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Weiterstadt Mangel im Überfluss

02.11.2009 ·  Ins Rathaus kommt kein Publikum. Die Stadt ist laut, ihr Zentrum öde. Aber sie ist reich, an Gewerbe, an Steuern und an Einkaufsmöglichkeiten mit dem „Loop 5“. Ein Besuch in Weiterstadt.

Von Werner Breunig, Weiterstadt
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„Ein Kurort sind wir nicht.“ Peter Rohrbach sagt das ganz lapidar. „Aber ein Wirtschaftsstandort“, fügt er hinzu. Der Bürgermeister von Weiterstadt regiert seit 1996 eine Kommune, die mit Fug und Recht als ungewöhnlich gelten darf. Die 24 300 Einwohner zählende Stadt kann nicht mit irgend gearteter Schönheit aufwarten, nicht mit bemerkenswerten Bauten, schon gar nicht mit urbanem Flair. Dennoch gibt es in Hessen wohl niemanden, der sie nicht kennt.

Überregional bekannt wurde Weiterstadt im März 1993, als die Terrorgruppe Rote-Armee-Fraktion einen Sprengstoffanschlag auf die damals dort fast fertig gebaute Justizvollzugsanstalt verübte. Auch berichten Einwohner geradezu stolz davon, dass die Rastanlage Gräfenhausen an der Autobahn 5 deutschlandweit ein Begriff sei. Und dann und vor allem ist da noch Weiterstadt als Einkaufsort.

Schon lange bevor 2004 Segmüller direkt an der Autobahn eines der größten und umsatzstärksten Möbelhäuser in Deutschland errichtete, war an der Ostseite der A 5 ein Konglomerat von großflächigem Einzelhandel entstanden - von der Autobahn aus ist nur sein kleinster Teil zu sehen. Zuletzt kam noch das Einkaufszentrum „Loop 5“ hinzu. Der Stadtkern aber blieb öde wie eh und je. Selbst die Stadtverwaltung gab das Rathaus an der Darmstädter Straße auf, die auch bei wohlwollender Betrachtung nicht als pulsierende Meile durchgeht. Auf den wenigen hundert Metern entlang der Hauptverkehrsachse sind Optikerschäfte und Drogerien, Büros und Kanzleien, Ärzte und Apotheken, Kindergarten und Grundschule. Doch die Supermärkte haben längst die Enge des Ortes verlassen, siedelten sich an der Peripherie an. So müssen die Einwohner zwar nirgendwo mehr als einen Kilometer zurücklegen, um ihren täglichen Bedarf zu decken - aber in fußläufiger Entfernung ist nichts, es herrscht Mangel im Überfluss.

Einkaufswüste in Riedbahn

Das alte Rathaus, es war in einem fast baufälligen Fachwerkgebäude untergebracht, ist inzwischen abgerissen. Die Lokalpolitiker hatten überlegt, an seiner Stelle einen Neubau zu errichten und der Kommune mit ihren vier Stadtteilen einen Mittelpunkt zu geben. Mindestens zehn Millionen Euro hätte das gekostet, und das reiche Weiterstadt hätte sich das auch leisten können. Dann aber war das ehemalige Verwaltungsgebäude des Konzerns Procter und Gamble im Stadtteil Riedbahn auf dem Markt. Es kostete 3,5 Millionen, und die Stadtverordneten stimmten nach emotionalen Debatten mit großer Mehrheit für den Erwerb.

Nun ist ein nüchterner Hochhausblock inmitten eines unwirtlichen Gewerbegebietes das Rathaus, umgeben von Fabriken und großen Handelsgeschäften, weit weg von den Wohnungen der Einwohner. Rohrbach aber ist überzeugt von dem Konzept: Ein Bürgerbüro an der Darmstädter Straße, also mitten im Ort, sei ja vorhanden, als Anlaufstelle für die Einwohner, wenn sie Kontakt zur Verwaltung brauchten. Publikumsverkehr habe man im Rathaus an der Riedbahnstraße jetzt nicht.

„Loop 5“ mit seinen 175 großen und kleinen Geschäften steht ebenfalls im Stadtteil Riedbahn und markiert eine echte Neuerung, denn Flanieren war dort vorher nirgendwo möglich. In der Einkaufswüste laden keine Schaufenster zum Schauen ein, auf eine Kaffeepause zwischen den Besorgungen kann man sich nirgendwo hinsetzen, denn Cafés sucht man vergebens. Zu finden sind viele, viele große Fachgeschäfte, die Küchen führen und Elektrogeräte, Schuhe, Spielsachen, Fahrräder und Tierfutter, Möbel und Kleidung. Wer dorthin kommt, fährt mit dem Auto, steuert den Parkplatz vor dem Geschäft an und verschwindet auch schnell wieder.

