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Veröffentlicht: 01.01.2006, 18:21 Uhr

Wein im Rheingau Klick statt Plopp als Gefahr für Korkeichwälder

An Silvester haben wieder Millionen Sekt- und Weinkorken knallen lassen - und leisten damit zumindest nach Ansicht des Naturschutzbundes auch einen Beitrag zum Erhalt der iberischen Korkeichenwälder.

Um die Korkeichenwälder werden allmählich Sorgen laut, seit immer mehr und auch Rheingauer Winzer über "Korkschmecker" klagen und auf alternative Verschlußformen setzen. Die Winzer im Rheingau zählen zu den innovationsfreudigen Vertretern ihrer Branche. Das gilt nicht nur für den Schraubverschluß, mit dem schon seit vielen Jahren vorzugsweise Literflaschen verschlossen werden. Einerseits aus Kostengründen, andererseits weil beispielsweise die Gastronomie unkomplizierte Schraubverschlüsse für Ausschankweine schätzt und nicht wenige Rheingauer Winzer selbst eine Straußwirtschaft oder eine Gutsschänke betreiben.

Daß der Schraubverschluß wie in der Schweiz allerdings auch für höherwertige Weine eingesetzt wird, galt bislang als wenig wahrscheinlich. Doch seit es Schraub- und Drehverschlüsse auch in einer langen und schicken Variante gibt, die keine Assoziationen mehr mit den gängigen Mineralwasser- und Saftflaschenverschlüssen weckt, werden die Winzer mutiger. Ein Beispiel ist das Eltviller Weingut J. Koegler, das seit einem Jahr für nahezu das gesamte Sortiment den Drehverschluß gewählt hat.

Auch Geschackseintrübungen durch Plastikkorken

Bislang aber ist kaum anzunehmen, daß dieser Verschluß sich allgemein in der Region zwischen Wicker und Lorchhausen durchsetzt. Weitaus mehr Winzer trauen bislang dem Plastikverschluß für Weine, die binnen Jahresfrist getrunken werden sollten. Für hochwertige Tropfen sind sie dagegen zweite Wahl, zumal nicht wenige Winzer auch über Geschmackseintrübungen durch Plastikkorken klagen.

Renommierte Weingüter wie Querbach und Peter Jacob Kühn in Oestrich-Winkel vertrauen derzeit dem Kronenverschluß, der gleichwohl beim Öffnen unwillkürlich den vergleichbaren Vorgang bei einer Bierflasche in Erinnerung ruft und dem allein schon deshalb kein Siegeszug vorausgesagt wird - trotz seiner bestechenden und bewährten technischen Eigenschaften.

Für Aufmerksamkeit und Furore sorgt nach wie vor der Glasverschluß Vino-Lok des Aluminiumkonzerns Alcoa. Bei der jüngsten Tagung der Kellermeister und Betriebsleiter an der Forschungsanstalt Geisenheim waren im Foyer viele Anbieter alternativer Flaschenverschlüsse präsent, doch umlagert war vor allem derjenige von Alcoa.

Glasstopfen wurde durch „heute“-Sendung bekannt

Das liegt nicht nur daran, daß schon so renommierte Güter wie Schloß Vollrads auf den Glasstopfen setzen und damit sogar den Sprung in die heute-Nachrichtensendung des ZDF schafften. Auch so sehr unterschiedliche Güter wie J.B. Becker in Walluf, Öko-Winzer Hamm in Winkel und Dr. Corvers-Kauter in Mittelheim, die im Weinstil drei höchst unterschiedliche Wege gehen, sind bei der Wahl ihrer Verschlußart im Konsens.

Die Reaktionen der Kunden seien stets positiv, wird verbreitet, obwohl erst jüngst die IHK Wiesbaden die Verbraucherstudie eines Marktforschungsunternehmens unter mehr als 1000 Privathaushalten veröffentlichte, wonach mehr als zwei Drittel aller deutschen Weintrinker den Naturkorken für den sympathischsten aller Weinverschlüsse halten und dieser Wert bei "Weinen für besondere Anlässe" wie Silvester oder Neujahr sogar auf 87,5 Prozent steigt, während Weine mit Drehverschluß mit 5,5 Prozent abgeschlagen auf dem zweiten Rang landen.

Große Nachfrage nach Glasverschlüssen

Ob den Verbrauchern bei ihren Antworten Flaschen aller Varianten zur Begutachtung vorlagen, ist nicht überliefert. Die Erfahrungen der Rheingauer Winzer mit ihren Kunden scheinen jedoch andere. Inzwischen ist sogar die Rheingau-Flöte mit Glasverschluß lieferbar - und die Nachfrage ist groß. Im Dezember-Rundschreiben des Weinbauverbands werden die Winzer zur eiligen Vorbestellung gedrängt: Alcoa komme mit der Produktion kaum noch nach und gewährleiste eine fristgerechte Lieferung für die Abfüllung des neuen Jahrgangs 2005 nur bei Vorbestellung.

Der Naturschutzbund (Nabu) in Hessen beobachtet diese Tendenz - und er schlägt Alarm: Plastik-, Glas- und Metallverschlüsse auf Wein- und Sektflaschen bedrohten die Zukunft der iberischen Korkeichenwälder, klagt der Naturschutzverband. Die traditionellen Weinkorken entstammten allesamt den nahrungsreichen Korkeichenwäldern Spaniens und Portugals, die als Winterlebensräume für Kraniche unverzichtbar sind.

Der Nabu appelliert deshalb an Verbraucher, Weingüter und Gastronomie, auf Plastik-, Metall- und Glasverschlüsse bei Wein- und Sektflaschen zu verzichten. "Verschwinden die Korkeichenwälder, geraten die Kraniche in ihren Winterquartieren in Bedrängnis", warnt die Nabu-Biologin Sibylle Winkel. Vor wenigen Jahren schon habe eine britische Partnerorganisation des Nabu erkannt, daß der Trend zum alternativen Verschluß bald "eine kritische Größe" erreiche. Jede vierzehnte Flasche werde schon mit der billigen Kork-Konkurrenz verschlossen. Schweizer Winzer griffen überwiegend zu Schraubverschlüssen aus Aluminium, Glasverschlüsse gerieten zunehmend in Mode.

Umstellung auf Pinien- und Eukalyptusplantagen befürchtet

Damit drohe der Verfall der Naturkorkpreise und mittelfristig der Zusammenbruch der traditionellen Korkwirtschaft. Flaschenkork mache zwar nur 30 Prozent der Korkproduktion, aber 70 Prozent der Wertschöpfungskette aus. Für die ländlichen Regionen Portugals und Südspaniens sei die Korkernte lebenswichtig, ihre Verwendung sichere zahlreiche Arbeitsplätze in der Landwirtschaft.

Wenn Kork nicht mehr lukrativ sei, drohe die Umstellung auf profitablere Pinien- oder Eukalyptusplantagen mit der Folge vermehrter Erosion und Verwüstung. Daher komme den Verbrauchern eine große Verantwortung zu: Ihr Kaufverhalten entscheide, "ob Kranich & Co. dauerhaft überleben können". Weingenuß habe eben "sehr viel mit Naturschutz zu tun".

Oliver Bock, F.A.Z. vom 2. Januar 2006

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