Entspannt gleitet Olga Martinez-Alvarez zurück an die Wasseroberfläche. Ohne Hektik streift sie sich die Maske vom Gesicht, formt Daumen und Zeigefinger der rechten Hand zu einem „O“ - alles in Ordnung, „I’m okay“, teilt sie kurz darauf dem Schiedsrichter mit. So wollen es die Regeln. Dann heißt es warten, um zu sehen, ob ihr Körper mit der Strapaze zurechtkam und es nicht zu Muskelzuckungen kommt, die darauf hinweisen, dass das Gehirn mit zu wenig Sauerstoff versorgt wird. Sollte sie diese nicht unter Kontrolle bekommen, wird der Tauchgang nicht gewertet. Samba nennen Apnoetaucher diesen Kontrollverlust des Körpers über die eigene Motorik. Noch schlimmer könnte ein Blackout sein, bei dem Taucher das Bewusstsein verlieren.
Bei der 44-Jährigen sieht alles gut aus. Ihre Arme ruhen auf dem Beckenrand, die Beine baumeln mit der Monoflosse im Wasser. Wenn der Schiedsrichter die weiße Karte zieht, hat die gebürtige Frankfurterin einen deutschen Rekord im Streckentauchen aufgestellt. Nach 15 Sekunden ist es geschafft. Die Karte wird gezeigt, und das langwierige Training hat sich innerhalb von 2 Minuten und 57 Sekunden bezahlt gemacht: 182 Meter - und damit 18 Meter mehr als der 2009 von der Berlinerin Anna von Boetticher aufgestellte deutsche Bestwert.
Ein Zufall
Den Rekordversuch im Darmstädter Nordbad wollte Olga Martinez-Alvarez schon Ende März angehen, eine schwere Bronchitis zwang sie jedoch, zwei Wochen vom Wasser fernzubleiben. Der Termin wurde verschoben. Ein paar Wochen kamen hinzu, um sich abermals vorzubereiten. Nicht viel. Drei Tauchversuche unternimmt sie in dieser Zeit. Erst 100, dann 150 Meter. Die Woche darauf ein Einbruch: wieder nur 100 Meter und ein Atemreiz, den sie nicht unter Kontrolle bringen kann. Zu groß ist auf einmal die Anspannung, es nicht zu schaffen, die Nervosität steigt. Zuvor ist sie schon 183 Meter im Training getaucht. „Aber so ist es doch immer bei mir“, stellt die Rekordhalterin nach ihrem Tauchgang fest, für den sie Monoflosse, einen Bleigürtel und einen 1,5 Kilogramm schweren Nackenring nutzte. Dieser wirkt dem Auftrieb der Lunge entgegen, wodurch die gewünschte horizontale Wasserlage erreicht wird.
Dass die gebürtige Frankfurterin überhaupt zum Apnoetauchen kam, ist dem Zufall zu verdanken. Sie und ihr Mann Sergio suchten nach einen Tauchclub und wurden in Wiesbaden fündig. Fasziniert beobachtete Sergio Martinez-Alvarez die Apnoetaucher, anders seine Ehefrau. „Was dir gefällt, muss mir nicht gefallen“, war ihr Standpunkt - der sich jedoch schnell ändern sollte. Sie probierte es aus und kam bei ihrem ersten Tauchgang sogleich auf eine beeindruckende Strecke von 37 Metern. Von Woche zu Woche steigerte sich die Streckenlänge. 2010 legte sie 152 Meter in einem See zurück - ihr erster nationaler Rekord. Mit ihrem Mann nahm sie an den Weltmeisterschaften in Dänemark 2009 teil, tauchte in verschiedenen europäischen Ländern, in Vietnam und Ägypten. Während eines Urlaubs auf Kuba hatte sie ihren Mann kennengelernt. Olga Martinez-Alvarez wollte Tauchen lernen und sah ihn mit seiner ABC-Schnorchelausrüstung in ihrem Hotel. Sie kamen ins Gespräch, und am nächsten Tag war sie mit ihm im Meer, nicht wissend, dass er kein Tauchlehrer war, sondern mit Harpune auf Fischfang ging. Sie tauchte mit ihm in die Tiefe, wo nicht nur eine Leidenschaft begann: Ein halbes Jahr später waren sie verheiratet.
Hektik ist beim Freitauchen fehl am Platz
Sechs Tage die Woche wird gemeinsam trainiert, allein ist es zu gefährlich. Die Sicherheit steht bei dem Extremsport an erster Stelle. Nur sonntags ist Entspannung angesagt, bevor es am nächsten Tag wieder zur Arbeit und zum Training ins Wasser geht. Statik, auch Zeittauchen genannt, gehört dazu. Völlig regungslos liegt die an Land so quirlige Freitaucherin mehr als fünfeinhalb Minuten in einen wärmenden Neoprenanzug verpackt mit dem Gesicht nach unten im Wasser. Mentale Höchstleistungen, die diese anspruchsvolle Disziplin den Tauchern abverlangt. Neben dem Streckentauchen gehören auch Schwimmen, Dehnübungen und die wichtigen Atemübungen zum Trainingsprogramm. Ohne Übung ist es schwer, den Atemreiz über einen längeren Zeitraum zu unterdrücken, und gerade für das Tieftauchen gibt es spezielle Techniken. 41 Meter Wassertiefe hat die in Darmstadt lebende Apnoetaucherin bisher erreicht. Eine Woche Tauchurlaub in Ägypten soll helfen, die Technik auszubauen, um nach und nach die Tiefenmeter zu steigern.
Hektik ist beim Freitauchen fehl am Platz. Ruhe und Ausgeglichenheit sind nötig, um lang, weit oder tief zu tauchen. Ein wenig überrascht es dabei, dass Olga Martinez-Alvarez sich mit Technomusik vor ihren Tauchgängen entspannt. Unter Wasser schaltet sie dann alles aus, der Alltag ist weit weg. Der Körper ist gestreckt, die Hände liegen übereinander, zwei Kick-Bewegungen, gleiten - so bringt sie sich vorwärts, immer im Wechsel und scheinbar mühelos zieht sie ihre Bahnen. „Der absolute Ausgleich und diese Ruhe, du hörst nichts, es ist einfach berauschend“, beschreibt sie ihr Gefühl, wenn sie sich frei taucht. Doch auch sie braucht über lange Strecken kleine Hilfsmittel. Das Stück Schwimm-Nudel beispielsweise, auf das ihr Mann ein lachendes Gesicht gemalt und an ein Tauchgewicht gebunden hat - als aufmunternde Motivationshilfe auf der langen atemlosen Strecke.