Deutschland-Zentralen von Skoda und Seat, Handwerker

Am Rande des Stadtteils Riedbahn wohnen rund 1200 Menschen. Der Name erinnert an die 1970 stillgelegte Bahnstrecke von Darmstadt nach Worms. Abgeschottet lebt es sich dort; Schulen gibt es nicht, keine Vereine, und die Telefonvorwahl ist die von Darmstadt. Nach dem Krieg zogen viele Flüchtlinge in das Gebiet, bauten Häuser auf großen Grundstücken. Dann siedelten sich Firmen an, zum Teil bedeutende wie Röhm oder Procter und Gamble. Speditionen finden sich, Lager, Handwerksbetriebe, Produzierendes Gewerbe, die Deutschland-Zentralen von Skoda und Seat, Autohändler. Dienstleister kamen, die Zentrale von T-Online, ein Wella-Großlager, das Computer-Reparaturunternehmen Teleplan - und immer wieder Fachmärkte, die auch einander verdrängten. Einen Bebauungsplan gab es nie, stattdessen füllte sich Lücke um Lücke. Alles mit dem Segen von Paragraph 34 des Baugesetzbuches, der als Bedingung für einen weiteren Markt lediglich forderte, dass er sich in die Umgebung einfügen müsse. Heute arbeiten in Weiterstadt rund 9000 Menschen, die meisten nördlich und südlich der B 42.

Weiterstadt lebt gut mit der Gewerbesteuereinnahme von zuletzt 14 Millionen Euro, hat bei seinen gut 24.000 Einwohnern 6600 Einpendler und fast 7500 Auspendler. Rohrbach klagt auf hohem Niveau: Die Gewerbesteuer unterliege starken Schwankungen, die Stadt könne kaum verlässlich planen. Doch er verweist gerne darauf, dass die Infrastruktur exzellent sei, dass viel Geld an Vereine, an Schulen, an Sporthallen und Bürgerhäuser fließe, in Betreuungsmöglichkeiten für Schulkinder, in Schulsozialarbeit, in Erzieherinnen. Die Ausgaben für Kindergärten seien nur zu 14 Prozent über Gebühren gedeckt. Schon stellt der Bürgermeister ob der eigenen Finanzkraft die Schulordnung in Frage. Es sei zu überlegen, ob die Stadt nicht wieder die Trägerschaft über die Grundschulen an sich nehmen sollte, um mehr Einfluss auf Strukturen und Abläufe nehmen zu können.

Flughafen nebenan

Und Rohrbachs Hauptabteilungsleiter Willi Steiger, der als Gräfenhäuser Beamter die Eingemeindung 1977 mitbetrieben hatte, meint, mancher auswärtige Sportverein staune über das Missverhältnis von niedrigem sportlichen Niveau und hohem Komfort. Die Vereine aber verstehen sich als Vereine ihrer jeweiligen Stadtteile, außer der Kernstadt sind dies noch Gräfenhausen, Schneppenhausen und Braunshardt. Riedbahn zählt nicht richtig mit. Ein Wir-Gefühl stellt sich auch nach 30 Jahren nicht ein, aber auch kein Gegeneinander. Die Koexistenz stellen allenfalls noch sportliche Lokalderbys, Fastnachtsveranstaltungen und die Kerbe in Frage. Das Hallenbad gehört emotional nach Gesamt-Weiterstadt, dies gilt auch für das Kommunale Kino und wohl bald auch für das neue Einkaufszentrum. Erkaufen müssen sich die Weiterstädter ihren Wohlstand vor allem mit einer hohen Verkehrsbelastung. Autobahnen und Bundesstraßen zerschneiden die Stadtteile, die Bahn rauscht vorbei, Flugzeuge bringen Lärm von oben. Den Frankfurter Flughafen, weniger als 20 Kilometer entfernt, wissen die Einwohner zwar als Arbeitgeber zu schätzen, doch sie leiden auch darunter.

Nach Ablauf der dritten Amtszeit will Rohrbach Anfang 2014 nicht wieder kandidieren. Er gehört der Alternativen Liste Weiterstadt (ALW) an, kam über die Gegnerschaft zur Startbahn West des Flughafens und zum „Knast“ zu der Gruppierung, die anderswo den Grünen entspricht. Seit Jahren kooperieren ALW und CDU in der Stadtverordnetenversammlung. Aktuell profitiert die Kommune von dem neuen Gewerbegebiet westlich der Autobahn, wo ein Bebauungsplan großflächigen Einzelhandel nicht mehr zulässt. Dort errichtet beispielsweise Hewlett Packard auf 7000 Quadratmetern ein „Rechenzentrum der nächsten Generation“, um im Rhein-Main-Gebiet die Versorgung der Unternehmen mit IT-Outsourcing-Dienstleistungen deutlich auszubauen. Rohrbach strahlte, als er das bekanntgab.

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