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Einzelhandelskonzept : Klagen über Leerstände in den Innenstädten

Gutes Beispiel: Bad Vilbel hat sich in den vergangenen Jahren mit der neuen Stadtbibliothek, Geschäften und Gastronomie eine neue Stadtmitte gegeben. Bild: Wolfgang Eilmes

Das regionale Einzelhandelskonzept wird zehn Jahre alt. Für Politiker ist das ein guter Zeitpunkt, um zu prüfen, ob es sich bewährt hat – oder ob Änderungen nötig sind.

          Darmstadt muss sich keine Sorgen machen. Der Einzelhandel werde weiter die Menschen in die City ziehen. „Doch Bensheim muss aufpassen“, sagt der Darmstädter Stadtplaner Wolfgang Christ. Wenn dort das letzte, inhabergeführte Kaufhaus schließe, gebe es nicht nur Leerstand, sondern die Innenstadt verlöre ihren Mittelpunkt. Mit Blick auf die Folgen des immer stärker werdenden Online-Handels fordert er, alles in den Innenstädten zu konzentrieren, was Menschen zusammenbringe: Kultur, Bildungseinrichtungen, Kindergärten, Altersheime und attraktive Architektur. Beim Handel müssten die Lebensmittelgeschäfte ins Zentrum zurückkehren. Schon jetzt klagten viele Kommunen über Leerstände, sagt der langjährige Weimarer Professor für Städtebau. Er prognostiziert, dass auf die kleinen und mittleren Orte „schwierige Zeiten zukommen“.

          Mechthild Harting

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Anlass für Christs Äußerungen ist eine Diskussion zum Regionalen Einzelhandelskonzept, die das Regierungspräsidium Darmstadt angestoßen hat. Das seit 2008 für das Rhein-Main-Gebiet geltende Konzept, das den Verbleib von Geschäften in den Innenstädten sichern sollte, wird derzeit überprüft. Die in der Regionalversammlung Südhessen vertretenen Politiker wollen wissen, ob es sich bewährt hat und ob es angesichts der Entwicklungen im Einzelhandel verändert werden müsste. Seinerzeit war das Konzept mit großer Mehrheit von der Regionalversammlung beschlossen worden.

          2010 erstmals im Fokus

          Beachtung fand das Konzept erstmals, als die Versammlung den Wunsch Bad Vilbels ablehnte, am Stadtrand einen Segmüller-Möbelmarkt anzusiedeln. Nicht die Größe des Marktes kollidierte mit dem Konzept, denn Möbelmärkte sollen ebenso wie Bau- und Gartenmärkte mit dem Auto gut erreichbar am Stadtrand gebaut werden. Umstritten war das „Randsortiment“ aus Porzellan, Gardinen, Leuchten, Haushalts- und Babyartikeln, das laut Konzept vorrangig in den Innenstädten verkauft werden soll und am Stadtrand nur sehr eingeschränkt erlaubt ist. Das Konzept begrenzt das Randsortiment auf 800 Quadratmeter, Segmüller forderte dagegen fast 6000 Quadratmeter. Das war 2010. Fünf Jahre später bestätigte der hessische Verwaltungsgerichtshof die Vorgaben des Konzepts: Die Begrenzung des Randsortiments auf 800 Quadratmeter für Märkte auf der sogenannten grünen Wiese sei nicht zu beanstanden. Dennoch beschäftigt diese Regelung die Kommunalpolitiker der Region noch immer.

          Umso erstaunter reagierten sie auf den Bericht von Sebastian Wilske, stellvertretender Direktor beim Regionalverband Mittlerer Oberrhein mit Sitz in Karlsruhe. Dort ist es dem Verband gelungen, Ikea davon zu überzeugen, einen Markt auf einer Brache in der Innenstadt zu errichten. Ursprünglich wollte das Möbelhaus an der Autobahn bei Raststatt bauen, doch darüber war es zu einem Rechtsstreit gekommen. Statt zehn Hektar beansprucht Ikea nun nur noch drei Hektar, weil es auf mehreren Ebenen Ware verkaufen will und die Parkplätze auf das Dach verlegt. Wilske spricht von einer „großen Kraftanstrengung“ und vom „langem Atem der Planer“, von dem nicht nur die Innenstädte profitierten, sondern auch die Investoren. Am neuen Standort gebe es für Ikea keine Restriktionen wegen des Randsortiments, und der Markt befinde sich fünf Minuten von der Universität entfernt. Studenten, die oft kein Auto hätten, könnten fußläufig das Geschäft erreichen. 2019 eröffnet Ikea Karlsruhe.

          Schlechtes Beispiel: Ikea errichtet Fachmärkte auf der grünen Wiese in Wallau.
          Schlechtes Beispiel: Ikea errichtet Fachmärkte auf der grünen Wiese in Wallau. : Bild: Cornelia Sick

          Experten: Lebensmittelmärkte gehören in die Innenstadt

          Eine große Bedeutung kommt nach Ansicht vieler Fachleute den Lebensmittelmärkten zu. Wie Christ fordern auch andere Experten, dass diese Märkte mehr denn je in die Innenstädte gehörten. Das Einzelhandelskonzept hatte bereits Märkte in Gewerbegebieten untersagt und gefordert, dass sie dort angesiedelt werden, wo die Menschen wohnen, um die Nahversorgung zu sichern. Wilske rät, sich auch bei den Supermärkten viel mehr Gedanken um die Plazierung zu machen. Die Chance, weitere Märkte anzusiedeln und damit korrigierend einzugreifen, gebe es häufig nicht am gleichen Standort.

          Als „hessisches Problem“ bezeichnen die Planer, dass anders als in anderen Bundesländern alte Bebauungspläne nicht angepasst werden müssen. Damit gelten alle Vorgaben des Einzelhandelskonzepts, das sich nach Ansicht aller Experten bewährt hat, nur für die grüne Wiese und nicht für bereits geplante Gebiete. Deutlich wurde das bei den Erweiterungsplänen von Ikea in Hofheim-Wallau. Dort entstand 2014 ein „Homepark“ mit Fachmärkten, weil der bestehende Bebauungsplan dies ermöglichte – gegen den Willen der Regionalversammlung. Dabei hatte Christ sehr an die Politiker appelliert, die Planung als Instrument zum Gestalten zu nutzen und aktiv zu werden, statt „nur zu verwalten“.

          Quelle: F.A.Z.

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