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Wiesbaden „Kronprinz“ gegen Priester

27.08.2006 ·  Die Direktwahl des Wiesbadener Oberbürgermeisters könnte für eine Überraschung sorgen: Helmut Müller (CDU) tritt gegen den ehemaligen Stadtdekan Ernst-Ewald Roth (SPD) an.

Von Heidi Müller-Gerbes
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Die erste Aufregung hat sich gelegt. Daß ein Priester sein Amt aufgibt, weil er Oberbürgermeister werden möchte, hat den Reiz des noch nie Dagewesenen längst eingebüßt. Und im kommunalpolitischen Alltag der Landeshauptstadt muß der frühere katholische Stadtdekan Ernst-Ewald Roth mittlerweile einiges tun, um überhaupt als Kandidat der Wiesbadener SPD wahrgenommen zu werden.

Ganz anders als sein Mitbewerber Helmut Müller von der CDU: Dem Kämmerer und Wirtschaftsdezernenten der Stadt haftet die Rolle des „Kronprinzen“ von Oberbürgermeister Hildebrand Diehl (CDU), der seine zweite Amtszeit Anfang Juli aus Altersgründen vorzeitig beenden muß, wie selbstverständlich an. Auch deshalb hat es die Wiesbadener Union bislang nicht einmal für nötig befunden, ihren Kandidaten offiziell zu nominieren.

Sie hat sich das erst für Oktober vorgenommen und setzt dann nach den Worten ihres Kreisvorsitzenden Horst Klee auf einen erst nach der Winterpause beginnenden „kurzen knackigen Wahlkampf“. Wann genau die mehr als 196.000 Wiesbadener Wahlberechtigten zur Direktwahl aufgerufen werden, wird die Stadtverordnetenversammlung aller Voraussicht nach am 21. September bestimmen - das Kommunalwahlrecht erlaubt eine Zeitspanne von Mitte Februar bis Mitte März.

Müllers „Teebeutel-Mentalität“

In der Septembersitzung will die im Juni besiegelte „Jamaika-Koalition“ aus CDU, FDP und Grünen auch zwei ihrer personalpolitischen Vereinbarungen durchsetzen: Die frühere Schul- und Kulturdezernentin Rita Thies (Die Grünen) soll wieder Kulturdezernentin werden - und Stadtkämmerer Müller soll zum Bürgermeister avancieren. Das sichert ihm nicht nur in jedem Fall sechs weitere Jahre im hauptamtlichen Magistrat, sondern wird die Ausgangsbasis des ohnehin unbestrittenen Favoriten für die Diehl-Nachfolge zusätzlich verbessern.

Entsprechend gelassen gibt sich der 54 Jahre alte promovierte Volkswirt mit Blick auf seine Wahlchancen. Wenngleich Roth ein „ernstzunehmender“ Kandidat sei: Niemand könne doch seinen, Müllers, Anteil daran bestreiten, daß sich in den vergangenen Jahren in finanzieller und wirtschaftlicher Hinsicht in Wiesbaden vieles zum Guten gewendet habe und „wir Spielraum auch für soziale Zwecke gewonnen haben, um den uns andere Städte beneiden“.

Müller hat sich nicht nur beim politischen Gegner aber auch den Ruf des knallharten wirtschaftsliberalen Machers erworben, der sich in der Verwaltung überall hineinhänge („Teebeutel-Mentalität“) und Teamfähigkeit vermissen lasse. Daß ihn die Opposition „auf Zahlen zu reduzieren“ versuche, ärgert ihn entsprechend. Maßstab seiner politischen Arbeit sei die katholische Soziallehre, und das bedeute für ihn: „Ökonomisch müssen die Dinge funktionieren, nicht um ihrer selbst willen, sondern um etwas für eine Gesellschaft erreichen zu können.“ Daß die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft gegen Oberbürgermeister Diehl wegen des Anfangsverdachts einer Vorteilsannahme beim Kauf einer Wohnung in den Wahlkampf hineinspielen und seine Chancen mindern könnten, fürchtet der Kämmerer nach eigenen Worten nicht. Vielmehr sei mittlerweile eine „Gegenbewegung“ von Bürgern zu beobachten, die sich darüber empörten, daß Diehl in der Angelegenheit unfair behandelt werde: Da könne sich am Ende womöglich gar ein „Märtyrereffekt“ ergeben.

