Als Reiner Flick aus Flörsheim-Wicker vor 25 Jahren zur Berufsschule kam, zuckte mindestens die Hälfte seiner Mitschüler aus Rüdesheim oder Eltville bei der Nennung seines Heimatortes ahnungslos die Schultern. Wicker? – den Namen des Flörsheimer Stadtteils hatte der Rheingauer Winzer-Nachwuchs noch nie gehört. Der „klassische Rheingauer“, weiss Flick, „tut sich noch heute schwer mit uns.“
Wenn der 42 Jahre alte Weinbauer von der Straßenmühle in Wicker von „uns“ spricht, dann sind damit die rund 40 Weinbaubetriebe angesprochen, die auf einer Fläche von weniger als 300 Hektar zwischen Hochheim, Massenheim und Flörsheim Spitzenprodukte erzeugen. Sie bewirtschaften knapp zehn Prozent der Rheingauer Anbauflächen – und gehören doch irgendwie nicht dazu: Denn ihr Rebensaft wird am wenig besungenen Main gekeltert.
Hauptabsatzmarkt ist das Ausland
Als Hochheimer Winzer arbeite man in einer Exklave, sagt Hans Werner Michel, Vorsitzender des Hochheimer Weinbauvereins und in der siebten Generation Winzer des „Domdechant Werner'sches Weingut“. In den USA oder Skandinavien dürfte der exportorientierte Winzer bekannter sein als in seiner Heimat. Gelegentlich habe er als Winzer im Main-Taunus-Kreis das Gefühl, ein wenig vernachlässigt zu sein, räumt er ein. Sein Hauptabsatzmarkt ist das Ausland, zu fast 70 Prozent exportiert er Riesling in 25 Länder. Das Geschäft floriere.
An der Qualität der Weine aus dem Main-Taunus-Kreis kann die mangelnde Wahrnehmung in der Region nicht liegen – die Weine räumen bei den jährlichen Prämierungen ab. 13 Mal Gold und ein Mal Silber erhielt Flick für seine Weine im vergangenen Jahr bei der Landesprämierung; gleich alle eingereichten Weine aus dem Weingut Domdechant Werner erhielten das begehrte Goldprädikat. Glaubt man den Worten der Hochheimer Bürgermeisterin Angelika Munck (Freie Wähler), die selbst lange Jahre ihren eigenen Weinberg pflegte, dann kann man in den Hochheimer Lagen ohnehin keinen schlechten Wein produzieren.
Auf die Bodenverhältnisse weisen auch Michel und Flick hin. Das Geheimnis liege im tertiären Sedimentgestein. Einst schwappte das Binnenmeer aus dem Mainzer Becken bis nach Wicker an den Taunusrand, und dort lagerten sich jene fossilen Muscheln ab, die nun für kalkhaltige Böden und einen ganz besondere Rebengeschmack sorgten. Der Hochheimer Wein sei gehaltvoller, aber die Säure des Rieslings wirke wie gepuffert, sei nicht so „hart und expressiv“, wie das auf anderen Böden im Rheingau der Fall sei, erläutert Michel.
„Der Riesling boomt“
Was aus Hochheimer Weinbergen dann ins Glas gelangt, begeistert schon gekrönte Häupter und amerikanische Präsidenten: „A hoc keeps off the doc“ schwärmte einst die englische Königin Victoria nach einem Besuch und machte den Hochheimer in ihrem Heimatland populär. Thomas Jefferson, 1788 noch amerikanischer Gesandter in Paris, nahm sich nach einem Besuch in Hochheim 100 Weinstöcke mit, um sie zunächst in seinem Pariser Gärtchen und später vor seinem Haus in Virginia anzupflanzen. Sogar Goethe nannte den Hochheimer Wein neben Markobrunner und Rüdesheimer als einen der „drei Magnaten im Rheingau“.
Großes Zukunftspotential bescheinigt Michel den örtlichen Weinbaubetrieben. „Der Riesling boomt“, fügt auch Reiner Flick hinzu, der seinen Wein zu 80 Prozent direkt vermarktet und rund 10.000 Gäste jährlich bei Hochzeiten und Firmenfesten in seiner Straßenmühle bewirtet. Flick spricht vom „Eventcharakter“, der immer auch mit dem Weingenuss verbunden sei. Da gehörten gutes Essen und ein nettes Ambiente dazu. Doch auch vor Neuerungen scheut sich der Winzer aus der Generation der jungen Wilden wie auch Gunter Künstler aus Hochheim nicht: Flick setzt seit diesem Jahr auf „Stelvin“. Die meisten der 130.000 bis 140.000 Flaschen, die über den Ladentisch gehen, werden damit nicht mehr entkorkt, sondern verfügen über einen Schraubverschluss.
Hätte es vor 250 Jahren schon Schraubverschlüsse gegeben, wäre der die Qualität bedrohende Korken schon lange passé, weist Flick Kritiker in die Schranken. Schließlich gehe es doch wie bei allen Winzern nur um den besten Wein mit Nachhaltigkeit. Um dieses Ziel zu erreichen, dreht Flick sogar die Rolle rückwärts: Ein Holzfasskeller mitsamt Kreuzgewölbe entsteht derzeit. Wenn der Riesling dann bald in seinem großen Eichengehäuse ruhen wird, entsteht dort wohl ein ganz besonderer Wein – wieder so ein Rheingauer, der eigentlich ein Main-Taunus-Gewächs ist.

