http://www.faz.net/-gzg-ut1j
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 13.05.2007, 20:21 Uhr

Wächtersbacher Messe Wirtschaftsschau und Unterhaltung

Bei der nun eröffneten Wächtersbacher Messe präsentieren sich Unternehmen aus dem Osten Hessens - und tönerne Krieger aus dem Reich der Mitte.

von Holger Dell
© F.A.Z. - Dieter Rüchel Eine der Messe-Attraktionen: 1500 Miniatur-Infanteristen aus China

„Haben die wirklich alle gelebt?“, wollte ein Knirps von vielleicht neun Jahren von seinem Vater wissen. Der kam aus dem Staunen kaum heraus und sagte, ohne auf die Frage einzugehen: „Wahnsinn! Das haben die Chinesen alles nachgemacht und hierhergebracht.“ Dabei hatten Vater und Sohn die Hauptattraktion, die tönernen Soldaten in Lebensgröße aus der Grabanlage des ersten chinesischen Kaisers Qin, noch gar nicht gesehen, sondern standen erst kurz hinter dem Eingang vor den 1500 in Schlachtformation aufgestellten Miniatur-Infanteristen.

Die auf ein Fünftel der Größe reduzierten, aber in allen Details haarklein nachgebildeten Krieger beanspruchten schon einen großen Teil der riesigen Zelthalle für sich. Wie aus dem Nichts tauchten dann ein Stück weiter aus dem dunklen Raum, raffiniert angestrahlt von Scheinwerfern, rund 100 Krieger der Terrakotta-Armee auf, so mächtig ausschauend wie die echten, die Qins 56 Quadratkilometer große, erst zu einem kleinen Teil von Archäologen erschlossene Grabanlage am Berg Li bewachen.

Mehr zum Thema

Blick in vergangene Welten

Die insgesamt 20 Tonnen schweren Repliken aus der Ton-Armee des ersten Kaisers von China, der von 221 bis 206 vor Christus als Gewaltherrscher regierte und 700.000 Bauern beim Bau seines Mausoleums als Zwangsarbeiter einsetzte, sind zweifelsohne das Glanzstück der 59. Wächtersbacher Messe. Sie wurde am Samstag von Hessens Finanzminister Karlheinz Weimar (CDU) eröffnet und dauert bis zum 20. Mai. Als größte Verbraucherausstellung für Industrie, Handel, Handwerk, Landwirtschaft, Neuheiten, Bauen und Wohnen zwischen Frankfurt und Fulda gilt sie nicht nur als Barometer der regionalen Wirtschaft, sondern bietet auch viel Kultur und Unterhaltung.

Imposante Schauen, deren Besuch im normalen Messepreis eingeschlossen ist und einen aufregenden Blick in vergangene Welten ermöglichen, haben sich als Publikumsmagneten erwiesen. Das trifft auch auf die Ton-Armee zu. Bei Führungen erfahren die Besucher allerlei über die 1974 entdeckte, von der Unesco zum Weltkulturerbe erhobene und oft gar als achtes Weltwunder bezeichnete Grabanlage.

Ausstellungsmacher Christian Rode aus dem hessischen Lauterbach legte auf Nachfrage Wert auf die Feststellung, dass die Schau in Zusammenarbeit mit chinesischen Institutionen zustande gekommen sei. Die Exponate stammten aus zertifizierten Museumswerkstätten nahe der mittelchinesischen Stadt Xiang, die heute allein die originalgetreuen Repliken herstellen dürften. Diese kann, mit dem Signaturstempel der Werkstätten versehen, der Messebesucher auch kaufen: diverse etwa 35 Zentimeter hohe Figuren für 30 Euro, lebensgroße für 1500 Euro.

Virtuelle Radtour nach Peking

Eine Halle weiter schlagen sportliche Menschen auf ganz andere Weise eine Brücke zu dem Land, aus dem die Ton-Armee stammt. Auf sechs sogenannten Indoor-Cycling-Rädern strampeln sich Hobbyradler und sportlich Ambitionierte für einen guten Zweck ab, um während der neun Messetage insgesamt – virtuell – die Strecke von 10.000 Kilometern bis nach Peking zurückzulegen. Mehr als 300 Fahrer sollen sich in die Sättel schwingen, um das Ziel zu erreichen. Zuschauern wird per Bildschirm vermittelt, wo die Radler der Aktion „Räder ohne Grenzen – 10.000 Kilometer als Botschafter der Region“ wären, wenn sie tatsächlich unterwegs wären.