„Wechsel von der Kanzel auf den Rathausbalkon“

Kandidat Roth ist bislang politisch eher blaß geblieben. Auch wenn seine sozialpolitische Kompetenz nicht bestritten wird: Haftengeblieben ist von seinen bislang zuweilen immer noch etwas pastoral anmutenden Reden kaum mehr als die Versicherung, „Menschen zusammenführen“ und „Brücken bauen“ zu wollen - für CDU-Mann Klee eher ein Angriffspunkt, an dem sich des Priesters Glaubwürdigkeit im Wahlkampf in Frage stellen lasse: Es sei doch so, daß Roth mit dem beabsichtigten „Wechsel von der Kanzel auf den Rathausbalkon“ Brücken hinter sich abgebrochen habe. Tatsächlich nehmen viele Wiesbadener Katholiken ihrem einstigen Seelenhirten den Schritt in die Politik übel. Daß das wahlentscheidend sein könnte, hält Roth aber für unwahrscheinlich. In der „offenen Begegnung mit den Menschen“ hofft er vielmehr, Vorbehalte abbauen und Wähler gleich welcher Couleur davon überzeugen zu können, daß er die bessere Wahl für das angestrebte Amt sei.

„Wir brauchen keinen Geschäftsführer eines Konzerns“, sagt er mit Blick auf die Müller einseitig zugeschriebenen Management-Qualitäten: „Wir brauchen einen Oberbürgermeister, der wirtschaftliche Interessen mit sozialen Belangen zusammenbringt.“ Den Wahlkampf will die Wiesbadener SPD im Unterschied zur CDU schon in der nächsten Woche „richtig“ beginnen, unter anderem mit einer Unterschriftenkampagne gegen die Koalitionsbeschlüsse zur Kinderbetreuung. Und Roth ist entschlossen, wie er sagt, auch „harte“ Wirtschaftsthemen zu besetzen, die ihm aus jahrelanger Erfahrung etwa als Vorsitzender von Caritasverband und Verwaltungsrat des St.-Josefs-Krankenhauses keinesfalls fremd seien.

Viel wird von der Wahlbeteiligung abhängen

Der Mensch aber habe für ihn immer „absoluten Vorrang vor dem Kapital“, was zum Beispiel bedeute, daß Stadtplanung sich nicht zuerst an den Wünschen von Investoren orientieren dürfe. Ausgeschlossen ist nicht, daß der parteilose Roth mit derlei Prämissen im Frühjahr für eine kommunalpolitische Überraschung sorgen könnte, die geeignet wäre, die Wiesbadener SPD von ihrer anhaltenden Depression zu erlösen. Als weit wahrscheinlicher aber gilt, daß Wiesbadens nächster Oberbürgermeister Müller heißt. Viel wird von der Wahlbeteiligung abhängen, die bei der letzten Direktwahl unter 35 Prozent lag, und auch davon, wie viele Bewerber es insgesamt geben wird. Bislang hat sich nur die Linke Liste entschlossen, einen eigenen Kandidaten zu präsentieren, nach Auskunft ihres Sprechers Helmut Peiler ist über die Personalie aber noch nicht entschieden.

Die Republikaner tendieren laut ihrem Vorsitzenden Ralf Olaf Enderes dazu, Müller „mehr zuzutrauen“ als Roth, während die Bürgerliste Wiesbaden es nach den Worten ihres Sprechers, Ralph Schüler, ablehnt, einen „Technokraten“ wie den Kämmerer zu unterstützen, der jede Nähe zum Volk vermissen lasse. Die Wiesbadener Grünen, die 2003 zugunsten des damaligen SPD-Bewerbers Rolf Praml auf eine eigene Kandidatur verzichtet haben, wollen die Mitglieder im Oktober dazu befragen. Sie haben sich im Koalitionsvertrag allerdings verpflichtet, ihrer Klientel keinesfalls einen anderen Bewerber als Müller ans Herz zu legen.

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Jahrgang 1944, freie Autorin in der Rhein-Main-Zeitung.

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