11.07.2007 · Der Tübinger Evolutionsbiologe Thomas Junker hat die hessische Kultusministerin Karin Wolff wegen ihrer Äußerung zur „erstaunlichen Übereinstimmung“ zwischen Bibel und Evolutionstheorie kritisiert. Wolff blieb der Diskussionsrunde fern.
Von Stefan ToepferDer Tübinger Evolutionsbiologe Thomas Junker hat die hessische Kultusministerin Karin Wolff (CDU) wegen ihrer Äußerung, es gebe eine „erstaunliche Übereinstimmung“ zwischen den biblischen Schöpfungsberichten und der Evolutionstheorie, scharf kritisiert. „Entweder hat sie keine Ahnung von der Evolutionstheorie oder von der biblischen Schöpfungsgeschichte“, sagte Junker im Haus am Dom.
Wolffs Äußerungen waren der Anlass für die Veranstaltung, an der Junker und der Naturphilosoph Hans-Dieter Mutschler teilnahmen. Wolff hatte ihre Teilnahme erst zu- und später wieder abgesagt, wie es heißt, auf Druck von Ministerpräsident Roland Koch (CDU).
Diskussion über „modernen Biologieunterricht“
Ende Juni hatte sich Wolff für einen „modernen Biologieunterricht“ ausgesprochen, in dem auch die Grenzen naturwissenschaftlich gesicherter Erkenntnis sowie theologische und philosophische Fragen nach dem Sinn des Seins eine Rolle spielen sollten. Junker sagte, er habe nichts dagegen, dass in der Schule über verschiedene Weltbilder gesprochen werde, vorausgesetzt, es sei sachliches Wissen vorhanden. Das fehle jedoch, weil die Schüler zwar von der ersten Klasse an Religionsunterricht hätten, aber erst im 11. Schuljahr etwas über die Evolutionslehre erführen.
Mutschler zeigte sich enttäuscht darüber, dass in der derzeitigen Debatte bisherige theologische „Vermittlungsversuche“ zwischen Schöpfungsglauben und Naturwissenschaft keine Rolle spielten. Beide Seiten argumentierten auf einer jeweils anderen „Ebene“ und müssten die „Geltungsgrenzen“ ihrer Methodik wahren. Die Kritik an einem „überhöhten Geltungsanspruch der Wissenschaft“ gehöre auch in den Schulunterricht. Mutschlers Kritik, die Biologie schließe alles Geistige aus, entgegnete Junker, seine Wissenschaft schließe nichts aus – auch Wunder nicht. „Aber sie kommen nun einmal nicht vor.“
Wie frei ist der Wille?
Als unbefriedigend empfindet Mutschler, dass die Naturwissenschaft, die auf Fakten beruhe, den Menschen als ein Wesen ausschließe, das vernunftbegabt sei oder – anders als Tiere – den Anspruch von Normen kenne. Junker entgegnete, dass sich auch solche Eigenschaften auf biologische Voraussetzungen zurückführen ließen. So habe die Fähigkeit, über die Folgen seines Handelns nachdenken zu können, in der Phantasie eine Art „Probehandeln“ vornehmen zu können, dem Menschen in der Evolution gegenüber anderen Arten einen „Selektionsvorteil“ beschert. Auch eine Norm wie das Tötungsverbot sei „funktionell sinnvoll“ gewesen. Sie beziehe sich auf das Leben in der Horde und habe somit eine biologische Grundlage.
Der Äußerung Junkers, dass der Mensch zwar eine Handlungsfreiheit, letztlich aber keine Willensfreiheit habe, wollte Mutschler nicht zustimmen. Junker sagte, er denke in dieser Frage wie der Hirnforscher Wolf Singer. Dieser ist der Auffassung, dass jeder Willensakt durch Vorgänge im Gehirn bestimmt sei. Dass der Mensch einen moralischen Anspruch vernehme, setze dessen Freiheit voraus, sagte Mutschler. Außerdem lasse sich die Entwicklung des Freiheitsbewusstseins des Menschen nicht erklären, wenn man meine, Freiheit sei nur eine Illusion.
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