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Veröffentlicht: 21.04.2017, 19:36 Uhr

Der Verbrauchertipp Das zweite Leben der Kaffeemaschine

Bei kaputten Geräten denken viele heute schneller an Neukauf als an Reparatur. Gegen den Trend ermuntern Reparatur-Cafés dazu, es doch gemeinsam mit dem Basteln zu versuchen.

von Jan Schroeder, Frankfurt
© Wolfgang Eilmes Konzentriert bei der Sache: Helfer und Ratsuchende im Repair-Café Sachsenhausen

Für einen Tag im Monat wird aus dem Haus der Gemeinde St. Wendel in Sachsenhausen, sonst ein Ort der Andacht, eine geschäftige Werkstatt. Geflickt wird alles, „was durch die Tür passt“, sagt Wolfram Hempelmann, der ehrenamtlich beim Repair-Café Sachsenhausen hilft. Vom Fahrrad über die Lieblingsbluse bis zur Kreissäge gibt es kaum etwas, an dem sich die Bastler noch nicht abgearbeitet hätten, sagt Hempelmann.

Die Reparier-Bewegung ist inzwischen gut etabliert in einer Zeit, da viele Verbraucher den Verdacht hegen, die Industrie baue bewusst Schwachstellen in Fernsehgeräte, Handys und Computer ein, damit sie schneller, bestenfalls kurz nach Ablauf der Garantiezeit, kaputtgingen. Die Stiftung Warentest fand dafür nach Auswertung von Dauertests vor gut dreieinhalb Jahren zwar keine Beweise, kritisierte gleichwohl die Tricks und Kniffe der Hersteller, um Umsätze anzukurbeln. Dazu zählt sie fest eingebaut Akkus ebenso wie fehlende Ersatzteile.

Bequemlichkeit oder Absatzkalkül

Die Helfer und Besucher im Repair-Café, die auch mit anpacken sollen, arbeiten engagiert dagegen an. „Manchmal gibt es sogar zu viele Helfer, die dann wieder gehen, weil sie denken, dass sie nicht gebraucht werden“, sagt Tobias Glatzke, der auch beruflich Soft- und Hardwareprobleme bearbeitet. Gleichwohl brauchen die Repair-Cafés ausreichend und gute Mitarbeiter, wie Helfer hervorheben. Nur so funktioniert die Arbeit.

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Herbert Fritz hat seinen defekten Drucker mitgebracht und meldet einen Teilerfolg. „Vorher ging gar nichts, jetzt druckt er wenigstens wieder in Magenta“, sagt Fritz. Zur Seite steht ihm Dieter Werner. Mit Schraubenzieher und Isolationsprüfgerät bewaffnet, geht der Rentner abermals auf den Drucker los. Werner hat jahrelang in der Hardwareentwicklung gearbeitet und fünf Jahre im Außendienst Spielautomaten repariert. Der Erfolg spornt ihn an. Wer schon mal versucht hat, ein defektes Gerät beim regulären Großhändler zur Reparatur zu bringen, kann sich über den Elan des Rentners nur wundern.

„Sie kommen billiger davon, wenn sie sich ein neues Gerät kaufen“, heißt es oft im Elektronikmarkt. Teilweise wird das zutreffen. In anderen Fällen darf man darüber spekulieren, ob so ein Rat der Bequemlichkeit des Mitarbeiters geschuldet ist – oder dem Absatzkalkül des Marktes.

In 50 bis 70 Prozent der Fälle erfolgreich

In den Frankfurter Repair-Cafés stehen dagegen die Chancen nicht schlecht, dass selbst alten Kisten, die manch einer längst als Elektroschrott entsorgt hätte, noch neues Leben eingehaucht wird. Fünf verschiedene Projekte an unterschiedlichen Orten – Gallus, Ostend, Bockenheim, Dornbusch und Sachsenhausen – gibt es inzwischen. Sie laufen alle unter demselben Label Repair-Café, werden aber von unterschiedlichen Veranstaltern organisiert. Ihre Hilfe bieten die Helfer gegen eine Spende an. Einzige Bedingung: Vor der Reparatur müssen die Hilfesuchenden eine Verzichtserklärung unterzeichnen, für den Fall, dass ein Gerät bei der Reparatur über den vorhandenen Schaden hinaus beschädigt wird.

Wer bei dem Namen Repair-Café an eine dilettantische Selbsthilfegruppe von Hobbyschraubern denkt, liegt im Übrigen weit daneben. Auch wenn es zum Reparieren Kaffee und Kuchen gibt. Die Do-it-yourself-Werkstätten verfügen über eine gute technische Ausrüstung und teilweise exzellent ausgebildete Fachleute. Vor allem Rentner, die ihr altes Handwerk vermissen, und junge Studenten, die noch nicht ganz vom Berufsalltag absorbiert sind, engagieren sich ehrenamtlich für die Repair-Cafés. Nach eigenen Angaben der Helfer gelingt in etwa 50 bis 70 Prozent der Fälle die Reparatur.

Repair-Cafés als Marktlücke

Die Idee hat ihren Ursprung in den Niederlanden und startete 2009, nach der letzten Weltwirtschaftskrise. Martine Postma ist die Urheberin. Nach ihrer Auffassung produzieren die Hersteller viel zu viele Geräte und arbeiten dabei viel zu wenig nachhaltig. Die Repair-Cafés sollen ein Zeichen setzen gegen die Wegwerfmentalität. Auf dass die Geräte, die schon produziert sind, wenigstens länger halten. Das stellt die Wirtschaftswelt nicht auf den Kopf. „Aber ist doch schon ein kleiner Schritt hin zu einer besseren Welt“, sagt ein Helfer. So viel Idealismus muss sein. Sonst würde sich wohl kaum jemand ohne Bezahlung engagieren.

Inzwischen gibt es mehr als 1000 Repair-Cafés weltweit. Ihren Erfolg verdanken sie dabei vermutlich nicht nur dem Umweltbewusstsein, sondern auch einer Marktlücke. Die großen Hersteller reparieren nämlich nur noch selten, und bei den kleinen Läden ist es oft so teuer, dass ein Neukauf günstiger wäre, wie Fritz weiß. Er und seine Kollegen basteln wacker dagegen an.

Reparieren im Stadtteil

In Frankfurt finden regelmäßig Repair-Cafés an verschiedenen Orten statt. Alle treten unter der Marke Repair-Café auf, haben aber unterschiedliche Veranstalter. Auf der gemeinsamen Homepage www.repaircafefrankfurt.de stehen die Termine. Für Mai und April sind dies:

Dornbusch: Freitag, 28. April, 15 bis 17 Uhr, Hansaallee 150.

Sachsenhausen: Dienstag, 2. Mai, 17.30 bis 20 Uhr, Gemeindehaus St. Wedel, Altes Schützenhüttengäßchen 4.

Gallus: Mittwoch, 3. Mai, 17 bis 20 Uhr, Koblenzer Straße 9.

Ostend: Samstag, 13. Mai, 10 bis 12 Uhr, Nachbarschaftszentrum, Waldschmidtstraße 39.

Bockenheim: Sonntag, 28. Mai, 14.30 bis 17.30 Uhr, Haus der Kulturen am Campus, Mertonstraße 26. Zudem gibt es dort an verschiedenen Terminen Fahrradselbsthilfe-Werkstätten.

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