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Wiederansiedlung Der Biber nagt wieder

11.03.2009 ·  Im Landkreis Darmstadt-Dieburg gibt es wieder Biber. Vom Mittelalter bis ins 20. Jahrhundert wurde er gejagt und beinahe ausgerottet. Ein Wiederansiedlungsprojekt hat ihn zurückgebracht.

Von Katharina Vössing
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Der Wind streift durch die kahlen Baumkronen an der unteren Gersprenz. Enten setzen zum Flug an, patschen zwei-, dreimal ins Wasser des schmalen Flusses und fliegen dann dem grauen Himmel entgegen. In der Ferne, über den gelbgrünen Wiesen und Äckern schreien Krähen, Flugzeugmotoren dröhnen. Der Wind reißt nicht stark an den Bäumen, aber bei einem von ihnen sieht es bedrohlich aus. Denn knapp über dem matschigen Boden ist ein breites Loch in das Holz eingekerbt, blassgelb zeichnet es sich in der graugrünen Rinde ab. Daneben liegt schon ein umgefallener Baum, aber nicht der Wind, sondern ein Biber hat ihn zum Fallen gebracht – vermutlich in der Nacht.

Denn der Biber ist scheu. Am Tag sind nur seine Spuren zu sehen: abgenagte Baumstämme und rutschig getretene Fährten an Fluss- und Seeufern. Das ist für Wolfgang Heimer, den Leiter der Unteren Naturschutzbehörde, ein sicheres Zeichen dafür, dass der Biber wieder in den Landstrich gefunden hat. Für ihn zeigt sich darin der Erfolg eines lang angelegten Wiederansiedlungsprojekts, das in Hessen 1987 begonnen hat.

Eine naturnahe Gestaltung der Gewässer

Seit dem Mittelalter wurde der Biber wegen seines Fells und Fleisches gejagt. Die Menschen sahen den schuppigen Schwanz, rechneten damals den Biber den Fischen zu und verzehrten ihn als Fastenspeise. Sie töteten ihn aber auch, weil er als Fisch- und Krebsräuber und somit als Nahrungskonkurrent galt, obwohl er ein reiner Pflanzenfresser ist. In Deutschland wurde der Nager fast ausgerottet – nach 1945 gab es nur noch rund 100 Tiere in der Mittelelbe. Seit 1970 wurden dann erste Biber in Bayern ausgesetzt, wo heute rund 10.000 Tiere geschätzt werden. In Hessen ist der Biber 2003 zunächst in die Kinzig und die Mümling im Odenwaldkreis gekommen. Heimer sagt, dass rund 350 Biber im Spessart lebten.

Einen davon hat es offenbar durch den Main in die Gersprenz verschlagen. Mehr seien es im Moment noch nicht, sagt Heimer, der verschiedene Spuren entlang dem Flusslauf entdeckt hat. Wenn der Biber wandere, wie an diesem Gewässer, habe er noch keinen Geschlechtspartner gefunden. Erst dann werde er sesshaft. Ein Grund dafür, dass der Biber wieder in die Region gefunden habe, sei auch die naturnahe Gestaltung der Gewässer. Seit dem Jahr 2000 habe man sich verstärkt darum bemüht und somit auf die „Wasserrahmenrichtlinie“ der Europäischen Union reagiert. Seitdem habe sich der Biber schneller ausgebreitet, und die Wahrscheinlichkeit sei gestiegen, dass sich das Tier auch im Großraum um Dieburg ansiedele. Heimer schätzt, dass in fünf bis zehn Jahren zwei oder drei Reviere, Familienverbunde, entstehen könnten. 50 Biber in zehn Jahren zu erwarten sei jedoch unrealistisch, sagt er. Man müsse Geduld haben. Sein erster Wunsch sei jetzt, „dass die Kerls nicht wieder abwandern“. Denn sie gelten als Nutztiere.

Zuckerrüben nur im Notfall

„Der Biber renaturiert kostenlos“, sagt der Naturschützer. Dadurch schaffe er Lebensraum für andere Tiere wie die Libelle, den Eisvogel, die Sumpfschildkröte und den Fischotter, der aus ganz Hessen verschwunden sei. Er könne auch helfen, Hochwasser zu vermeiden. Mit seinem Damm, mit dem er Flüsse anstaut, schafft er Rückhaltungen, an denen das Wasser ablaufen und sich besser verteilen kann, wie Heimer erläutert. Diesen Damm baue der Biber jedoch nur, wenn das Wasser niedriger als fünfzig Zentimeter sei und er so keine Biberburg, seinen Wohnraum, anlegen könne, in dem er seine Jungtiere großziehe. An der Gersprenz seien jedoch keine Dämme zu erwarten, da die Wassertiefe ausreichend sei.

Schäden, die der Nager verursacht, stuft Heimer gering ein. Mit abgenagten Bäume entstünden keine Kosten, da es sich um Weichhölzer wie Weiden oder Zitterpappeln handele, die wirtschaftlich nicht interessant seien. Heimer sagt, dass weniger Bäume sogar erwünscht seien, da eine weniger dichte Bewachsung Wiesenvögeln, die offene Auenlandschaften liebten, Lebensraum biete. Schwierigkeiten entstünden erst, wenn sich die Tiere in ungeeigneten Gewässern ansiedelten. Wenn der Biber kleine Gewässer staue, könne es zu Verstopfungen in Entwässerungsgräben von Feldern kommen. An Flüssen, an denen es keinen Uferrandstreifen gebe, könne die Erddecke über dem Biberbau einstürzen, wenn ein Traktor darüber fahre. Auch könne es vorkommen, sagt Heimer, dass sich der Biber die ein oder andere Zuckerrübe vom Feld hole, wenn es an Weichhölzern mangele.

Unbemerkt vom Menschen

Wichtig sei daher, nachzuverfolgen, wo sich der Biber aufhalte, um Ärger und Nachteilen von Bauern oder Anwohnern vorzubeugen. Die Untere Naturschutzbehörde hat daher ein Biberbeobachtungsnetz aufgebaut, für das sich schon 16 Interessenten gemeldet haben. Personen, die im Biberschutz aktiv werden wollen, können sich bei der Unteren Naturschutzbehörde melden. Sie sollten mit offenen Augen durch die Landschaft gehen und Ansprechpartner für andere sein, sagt Heimer. Sie bekämen eine kleine Schulung, in der zum Beispiel die Unterschiede zur Bisamratte erklärt würden, mit der der Biber häufig verwechselt werde. Eine Voraussetzung für Biberbeobachter sei, dass sie ab und an, aber über einen langen Zeitraum hinweg tätig blieben. In nächster Zeit werde ein Faltblatt mit Informationen zum Biber erscheinen. Denn obwohl das Tier sogar in Ortsnamen und Wappen erwähnt wird, wie in Groß-Bieberau, sei das Wissen um ihn zu großen Teilen verschwunden.

Heimer nimmt an, dass sich der Biber nachhaltig in der Region ansiedeln wird. Und so werden seine Spuren immer häufiger werden. Die Naturschützer deuten auf das eingedrückte Gras, das den Weg des Nagetiers vom Fluss in einen angrenzenden See in der Nähe von Babenhausen nachzeichnet. Hier huschte es vorbei an einem Gullydeckel, einer hölzernen Parkbank und einem altmodischen Abfalleimer, über ein rostiges Drahtseil hinweg und wieder hinein ins Wasser. Unbemerkt vom Menschen – vermutlich in der Nacht.

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