04.10.2006 · In drei alten Eisenbahnwaggons erinnert die Ausstellung „Angekommen. Vertriebene in Wiesbaden“ an das Schicksal von Menschen, die ihre Heimat verlassen mußten.
Der so repräsentative Wiesbadener Schloßplatz präsentiert sich in diesen Tagen merkwürdig ungestalt. Drei sperrige alte Eisenbahnwaggons stehen mitten auf dem Platz. Die Stadt hat für sie eigens Schienen in ein Kiesbett verlegen lassen; breite Rampen, wie sie von Viehtransporten her bekannt sind, führen zu den Plattformen beziehungsweise um die vom Eisenbahnmuseum Darmstadt-Kranichstein ausgeliehenen historischen Fahrzeuge herum.
Ausgedacht hat sich die aufwendige Installation der Wiesbadener Historiker Thomas Weichel für die Ausstellung „Angekommen. Vertriebene in Wiesbaden“ - und daß sich die damit verbundene Erwartung besonders großer Aufmerksamkeit erfüllt, zeigte sich bereits an den ersten Tagen, an denen das Publikum zeitweilig auch längere Wartezeiten vor den Waggons in Kauf nehmen mußte.
„Angekommen. Vertriebene in Wiesbaden“ ist die dritte stadtgeschichtliche Ausstellung in diesem Jahr, die sich mit dem Zweiten Weltkrieg und seinen Folgen befaßt. Daß sie die Ankunft der Vertriebenen und Flüchtlinge und ihre Eingliederung in das städtische Gemeinwesen thematisiert, ist aus Sicht von Oberbürgermeister Hildebrand Diehl (CDU) ein folgerichtiger Abschluß der Reihe, die mit „Wiesbaden im Bombenkrieg“ begonnen hat und mit „Wiesbaden in den ersten Jahren als Landeshauptstadt“ fortgesetzt worden war.
Schicksale ins öffentliche Bewußtsein rücken
Es sei ihm ein wichtiges Anliegen gewesen, sagte Diehl bei der Eröffnung der aktuellen Ausstellung, nicht nur das Leid der aus ihrer Heimat Vertriebenen in Erinnerung zu rufen, sondern auch an deren „herausragende Leistungen“ beim gemeinsamen Neuanfang. Überrascht zeigte sich der Oberbürgermeister ob des gegenwärtig allgemein großen Interesses am Thema Vertreibung. Er habe den Eindruck, so Diehl, daß junge Leute, deren Heimat nicht die ihrer Großeltern sei, sich mit diesem Teil deutscher Geschichte weitaus unverkrampfter auseinandersetzen könnten, als es offenbar die Bundesregierung könne. Ähnlich äußerte sich Stadtverordnetenvorsteherin Angelika Thiels: Spät, aber nicht zu spät sei das Schicksal der Vertriebenen ins öffentliche Bewußtsein gerückt.
Die Ausstellung kann sicher nur schlaglichtartig beleuchten, wie es den Millionen Menschen ergangen ist, die zwangsweise aus den ehemals deutschen Ostgebieten ausgewiesen wurden oder aus anderen kriegsbedingten Gründen mit kaum mehr, als sie auf dem Leib tragen konnten, ihre Heimat verlassen mußten. Sie versucht das beispielhaft mit Gegenständen, die Vertriebene auf ihre Reise in die ungewisse Zukunft mitgeschleppt haben, dem aus Vorhangstoffen zusammengenähten Rucksack, der kleinen Zinkwanne, die zum Waschen ebenso herhalten mußte wie für Transporte, mit einfachem Schuhmacher-Gerät aus schwerem Eisen, mit dem ein aus dem Sudetenland stammender Schuster die vermutlich berechtigte Hoffnung verband, sich und seine Familie auch in einer fremden Stadt durchbringen zu können.
Etwa 12 bis 15 Prozent der Wiesbadener Bevölkerung waren nach dem Krieg als Vertriebene registriert, die meisten stammten aus dem Sudetenland und Schlesien. Weil für die Stadt mit ihren vielfach zerstörten oder von den Amerikanern beschlagnahmten Gebäuden zunächst eine Zuzugssperre verordnet war, waren sie nicht in großen Flüchtlingstransporten gekommen, sondern nach und nach, oft auch halblegal, und zumeist auf Umwegen über Auffanglager. Und viele, die beim Neuanfang nicht auf verwandtschaftliche Bindungen in Wiesbaden bauen konnten, mußten Jahrzehnte in Notunterkünften etwa in Kostheim hausen, bis die großen Bauprogramme der sechziger Jahre insbesondere in den Siedlungen Kohlheck und Märchenland der schlimmsten Wohnungsnot Einhalt geboten.
„. . . da haben wir richtig geweint“
Ein in der Ausstellung gezeigtes Schreiben des Caritasverbands an den damaligen Oberbürgermeister vom Juli 1946 läßt ahnen, wie schwierig die Situation auch für viele Kinder und Jugendliche gewesen sein muß, die ihre Eltern verloren hatten oder aus anderen Gründen ohne Begleitung Erwachsener in der Stadt angekommen waren. Der Verband bat, ihm ein für Flüchtlinge vorgesehenes Haus in der Schlichterstraße zur Einrichtung eines sogenannten Vorasyls zur Verfügung zu stellen. Begründung: Täglich tauchten 13 bis 16 Jahre alte Jungen und Mädchen, aber auch Kinder in der provisorischen Übernachtungsstelle des Caritasverbands im Luftschutzkeller am Zietenring auf, die man aus Mangel an Hilfsmöglichkeit weiterziehen lassen müsse. Dabei war doch im März 1946 eine „Verordnung zum Schutz der heimatlosen Jugend“ erlassen worden, wonach unverzüglich Aufnahmeheime zu errichten seien, weil dem „ziel- und planlosen Herumirren der durch die Flucht, Umwälzung und Verschiebung ganzer Menschenmassen heimat- und wurzellos gewordenen Jugend Einhalt geboten werden“ müsse.
Am eindringlichsten berühren wohl die Interviews, die Weichel mit elf Wiesbadener Zeitzeugen gemacht hat. Wer sich dafür Zeit nimmt, kann sich in den mittleren der drei Ausstellungswagen setzen und die Berichte der Männer und Frauen, von denen die meisten als Kinder und Jugendliche nach Wiesbaden gekommen sind, an Bildschirmen verfolgen. Zum Beispiel Maria Nemeth, die aus einem Dorf nahe Budapest stammt und als Sechzehnjährige den Einmarsch der Roten Armee miterlebt hat. Nach zwei Jahren Arbeitslager wird sie entlassen. Die Ausweisung erreichte sie und ihre Schicksalsgenossen im Herbst 1946 per Brief im Lager. „Wir haben immer gedacht, unsere Tränen seien ausgetrocknet“, erzählt die grauhaarige Dame, „aber als wir hörten, daß wir nicht mehr heimkommen, da haben wir richtig geweint.“
Oder Johanna Schäfer, von der in der Ausstellung auch ein „Fluchttagebuch“ zu sehen ist: Sie war 24, als sie im Januar 1945 das belagerte Breslau in einem der letzten Züge verlassen hat. Frau Schäfer beschreibt anschaulich die Zustände in dem völlig überfüllten Zug, in dem die Menschen „wie die Heringe gestanden“ hätten und mangels Toiletten ihre Notdurft während kurzer Halte im Freien hätten verrichten müssen: „Nehmt den Kindern ein Nachttöppel mit, hatte meine Mutter zum Glück noch gesagt . . .“.