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Wenn Polizisten Menschen erschießen Vom Helfer zum Beschuldigten

 ·  Tödliche Schüsse haben das Leben eines Aschaffenburger Kommissars verändert. Geholfen hat ihm eine Selbsthilfegruppe für Polizisten.

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Als Reinhold Bock am Freitag die Schlagzeilen über den Todesschuss vom Donnerstag im Frankfurter Jobcenter las, tauchte sofort die Erinnerung an den 21. Januar 1991 auf. Damals war der Aschaffenburger Polizist zusammen mit einem Kollegen zu einem Familienstreit gerufen worden. Als die Beamten den randalierenden Sohn festnehmen wollten, zielte er mit einer Pistole auf Bock. Sein Kollege gab zwei Schüsse ab, der junge Mann starb am nächsten Tag. Der tragische Vorfall hat das Leben des heute Sechsundfünfzigjährigen grundlegend verändert.

Zunächst ging Bock weiter zur Arbeit. Er funktionierte. Doch dann spürte er eine große innere Unruhe. Als schließlich Albträume wiederkehrten, in denen er das Geschehen in „allen Variationen“ durchspielte, schloss er sich einer Selbsthilfegruppe des Polizeipfarrers Martin Krolzig in Düsseldorf an. Vier Jahre nach den Todesschüssen sprach er erstmals über seine Ängste und Schuldgefühle.

Bock: Plötzlich steht man auf der anderen Seite

Inzwischen ist Bock Bundesvorsitzender der Selbsthilfegruppe für Polizeibeamte mit einem Schusswaffenerlebnis. 133 Polizisten, die selbst geschossen haben oder beschossen wurden, gehören der Vereinigung an. Viermal im Jahr organisieren Bock und ein Berliner Kollege Seminare, die von der Traumatherapeutin Hilda Schneider und einem Angehörigen des Sondereinsatzkommandos Düsseldorf betreut werden. Seit 2003 können auch Partner an den Veranstaltungen teilnehmen.

Der Polizeihauptkommissar ahnt, wie sich die Frankfurter Kollegin fühlt, die nach den bisherigem Ermittlungen in Notwehr eine Frau erschossen hat. Und er ahnt, was auf die junge Polizistin zukommen kann, schließlich hat er es selbst erlebt. Er spricht von einer großen Verunsicherung, das Rollenverständnis werde auf den Kopf gestellt. Man sei nicht mehr Helfer, sondern Täter und Beschuldigter. Die Waffe werde sichergestellt, manchmal auch die Uniform. Die Hände würden abgeklebt und nach Schmauchspuren untersucht. Plötzlich stehe man auf der anderen Seite und frage sich: Warum wird das mit mir gemacht?

„Wir dürfen nicht in Schreckstarre verfallen und handlungsunfähig werden“

Er warnt jeden Polizisten davor, zu glauben, ihm könne so etwas nicht passieren. Jeder Streifenbeamte, der Streit schlichten oder Randalierer festnehmen wolle, sei einer Gefahr ausgesetzt. Es sei deswegen wichtig, dass der Umgang mit Extremsituationen Teil der Ausbildung und des Einsatztrainings sei. So könne man im Notfall instinktiv richtig reagieren. „Wir dürfen nicht in Schreckstarre verfallen und handlungsunfähig werden“, so Bock.

Nicht nur der Schütze brauche Hilfe, auch der Kollege, der hilflos habe zusehen müssen, sagt Bock. Ihm sei es damals erst wieder bessergegangen, als er in der Selbsthilfegruppe sich habe eingestehen können, dass er Todesangst gehabt habe. Den 21. Januar 1991 werde er niemals vergessen: Das Ereignis sei Teil seines Lebens, das habe er akzeptiert.

„Warum soll ein Polizist nicht weinen?“

In Bayern können Polizisten nach traumatischen Erlebnissen den zentralen psychologischen Dienst in Anspruch nehmen. Die Kollegen aus München reisen auf Anforderung sofort an und kümmern sich um die Betroffenen. Die Betreuung sei heute wesentlich besser als vor 20 Jahren, meint Bock. Dennoch reiche das Angebot manchmal nicht aus.

Selbsthilfegruppen böten einen geschützten Raum, in dem sich „Gleiche unter Gleichen“ austauschten. Anfangs trage ein „Altgedienter“ seine Geschichte vor und berichte, wie er mit dem Ereignis umgegangen sei. Dann kämen die Neuen zu Wort. Die Moderation solle verhindern, dass es zur Retraumatisierung komme. Bock fließen heute noch Tränen, wenn er von damals erzählt. Schlimm findet er das nicht. „Warum soll ein Polizist nicht weinen?“

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Jahrgang 1956, freie Autorin für die Rhein-Main-Zeitung in Aschaffenburg.

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