15.12.2011 · Angelina Herröder ist erst 17Jahre alt und gehört schon zur hessischen Springreiter-Elite. Beim Turnier in der Festhalle lässt sie prominente Kollegen hinter sich - und sie hat noch viel vor.
Von Hans-Joachim Leyenberg, FrankfurtFür Angelina Herröder ist der Auftritt in der Frankfurter Festhalle ein Heimspiel. Das macht die Prüfung hoch zu Pferd nicht einfacher: Man fühlt sich halt unter Beobachtung. Von Leuten, die einen kennen, die es gut mit einem meinen. Gestern saß die Siebzehnjährige im Sattel, als es noch stockdunkel war. Sie ist bekennender Morgenmuffel. Beginn der Springprüfung ist Punkt sieben Uhr - die Härte. Sie ist als Einundzwanzigste von 22 Startern dran. Da kann man dann für eine Weile die Tücken des Parcours studieren, ehe es auf den Abreiteplatz geht. Angelina ist die jüngste im Teilnehmerfeld, die Stute Quenn St.Loise mit sieben Jahren auch die jüngste unter den Vierbeinern. Weil sie noch nie in so einer riesigen Halle mit ihren vielen Lichtern war, fühlt sie sich auf Entdeckungsreise. Vielleicht kostet soviel Neugier ein wenig Aufmerksamkeit, vielleicht war die Reiterin nicht ganz ausgeschlafen. Mit je einem Fehler in zwei Umläufen wird sie Sechste.
Vater Siegfried, ein ehemaliger Springreiter, plädiert für Nachsicht mit der Stute: „Sie ist jung.“ Für die Tochter gibt es ein paar spontane Belehrungen, die er sich im Nachhinein lieber verkniffen hätte. Aber er kann ja nicht aus seiner Haut. Wie die Tochter. Sie sei halt ehrgeizig, sagt er, sehr sogar. Er auch. Zwei Dickköpfe, die schon mal zusammenrasseln. Kurz aufbrausend, dann ist alles wieder gut. Mit 250 Euro Preisgeld für Rang sechs ist ein Anfang gemacht. Ein Abwurf weniger, und es hätte 500Euro mehr gegeben. Die lukrativen Springprüfungen kommen ja erst noch. Mit erstklassiger Konkurrenz. Aber schon zum Auftakt am sogenannten Hessentag ließ der Teenager aus Büttelborn prominente Kollegen hinter sich: Lars Nieberg zum Beispiel und Angelica Augustsson. Die waren schon dort, wo Angelina Herröder noch hin will: zum CHIO in Aachen, als Starter bei Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen.
Das ist so ähnlich wie mit dem Führerschein. Die theoretische Prüfung hat sie geschafft, zwei Tage vor Heiligabend folgt die praktische. Sobald das 18.Lebensjahr vollendet ist, wird manches leichter. Etwa die Fahrt von Büttelborn zum Reitstall nach Wallau, wo die 17Pferde untergebracht sind, um die sich die Herröders kümmern. Darunter drei eigene, alle anderen gehören „Freunden, die Geld übrig haben“. Ein Handelsstall, der im Idealfall durch Ein- und Verkauf von Pferden ein paar Euro abwirft. „Da zahlt man schnell drauf“, rechnet der Senior vor, als es um die Kosten für ein Turnier-Wochenende geht. Da kommen locker 2500 bis 3000 Euro zusammen. An Fahrtkosten, an Startgeldern, an Vollpension für die vier Wettkämpfer, die in den Stallungen auf dem Messegelände untergebracht sind. An vier Tagen wird eine Tonne voll mit Hafer fällig, dazu drei, vier Sack Power-Müsli, 20Sack Späne à acht Euro, außerdem fünf bis sechs Ballen Heu.
„Eigentlich sind alle meine Lieblinge“, sagt Angelina Herröder beim Blick in die Stallgasse, „aber der hat einen Pluspunkt.“ Sie deutet auf den Wallach Barbou de Ruet. Sie nennt ihn mal „Babu“, mal „Schmusebär“. Ihr Kandidat, wenn es darum geht, mit der Elite mitzuhalten. Die Nummer eins im Stall, Panthere de Bacon, eine Stute, die der Einfachheit halber Paula gerufen wird, ist verletzt. Mit Verletzungen kennt sich Angelina bestens aus. Eine Blödelei mit Bruder Sascha, Fußballprofi beim VfR Aalen aus der dritten Liga, endete in der Freiluft-Saison mit einem Bänderriss und einem Achillessehnenanriss. Zu allem Überfluss wurde im August eine Blinddarm-OP fällig, und am 3.Januar muss das Knie operiert werden. Wieder steht eine Zwangspause an.
Da wäre es ganz praktisch, wenn noch ein wenig Weihnachtsgeld in die Kasse käme. Realistisch ist der nächste Start im Februar in Bremen, ehe die Tour für Vater, Tochter und Pferdepflegerin Sabine, die es schon 22Jahre bei den Herröders aushält, nach Valencia geht. Aber das ist Zukunftsmusik. Vielleicht taugt Frankfurts „Gutt Stubb“ ja zum Sprungbrett für die Karriere, die sich mit der Verleihung des Goldenen Reitabzeichens ankündigte. Dietmar Gugler, der ehemalige Jugend-Bundestrainer, sagt, dass es für Angelina Herröder jetzt darum gehe, „den nächsten Schritt zu machen“. Sich als Profi gegen Beerbaum und Kollegen zu behaupten. Angelinas Wangen bekommen noch mehr Farbe, wenn sie nach den Favoriten gefragt wird. Es sind die Namen der üblichen Verdächtigen von Christian Ahlmann bis Hugo Simon, aber am Ende der Prognose sagt sie kess: „Ich werde angreifen.“ Eine Tonlage, die in gehobenen Springreiter-Kreisen verstanden wird: Mit der Amazone ist zu rechnen.
Und Spaß am Beruf hat sie auch noch. Der Name eines Pferdes, das Angelina Herröder erst seit vier Wochen unter dem Sattel hat, ist Programm: Enjoy it. Nur morgens um sieben ist es wirklich hart.