Den 860 Kilometer entfernten polnischen Partnerkreis Lublin des Main-Kinzig-Kreises hatten sie schon nach wenigen Stunden hinter sich gelassen und näherten sich am Abend des ersten Tages schon stark der Wächtersbacher Partnerstadt Troizk in Russland, während der Messebetrieb ebenfalls kräftig Fahrt aufnahm und zu bestätigen schien, was mehrere Politiker bei der Eröffnung im Bürgerhaus dank günstiger Konjunkturprognosen erwarteten. Weimar warnte allerdings vor übertriebenen Erwartungen. An eine positive Entwicklung glaubte aber auch er, wobei Messen wie die Wächtersbacher wichtig für die Binnenkonjunktur seien, dienten sie doch nicht nur dazu, Bedarf zu befriedigen, sondern auch zu schaffen.

Landrat Erich Pipa (SPD) stellte den Auftritt vieler regionaler mittelständischer Firmen heraus, die – zum Teil sogar als Marktführer in Deutschland – mit dafür gesorgt hätten, dass der Main-Kinzig-Kreis mit einem überdurchschnittlich hohen Anteil an alternativen Energien versorgt werde. Während dieser bundesweit nur zwölf Prozent betrage, seien es im Main-Kinzig-Kreis 25 Prozent. Pipa will dazu beitragen, dieses Ergebnis nochmals kräftig zu steigern. „Ich glaube, mehr als 50 Prozent sind in zehn Jahren zu schaffen.“ Ein ehrgeiziges Ziel für die nahe Zukunft gab der Landrat auch für die Bekämpfung der Arbeitslosigkeit aus. Mit 6,7 Prozent stehe der Kreis im Moment in Hessen am zweitbesten da. Er will sie unter fünf Prozent drücken und den Main-Kinzig-Kreis zur Nummer eins in Hessen machen.

Quelle: F.A.Z.

 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Auto Show in Peking Im Dutzend billiger

China ist der größte und wichtigste Automarkt der Welt. Deshalb ist die Auto Show in Peking so wichtig aus deutscher Sicht. Ein kleiner Streifzug über die Messe mit den wichtigsten Neuheiten und Kuriositäten. Mehr Von Boris Schmidt, Peking

25.04.2016, 11:25 Uhr | Technik-Motor
Schloss Herrenhausen Merkel begrüßt Obama mit militärischen Ehren

Bundeskanzlerin Angela Merkel hat den amerikanischen Präsidenten Barack Obama auf Schloss Herrenhausen mit militärischen Ehren empfangen. Am Sonntagabend wird er mit der Kanzlerin die Hannover Messe eröffnen. Zuvor sind bilaterale Gespräche und eine Pressekonferenz geplant. Mehr

25.04.2016, 10:22 Uhr | Politik
Mai-Kundgebungen in Hessen Rentenniveau sichern, Flüchtlingen helfen

Bei strahlendem Sonnenwetter haben sich Zehntausende Gewerkschafter und andere Hessen an den Mai-Kundgebungen im Land beteiligt. Alleine 6000 kamen auf den Frankfurter Römerberg. Mehr

01.05.2016, 15:48 Uhr | Rhein-Main
Börse Dax gerät in Strudel des Ölpreisverfalls

Der Preissturz des Rohöls hat für Unruhe am deutschen Aktienmarkt gesorgt. Der Dax verlor zur Eröffnung 1,2 Prozent auf 9929 Punkte. Die ölfördernden Länder hatten sich nicht auf eine Begrenzung der Fördermenge einigen können. Mehr

18.04.2016, 16:48 Uhr | Wirtschaft
Leichenfund auf Schulgelände Unter Drogen gesetzt und ausgeraubt

Erst sieht es aus wie ein Unfall. Aber der Tod eines 27 Jahre alten Mannes ist möglicherweise Folge eines Überfalls. Seine Leiche lag vor einer Schule. Mehr

01.05.2016, 17:20 Uhr | Rhein-Main

Die Brücke polarisiert

Von Oliver Bock

Die politischen Mehrheiten in Rüdesheim und Bingen haben sich geändert. So steht auf einmal wieder der Bau einer Brücke über den Rhein zur Diskussion - auch wenn die Argumente alt sind. Mehr 3