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Zivildienst Zwangsweise kürzer, freiwillig länger

 ·  Die Bundesregierung plant, den Wehrdienst zu verkürzen. Dies würde auch die Dauer des Zivildienstes reduzieren. Unter den karitativen Verbänden in Deutschland hat dieser Plan Entrüstung hervorgerufen. Die Verbände im Rhein-Main-Gebiet bewerten die Situation unterschiedlich.

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Entrüstung hat der Plan der Bundesregierung, den Wehrdienst bis Anfang 2011 von bisher neun Monaten auf ein halbes Jahr zu verkürzen, unter den karitativen Verbänden in Deutschland hervorgerufen. Denn die Vereinbarung aus dem Koalitionsvertrag zwischen CDU/CSU und FDP würde auch eine Reduzierung des Zivildienstes um drei Monate bedeuten.

Ganz gelassen blickt dagegen der Malteser Hilfsdienst in Frankfurt dieser Entwicklung entgegen. Schon vor fünf Jahren, als der Zivildienst auf neun Monate verkürzt worden war, hatte man dort begonnen, Stellen für Kriegsdienstverweigerer zu Posten für geringfügig Beschäftigte umzubauen. Für die Malteser arbeitet heute kein Zivildienstleistender mehr. „Gerade im Rettungs- und Fahrdienst hätte sich der Einsatz nicht mehr gelohnt“, sagt Lioba Abel-Meiser, Leiterin der ehrenamtlichen Sozialdienste bei den Frankfurter Maltesern. Im Rettungsdienst nehme allein die Ausbildung rund drei Monate in Anspruch. Das Fazit der Frankfurter Malteser: Praxistest bestanden, es geht auch ohne Zivis. Abel-Meister will die eigene Erfahrung nicht verallgemeinern. Zudem könne der Zivildienst eine ganz wichtige Erfahrung für junge Leute sein.

Freiwilliges soziales Jahr

Der Arbeiter-Samariter-Bund (ASB) und das Deutsche Rote Kreuz (DRK) setzen im Gegensatz zu den Maltesern noch auf Zivis. Das könnte sich ändern. „Sechs Monate Dienst machen keinen Sinn, dann bekommen wir ein Riesenproblem. Das könnte dazu führen, dass wir keine Zivis mehr einstellen“, sagt Ulrich Müller, Geschäftsführer des ASB Frankfurt/Main-Taunus, der derzeit rund 20 Wehrdienstverweigerer in seiner Region beschäftigt. „Uns würden bewährte Kräfte wegbrechen, weil Zivis künftig mit Urlaub, Krankheit und Lehrgängen nur noch drei Monate zur Verfügung stünden“, sagt Günter Ohlig, Teamleiter Rettungsdienst beim DRK Hessen, für den landesweit rund 50 Zivis im Einsatz sind. Künftig könne die Ausbildung schon die gesamte Dienstzeit in Anspruch nehmen. Ohlig müsste auf hauptamtliche Kräfte umstellen, die jedoch erheblich mehr kosten.

Nach den Vorstellungen der Bundesregierung sollen künftig Helfer, die etwa ein freiwilliges soziales Jahr leisten, die Lücke füllen, die der verkürzte Zivildienst reißt. „Ein Ausbau des freiwilligen Jahres wäre eine gute und geeignete Antwort auf die Verkürzung des Zivildienstes“, sagt auch der hessische Minister für Arbeit, Familie und Gesundheit, Jürgen Banzer (CDU). „Die Freiwilligen sind keine planbare Größe, sie können immer aussteigen“, sagt dagegen Ohlig. Das freiwillige soziale Jahr dauert mindestens sechs, aber höchstens 18 Monate und ist jederzeit kündbar. Wer etwa vorzeitig einen Studienplatz erhält, bricht ab.

