12.05.2004 · Weil der Saatguthersteller Syngenta den Anbau von gentechnisch verändertem Mais in der Wetterau nicht überwacht hat, ist das Unternehmen mit Sitz in Maintal vom Amtsgericht Gießen zu einer Geldbuße von 1500 Euro verurteilt worden.
Weil der Saatguthersteller Syngenta den Anbau von gentechnisch verändertem Mais in der Wetterau nicht überwacht hat, ist das Unternehmen mit Sitz in Maintal vom Amtsgericht Gießen zu einer Geldbuße von 1500 Euro verurteilt worden. Das Unternehmen hat nach eigenen Angaben die Beschwerde gegen das entsprechende Ordnungswidrigkeitsverfahren zurückgezogen und einen Bußgeldbescheid des Regierungspräsidiums Gießen akzeptiert. Zwei Landwirte aus Wölfersheim hatten in den Jahren 2000 bis 2002 den von der Firma Syngenta hergestellten "Gen-Mais" der Sorte Bt-176 ausgesät. Den Anbau hatte das Unternehmen jedoch nicht überwacht.
Den Mais, den die Saatgutfirma in Deutschland nicht mehr vertreibt, bildet durch eine gentechnische Veränderung ein Eiweiß, das neben den Raupen des für die Pflanze schädlichen Maiszünslers auch die Larven anderer Schmetterlinge tötet. Zudem enthält er ein Gen, das ihn gegen Antibiotika widerstandsfähig macht. Weil die EU-Kommission eine Freigabe zum Anbau des Maises widerrufen hat, darf eine bestimmte Menge nur noch zu Forschungszwecken angebaut werden. Der Anbau in der Wetterau hätte daher genau dokumentiert und wissenschaftlich begleitet werden müssen.
Syngenta-Sprecher Rainer Linneweber sagte auf Anfrage, man habe nach mehr als anderthalb Jahren einen "Schlußpunkt" in dieser Angelegenheit setzen wollen. Bei der umstrittenen Frage der wissenschaftlichen Begleitung der Felder gebe es nach wie vor "unterschiedliche rechtliche Auffassungen". Henning Strodthoff, Gentechnikexperte der Umweltschutzorganisation Greenpeace, äußerte hingegen, Syngenta habe "sehr schlampig" gearbeitet. Die Entscheidung der Firma, das Bußgeld zu akzeptieren, bewertete Strodthoff als "Schuldeingeständnis". Damit erkenne das Unternehmen an, daß es den illegalen Anbau des "Gen-Maises" nicht ordnungsgemäß kontrolliert habe. Das Regierungspräsidium Gießen will nun prüfen, ob die gesetzlichen Vorgaben für die Freisetzung von der Firma erfüllt worden sind. Manfred Kersten, der Sprecher der Behörde, sagte am Mittwoch, man wolle entsprechende Zeugenaussagen überprüfen. Möglicherweise hat sich das Unternehmen sogar strafbar gemacht.
Rund 25 Greenpeace-Aktivisten hatten vor knapp zwei Jahren einen mit dem Mais bepflanzten Acker bei Wölfersheim-Södel mit Warntafeln, einer vier Meter großen Maiskolben-Attrappe und gelben Luftballons gekennzeichnet, um gegen den Anbau der gentechnisch veränderten Pflanzen zu demonstrieren. Zuvor hatte die Umweltschutzorganisation in ganz Deutschland Proben von rund 1300 Feldern gesammelt und diese von einem Labor untersuchen lassen. Nur bei dem Acker bei Södel konnte jedoch der Anbau des "Gen-Maises" nachgewiesen werden.
Auf dem rund einen halben Hektar großen Feld hatte der Landwirt Dirk Heinzmann den Bt-Mais der Firma Syngenta ausgesät. Das Saatgut hatte der Landwirt von seinem früheren Ausbilder, dem Landwirt Gottfried Glöckner, erhalten. Glöckner, der den Mais bereits in den Jahren zuvor angebaut hatte, um diesen an seine Tiere zu verfüttern, stand jahrelang dem Einsatz der Gentechnik in der Landwirtschaft aufgeschlossen gegenüber. Schon seit Mitte der neunziger Jahre hatte er für das Pflanzenschutzunternehmen Agrevo ein Versuchsfeld mit gentechnisch verändertem Mais und Raps bewirtschaftet.
Auf dem Versuchsacker kampierten monatelang Gentechnik-Gegner, um die Aussaat zu verhindern. Zweimal sabotierten Unbekannte das Testfeld, versprühten ein chemisches Mittel, schnitten die Maispflanzen ab und rissen sie aus dem Boden heraus. Nachdem Glöckner nun mehrere Jahre lang den gentechnisch veränderten Mais der Firma Syngenta angebaut und an seine Milchkühe verfüttert hat, sind in den vergangenen beiden Jahren zwölf seiner Tiere gestorben. Der Landwirt führt dies auf den Bt-Mais zurück. Glöckner zufolge ist das Immunsystem seiner Kühe nach dem Verzehr von Futter, das den "Gen-Mais" enthalten habe, erheblich geschädigt worden. Nacheinander, so berichtete der Landwirt Ende vorigen Jahres, hätten die Tiere keine Milch mehr gegeben und seien schließlich eingegangen.
Sie hätten auch an Durchfall gelitten, und im Harn sowie in der Milch sei Blut gefunden worden. Die Firma Syngenta hat die Darstellung Glöckners zwar mit Verweis auf eingehende Untersuchungen von unabhängigen Experten zurückgewiesen; für Greenpeace-Sprecher Strodthoff gibt es aber noch immer "mehr offene Fragen als schlüssige Antworten". Greenpeace fordert daher vom zuständigen Robert-Koch-Institut in Berlin, daß es die entsprechenden Unterlagen zur Einsicht freigibt. jjo.