekten arbeitet die Firma zurzeit. Unter den Projekten ist auch die Kirche Sankt Leonhard in Frankfurt, für die Hangleiter die Fachbauleitung übernommen hat. Er überwacht Voruntersuchungen wie zum Beispiel erste Schürfungen, arbeitet eng mit Archäologen zusammen. Wenn er das erzählt, klingt er begeistert, die Freude an seinem Beruf teilt sich einem mit. Ohne diese Freude, meint er, sei ein Job ohnehin nicht gut zu machen, auch nicht seiner.

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Von Matthias Alexander

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