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Zurückgehende Steuereinnahmen Die Kirche sucht nach neuen Geldquellen

 ·  Weil Steuereinnahmen zurückgehen, werden in evangelischen Gemeinden Stiftungen immer wichtiger. Schon seit 400 Jahren gibt es Stiftungen der Kirche. Nicht selten können so Zehntausende Euro gewonnen werden.

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Ehrgeizig – anders lässt sich das Ziel von Angelika Detrez nicht beschreiben: Aus 15.000 Euro sollen innerhalb eines Jahres 100.000 werden. Dieser Weg mag mühsam sein, doch die Pfarrerin der Paul-Gerhardt-Gemeinde im Frankfurter Stadtteil Niederrad will ihn gehen. Sie weiß: Nur mit einem ausreichend großen Kapitalstock wirft die neue Stiftung in ihrer Gemeinde bei einem Zinsertrag von fünf Prozent genug ab, um sinnvoll arbeiten zu können. Immerhin sind die 15 000 Euro, die Dieter Nölle aus dem Nachlass seines verstorbenen Vaters gestiftet hat, ein Anfang.

Die „Diakonische Bürgerstiftung Niederrad“ ist die fünfte Gemeindestiftung in der evangelischen Kirche Frankfurt. Immer mehr Gemeinden entdecken dieses Modell, um ihre Arbeit angesichts sinkender Kirchensteuereinnahmen zu sichern oder auszubauen. Die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau (EKHN), zu der Frankfurt gehört, wirbt seit 2002 regelrecht für die Errichtung von Stiftungen.

Schon seit 400 Jahren Stiftungen

Dabei kann die Landeskirche auf eine lange Tradition blicken: Vor 400 Jahren wurde die älteste Stiftung auf dem Gebiet der heutigen EKHN gegründet: die Hospitalstiftung Cronberg in Kronberg. Sie ist eine sogenannte nichtrechtsfähige Stiftung, das heißt, sie ist keine juristische Person. Die älteste rechtsfähige Stiftung in der Landeskirche ist die 1732 gegründete Von Schrautenbach und Aktuar Nau’sche Stiftung in Friedberg, die bedürftige Protestanten und die Konfirmandenarbeit unterstützt.

Heute hat die hessen-nassauische Kirche die Aufsicht über 142 kirchliche Stiftungen, darunter große Institutionen wie die 2004 gegründete Stiftung der EKHN selbst (mit fünf Millionen Euro Kapital) oder die ihres Diakonischen Werks. Die meisten sind aber Gemeindestiftungen. Zwei Modelle lassen sich unterscheiden: Entweder stiftet eine Privatperson Geld, das dann als Stiftungskapital von einer Gemeinde treuhänderisch verwaltet wird – wie etwa in Niederrad. Oder eine Gemeinde stellt selbst einen Betrag zur Verfügung. In beiden Fällen werben die Gemeinden dann um Zustiftungen. Diese Aufgabe haben Pfarrerin Angelika Detrez und ihre Mitarbeiter nun vor sich. Ein Flugblatt ist fast fertig, am 6. September soll die neue Stiftung beim ökumenischen Gemeindefest öffentlich präsentiert werden.

Zehntausende Euro durch Stiftungen hinzugewonnen

Ein Blick in den Norden Frankfurts zeigt, wie es vorangehen kann: Die Emmausgemeinde im Stadtteil Eschersheim hat das Kapital ihrer Stiftung innerhalb von zwei Jahren um 20.000 Euro vergrößern können. „Damit sind wir zufrieden“, sagt Ingeborg Höly vom Kirchenvorstand. „Aber wir sind an weiteren Zustiftungen interessiert.“ In Eschersheim hatten 38 Stifter und die Gemeinde 2007 mit 51.000 Euro den Grundstock gelegt, nun sind es 71.000 Euro. Es sind vor allem viele kleinere Beträge, die im Laufe der Zeit hinzugekommen sind. Mit den Stiftungserträgen wird etwa die Jugend- und Seniorenarbeit gefördert. Die Stiftung der evangelischen Gemeinde in Bad Soden hat im ersten Jahr ihres Bestehens, von 2007 bis 2008, ihr Stiftungskapital sogar fast verdoppelt: Nachdem die Gemeinde 115 000 Euro zur Verfügung gestellt hatte, hat die Stiftung heute einen Kapitalstock von 225 000 Euro. Mit den ersten Zinserträgen wird die Stelle einer hauptamtlichen Mitarbeiterin in der Kinder- und Jugendarbeit mitfinanziert.