Ausbau der Jugend- und Freiwilligendienste

Diese Erfahrung hat Reinhard Brand gemacht. Der Schulleiter der Fröbelschule Offenbach, einer Schule für geistig Behinderte, arbeitet sowohl mit Zivildienstleistenden als auch mit Freiwilligen zusammen. „Die Hälfte der Freiwilligen bleibt ein ganzes Jahr, die andere Hälfte springt vorher ab“, sagt Brand. Zudem koste ein Freiwilliger die Schule mehr, da für ihn Sozialabgaben zu leisten seien, die beim Zivildienstleistenden entfallen. Seinen Schülern sei es außerdem kaum zuzumuten, wenn ständig die Bezugsperson wechsele. Der Zivildienst lebe von den persönlichen Kontakten und Vertrauensverhältnissen, die sich mit der Zeit aufbauten.

Eine „Kultur der Freiwilligkeit“, fordert Wolfgang Gern, Vorstandsvorsitzender des Diakonischen Werks in Hessen und Nassau. Die Diakonie plädiert schon seit Jahren für den Ersatz des Zivildienstes durch den Ausbau der Jugend- und Freiwilligendienste. „Dazu müssen die Mittel, die durch die Verkürzung des Zivildienstes frei werden, investiert werden“, sagt Pfarrer Gern.

Zusätzlich zum hauptamtlichen Personal

Für die Zentralstelle für Recht und Schutz der Kriegsdienstverweigerer ist der Aufschrei der karitativen Verbände nur Ausdruck eines Verteilungskampfes um die bald frei werdenden Mittel. Wer am lautesten schreie, hoffe, am meisten abzubekommen, heißt es bei dem Verein aus Bockhorn in Ostfriesland, der fordert, Wehr- und Zivildienst abzuschaffen.

Dafür plädiert auch die Arbeiterwohlfahrt in Frankfurt. Eigentlich wolle man künftig nicht vollständig auf Zivis verzichten, aber man könne nicht die Abschaffung des Wehrdienstes fordern und gleichzeitig den Zivildienst behalten wollen. „Keiner unserer Dienste ist jedoch abhängig von Zivis“, sagt Wolfgang Juhl, Leiter der Personalabteilung der Arbeiterwohlfahrt Frankfurt. Die rund 25 Zivis, die derzeit für seinen Verband arbeiteten, seien alle zusätzlich zum hauptamtlichen Personal eingestellt. „Eine kürzere Dienstzeit wäre schade, wird uns aber nicht erschüttern. Wir haben Zivildienststellen in den letzten Jahren ohnehin kontinuierlich zurückgefahren und auf Freiwillige gesetzt“, sagt Juhl.

Erhebliche finanzielle Belastung

Die höheren Kosten, die mit der Umstellung von Zivis auf hauptamtliche Kräfte oder Freiwillige verbunden wären, würden sicherlich auf die Kommunen abgewälzt, befürchtet Karl-Christian Schelzke, Geschäftsführender Direktor des Hessischen Städte- und Gemeindebundes. Er fordert daher eine freiwillige Verlängerung des Zivildienstes um ein halbes Jahr, dafür müssten Anreize geschaffen werden. „Arbeitgeber sollten künftig lieber jemanden einstellen, der sich freiwillig verpflichtet hat, denn das zeigt soziales Engagement. Oder die Pflegeversicherung sollte das freiwillige halbe Jahr anrechnen“, sagt Schelzke.

Auf die Kommunen könnte auch aus einem anderen Grund eine erhebliche finanzielle Belastung zukommen: Zivis sind in der Mehrzahl Abiturienten, die ihren Dienst im Juni oder Juli aufnehmen und künftig im Dezember schon wieder entlassen werden könnten. Die meisten Studiengänge mit Bachelor- oder Masterabschluss beginnen jedoch erst wieder im Oktober. Die ehemaligen Zivis wären dann unter Umständen auf Transferleistungen angewiesen.

„Wieder jemand Neues“

Auch Kevin Grünstein will nach seinem Zivildienst studieren. Seit September arbeitet er als Integrationshelfer in der Fröbelschule. Er ist froh, dass er noch ein halbes Jahr im Dienst steht und nicht nur drei Monate. „Ich habe gerade erst gelernt, wie man mit den Kindern umgeht, und die Kinder haben sich an mich gewöhnt“, sagt der Abiturient. „Es wäre schlimm, wenn schon nach einem halben Jahr wieder jemand Neues käme.“

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