08.02.2007 · Guter Wein muss nicht teuer sein. Der einfache Schoppen ist die Visitenkarte jedes Weinguts. Und er kostet nur wenig mehr als die Produkte der Discounter.
Von Oliver BockNirgendwo in Europa geben die Bürger weniger Geld für Lebensmittel aus als in Deutschland. Den meisten Deutschen ist der Preis wichtiger als die Qualität. Das ist auch beim Wein so. Der größte Weinhändler im Land ist der Discounter Aldi. Er verkauft Wein aus deutschen Anbaugebieten zum Durchschnittspreis von 2,15 Euro je Flasche. Mit Erfolg. Im Rheingau sucht derzeit eine Kellerei für Aldi wieder einige Millionen Liter Most und Wein des aktuellen Jahrgangs 2006 zusammen – zum Preis von 90 Cent je Liter.
Wer allerdings in den Weinbergen die nicht selten lieblose Gewinnung dieser Moste durch die Winzer beobachtet hat, dem vergeht die Lust auf solche Billigtropfen. Fachleute schätzen überdies, dass der Vollkostenpreis zur Erzeugung von Fasswein für Kellereien und Sekterzeuger im Rheingau zumindest bei 1,35 Euro je Liter liegt. Zufrieden mit den Aldi-Preisen können also nur jene Winzer sein, die nicht mit spitzem Bleistift rechnen – oder die froh sind, überhaupt einen Käufer zu finden.
Auch günstige Weine können gut sein
Wer Wein als ein Getränk wie Coca-Cola betrachtet, das am besten jedes Jahr gleich schmecken sollte, oder wer es am liebsten mit Wasser verdünnt oder gar mit Eiswürfeln gekühlt genießt, ist mit den billigsten Tropfen aus den Regalen der Discounter zweifellos gut bedient. Doch bei der Erzeugung von Qualitätswein lässt sich das Menge-Güte-Gesetz nicht umgehen: Je mehr Wein auf einer Fläche erzeugt wird, desto dünner, flacher und belangloser schmeckt er. Das Streben jedes Qualitätswinzers in Weinberg und Keller ist deshalb auf die Konzentration des Geschmacks ausgerichtet. Für Massenwein werden 100 oder mehr Hektoliter je Hektar erzeugt. Für Spitzentropfen ist es ein Viertel. Wenn ein Rebstock dank der Eingriffe des Winzers seine aus dem Boden geschöpfte Kraft auf nur wenige Trauben konzentrieren darf, gewinnt der Wein an Bukett, Dichte und Inhaltsstoffen. Die geerntete Menge ist damit geringer, der Preis zwangsläufig höher.
Das Gegenstück zum billigen Aldi-Wein aus dem Rheingau sind deshalb edelsüße Auslesen oder trockene „Erste Gewächse“ qualitätsbewusster Erzeuger. „Erste Gewächse“ werden zwischen 12 und 33 Euro je Flasche gehandelt. Das klingt teuer, ist aber wenig, wenn man bedenkt, was heute für die allerbesten Gewächse aus Bordeaux und Burgund gezahlt wird. Dabei waren die besten Rheingauer vor 100 Jahren noch deutlich teurer als die französischen Spitzenweine.
Diese Zeit kommt wohl nicht wieder. Ein guter Rheingauer Tropfen von einem qualitätsorientierten Erzeuger indes muss keineswegs teuer sein. Wer nur 50 bis 100 Prozent mehr als die 1,99 Euro für einen deutschen Discounter-Wein auf den Tisch legt, hat die Chance auf einen süffigen, rebsortentypischen, fruchtbetonten und reintönigen Rheingauer Tropfen. So preiswert sind jedenfalls die Brot-und-Butter-Weine vieler der rund 450 Familienerzeuger zwischen Lorch und Hochheim.
Probieren geht über studieren
Mit diesen „Qualitätsweinen bestimmter Anbaugebiete“, wie sie genannt werden, sind vor allem Anfänger im Weingenuss bestens bedient, wenn sie die Weinpreisliste eines Erzeugers studieren. Zudem sind diese Schoppenweine die Visitenkarte jedes Weinguts. Das gilt auch in den Gutsschänken und Straußwirtschaften des Rheingaus. Die Bedeutung der Direktvermarktung des Weins in den etwa 95 Straußwirtschaften und 90 Gutsschänken – letztere sind vollkonzessionierte Gaststätten – nimmt immer noch zu. Alljährlich werden neue Schänken eröffnet, während die Bedeutung der sieben verbliebenen Winzergenossenschaften stetig abnimmt.
Auch in den Gutsschänken und Straußwirtschaften gilt: Wo der einfache, trockene Rheingauer Riesling aus der Literflasche Trinkfreude vermittelt, ist der Weinfreund an der richtigen Adresse. Dann stimmt in aller Regel die Qualitätspyramide des gesamten Sortiments.
Vor allem aber ist Weingenuss weit weniger kompliziert, als es die umständlichen deutschen Vorschriften für die Gestaltung von Weinetiketten vermuten lassen. Wer meint, er könne guten Wein von schlechtem nicht unterscheiden, irrt jedenfalls. Es gilt eine einfache die Regel: „Der Weg zum Kenner ist gesäumt von leeren Flaschen.“ Dieser Weg muss durchaus kein kostspieliger sein – ohne dass man deshalb vom Pfad der Qualität abweichen muss.
Riesling-Schnäppchen
Weingut Hermann-Josef Stettler, Hallgarten, Telefon 0 67 23/45 94: 2006 Hallgartener Jungfer, Riesling trocken; 3,70 Euro.
Weingut Goldatzel, Johannisberg, Telefon 0 67 22/5 05 37: 2006 Goldatzel „Sinfonie“, Riesling feinherb; 4,50 Euro.
Weingut Sohns, Geisenheim, Telefon 0 67 22/89 40: 2005 Sohns „SE“, Riesling trocken; 3,80 Euro.
Weingut F.B. Schönleber, Mittelheim, Telefon 0 67 23/9 17 60: 2005 Mittelheimer Edelmann, Riesling trocken; 4,60 Euro.
Weingut Thilo Strieth, Aulhausen, Telefon 0 67 22/46 46: 2006 Assmannshäuser Frankenthal, Spätburgunder Blanc de Noir trocken; 5,20 Euro.