Das Ziel der neuen Stiftung in Frankfurt-Niederrad ist die Förderung der Seniorenarbeit in der Gemeinde und im ganzen Stadtteil, wie Pfarrerin Detrez schildert. Im Blick hat sie zum Beispiel jene, die 80 Jahre und älter sind und noch zu Hause wohnen. Veranstaltungen sollen einer drohenden Vereinsamung vorbeugen. Dafür gibt es das „Regenbogenhaus“ der Gemeinde. Geht das Konzept auf, kann die ohnehin starke Seniorenarbeit in dem Stadtteil intensiviert werden.

Viel Erlös bei Verkauf von Immobilien

Einen anderen Zweck verfolgt die eineinhalb Jahre alte Maria-Magdalena-Stiftung der gleichnamigen Gemeinde in Frankfurt-Sachsenhausen. Ihr Stiftungskapital liegt bei stolzen 500.000 Euro – Spendengeld, mit dem die Gemeinde eine Rücklage gebildet hatte. Gefördert werde bereits die Jugendarbeit, außerdem solle, so Pfarrer Ulrich Baumann, später einmal die Osterkirche aus den Stiftungserträgen erhalten werden. Dafür stünden von 2020 an keine Kirchensteuermittel mehr zur Verfügung. Auch Baumann ist auf der Suche nach Zustiftungen, um das Kapital zu vergrößern.

Die Chancen dafür stehen nicht schlecht, denn in seiner Gemeinde wohnen auch betuchtere Menschen. Überhaupt sind die EKHN-Gemeinden im Rhein-Main-Gebiet in einer guten Lage, wenn es um die Bildung von Stiftungskapital geht. Die Immobilien brächten bei einem Verkauf mehr ein, und die Vermögen von Privatleuten seien höher als etwa in ländlichen Regionen der EKHN, wie die Stiftungsjuristin der Landeskirche, Sabine Langmaack, urteilt. Nach ihrer Beobachtung kommen die Stifter, die Gemeinden Geld treuhänderisch überlassen, aber eher nicht aus dem Großbürgertum. „Es sind eher Menschen mit normalen Berufen“, die mit dem Geld ihrer Familie in der zweiten oder dritten Generation ordentlich gewirtschaftet hätten. Die Luthergemeinde in Frankfurt hat ihre Stiftung mit Hilfe einer Erbschaft im Jahr 2006 ins Leben gerufen. Das Startkapital betrug 250.000 Euro. Ähnlich wie in der Maria-Magdalena-Gemeinde soll unter anderem die Jugendarbeit gefördert werden, weil es nicht mehr genügend Geld aus der Kirchensteuer für entsprechende hauptamtliche Mitarbeiter gibt. Die Kirchengemeinde im Frankfurter Stadtteil Fechenheim wiederum kann mit ihrer Harnischfeger-Lüben-Stiftung unter anderem die Jugendarbeit und Kindergottesdienste unterstützen. Diese Stiftung gibt es seit 2003 – benannt ist sie nach zwei Familien, die 30.000 Euro gaben.

Stiftungszweck oft vage

Ein Blick ins Register der Stiftungen in der EKHN beim Bundesverband Deutscher Stiftungen zeigt: Viele Gemeinden geben dort als Stiftungszweck kurz die „Förderung der Gemeindearbeit“ an – wie zum Beispiel die Gemeinden in Bad Soden, Egelsbach, Groß-Umstadt, die Matthäusgemeinde in Wiesbaden oder die Gemeinden in Mainz-Gonsenheim und in Battenfeld, einem Ort im Norden der EKHN. Was jene Förderung konkret heißt, bestimmen die Gemeinden selbst.

Darüber müssen sich Wilfried Steller, Pfarrer in Fechenheim, und seine Mitarbeiter neue Gedanken machen, denn es könnte bald eine zweite Gemeindestiftung geben. 200.000 Euro aus dem Verkauf einer gemeindeeigenen Wohnung sollen sinnvoll angelegt werden. Ob mit dem Geld das Kapital der schon bestehenden Harnischfeger-Lüben-Stiftung vergrößert oder eine neue Stiftung ins Leben gerufen wird, soll bis zum Oktober entschieden werden.

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Jahrgang 1965, Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

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