26.02.2008 · Der Naturtextilien-Versender Hess Natur wächst stärker als der Versandhandel in Deutschland insgesamt. Von April an will das Butzbacher Unternehmen in Amerika punkten. Zudem steht im Herbst ein Ladeneröffnung in München an.
Von Thorsten WinterNicht nur beim „Farmer’s Market“ auf dem Union Square in Manhattan stehen Bio-Waren hoch im Kurs – andernorts in den Vereinigten Staaten sind sie ebenso gefragt. So sitzt mit Whole Foods Market auch der weltweit größte Einzelhändler für Nahrungsmittel aus ökologischem Anbau in Amerika. Doch wer dort Naturtextilien sucht, wird kaum fündig. Selbst bei dem gerne zur Öko-Nische gezählten Anbieter American Apparel machen solche Waren nur einen kleinen Teil des Angebots aus. Diese Lücke auf dem amerikanischen Markt will sich Hess Natur aus Butzbach zunutze machen. Im April wagt das Unternehmen den Sprung über den Atlantik: Es steigt dort zuerst mit einem Internet-Shop ein, im September soll der erste Katalog erscheinen, wie Wolf Lüdge, Geschäftsführer der Hess Natur-Textilien GmbH, sagt. „Die Position des Öko-Versenders ist in Amerika noch vakant.“ Zumal Hess Natur auch Stoffe aus tierischen Fasern wie Wolle anbiete, die in Amerika so nicht zu haben seien.
In einem zweiten Schritt will Hess Natur seine logistischen Abläufe testen. Im Einzelnen geht es dabei zum einen um die Arbeit in dem von einem Dienstleister betreuten Call Center in Florida, das Fragen zum Angebot beantworten und Bestellungen annehmen soll. Zum zweiten wird die 316 Mitarbeiter zählende Tochter des vormals unter Karstadt-Quelle AG firmierenden Arcandor-Konzerns schauen, wie sich der Vertrieb bewährt. Denn die neuen Kunden an der Ost- und der Westküste sowie in Chicago sollen nach den Worten von Lüdge vom Stammsitz in der Wetterau aus beliefert werden; ein in Amerika angesiedelter Vertrieb ist nicht geplant. Hess Natur konzentriert sich aus bestimmten Gründen fürs Erste auf diese drei Regionen: „Sie sind einkommensstark und öko-affin.“ Hinzu komme die geistige Nähe zu Europa.
Profitieren vom guten Öko-Image der Europäer
Als europäischer Anbieter von Naturtextilien in Amerika einzusteigen ist aus der Sicht von Lüdge ein Vorteil. „Made in Germany“ genieße nach wie vor einen guten Ruf. Hess Natur lässt zwar auch und gerade in einer Reihe anderer europäischer Länder fertigen, etwa in Portugal, der Tschechischen Republik, der Slowakei oder in Kroatien, wie die Firma auf ihrer Internetseite dokumentiert. Dessen ungeachtet haftet den Europäern in Amerika das Image an, in Sachen Ökologie weiter zu sein als die Amerikaner, wie der Geschäftsführer weiter ausführt. Vor diesem Hintergrund will der Versender auch die neuen Kunden unter dem eigenen Namen gewinnen. Anders als viele Briten, die bei Hess noch immer zuerst an Hitlers Stellvertreter dächten, hätten die Amerikaner mit dem Namen kein Problem. Und die Öko-Textilien zugeneigten Menschen in den Vereinigten Staaten verstünden das Wort Natur auch ohne angehängtes „e“.
Der Katalog, der nach der Anlaufphase nachgeschoben werden soll, wird 80 Seiten umfassen und nur Artikel für Frauen, Kinder und Babys enthalten. Alle Waren seien in Deutschland auf ihre Akzeptanz hin getestet worden – „und man kann zu 90 Prozent davon ausgehen, dass ein Produkt, das hier läuft, auch anderswo erfolgreich sein wird“, erläutert Lüdge. Nach etwa zwei Jahren will Hess Natur mit dem Amerika-Geschäft die Gewinnschwelle erreicht haben. So wird sich auch 2010 entscheiden, ob die Firma dort tätig bleibt. Wird das Wagnis belohnt, will sie auch in den britischen Markt einsteigen.
Nach Butzbach und Hamburg bald ein Laden in München
Auch in der Heimat will sich der Versender weiter verbessern. Nachdem er im Rumpfgeschäftsjahr 2007 von Januar bis Ende September den Umsatz bei etwa 42 Millionen Euro stabil halten und einen Gewinn von 2,4 Millionen Euro hatte einfahren können, sind die ersten beiden Monate des neuen Jahres besser gelaufen als die gleichen vor Jahresfrist. Der Umsatz lag laut Lüdge um rund zehn Prozent höher und etwa vier Prozent über Plan. Zum Vergleich: Der deutsche Versandhandel legte zuletzt einschließlich des Weihnachtsgeschäfts fünf Prozent zu. Mit dem im Herbst eröffneten Laden in Hamburg, dem zweiten nach dem „Flaggschiff“ in Butzbach, zeigt sich der Versender zufrieden. Zwei Millionen Euro habe das Geschäft umgesetzt – „so viel, wie wir brauchen“. Mitte Oktober will Hess Natur in München-Schwabing eröffnen. Mittelfristig sind zehn Geschäfte geplant.
Hess Natur wird fortan außer in Europa und in China auch in Bangladesh fertigen lassen. Der Partner ist die Grameen Knitwear, eine nicht auf Profit ausgerichtete Tochtergesellschaft der Grameen Foundation des Friedensnobelpreisträgers Muhammad Yunus. Dessen Bank vergibt Mikrokredite an Arme, die mit dem Geld investieren können. Grameen Knitwear fertigt nach Angaben von Hess-Natur-Geschäftsführerin Katrin Kinza hochwertige Jersey-Textilien unter vorbildlichen sozialen Bedingungen. Dort wollen die Butzbcher T-Shirts aus Öko-Baumwolle nähen lassen. Hess Natur verspricht, faire Preise sowie einen Aufschlag von 50 Prozent zu zahlen, der der Foundation zufließen soll. (thwi.)