06.09.2010 · Trotz eines blutigen Wochenendes auf hessischen Straßen: Die Zahl der schweren Unfälle sinkt seit Jahren. Ausschlaggebend sind technische Verbesserungen und ein gewachsenes Sicherheitsbewusstsein.
Von Hans RiebsamenEs ist ein blutiges Wochenende gewesen. Sieben Menschen sind in Hessen bei Verkehrsunfällen gestorben, mehr als ein Dutzend wurden schwer verletzt. Wie häufig bei sonnigem Wetter zahlten vor allem Motorradfahrer den höchsten Tribut.
Auf der gefährlichen „Kanonenstraße“ vom Sandplacken nach Oberursel im Taunus flog ein Motorradfahrer aus einer Kurve und starb. Ein anderer kam zwischen Usingen und Bad Nauheim zu Fall und erlitt das gleiche Schicksal. Wie in so vielen Fällen waren beide zu schnell unterwegs gewesen. Am Segelflugplatz Elz verlor ein Neunzehnjähriger die Kontrolle über seinen Wagen und raste gegen einen Baum. Er riss einen Mitfahrer mit in den Tod, zwei andere wurden schwer verletzt.
Niedrigster Stand seit 60 Jahren
Es wird also weiter gestorben auf Deutschlands und Hessens Straßen, aber nicht mehr so häufig wie früher. Sogar längst nicht mehr so häufig. Auf dem Höhepunkt im Jahr 1970 kamen in Deutschland im Straßenverkehr 21 332 Personen ums Leben, im vergangenen Jahr waren es noch 4160. Dies ist der niedrigste Stand seit 60 Jahren. „Hessens Autobahnen werden immer sicherer“, konnte in diesen Tagen auch Verkehrsminister Dieter Posch (FDP) vermelden. Dabei wächst das Verkehrsaufkommen von Jahr zu Jahr.
Der bundesweite Rückgangs-Trend ist auch in Hessen erkennbar, berichtet der ADAC. Die Halbjahresbilanz 2010 zeige weniger schwere Unfälle, weniger Tote und weniger Verletzte. Wie positiv sich die Lage entwickelt hat, sieht man nicht zuletzt daran, dass es immer weniger Stellen gibt, an denen es häufig kracht. Nimmt man die Autobahnen, so gab es in Hessen im Jahr 2000 noch 137 sogenannte Unfall-Häufungspunkte. Jetzt zählen die Verkehrsplaner laut Minister Posch nur noch 48 Unfall-Schwerpunkte.
Fünf Prozent weniger Unfälle als 2008
Dass sich im vergangenen Jahr mit etwas mehr als 15.000 Unfällen auf hessischen Autobahnen deren Zahl um fünf Prozent verglichen mit 2008 verringert hat, mag gewiss auch mit der Wirtschaftskrise und dem damit verbundenen geringeren Frachtaufkommen zusammenhängen. Zu dem positiven Ergebnis trugen allerdings auch einzelne gezielte Sicherheitsmaßnahmen bei wie die Verwendung griffiger Straßenbeläge an besonders gefährlichen Stellen. Die Straßenbauer haben den besonderen Asphalt zum Beispiel an einer berüchtigten Auffahrt auf die A 5 am Frankfurter Kreuz eingesetzt. Prompt reduzierte sich binnen acht Monaten dort die Zahl der Unfälle von 41 auf 13. „Dies zeigt, wie wichtig die Erhaltung der Bausubstanz für die Verkehrssicherheit ist“, kommentiert Minister Posch den Erfolg.
Weiterhin gefährden aber Raser in erheblichem Maße die Verkehrssicherheit. Nirgendwo werden in Hessen mehr Autofahrer geblitzt als am Elzer Berg auf der A 3, nämlich täglich im Durchschnitt 600. Über die in den siebziger Jahren dort fest installierte Radaranlage haben sich wohl schon Hunderttausende Strafzettel-Empfänger geärgert, doch die Blitzgeräte retteten sicherlich einigen hundert Fahrern das Leben. Freilich kann man an der Anlage am Elzer Berg sehen, dass zuweilen auch Tempolimits Unfälle provozieren: Seit die strenge Begrenzung auf 40 Stundenkilometer auf dem rechten Fahrstreifen auf Tempo 60 gelockert wurde, krachte es 2009 nur noch 31 mal gegenüber 52 mal im Jahr zuvor.
Erfolgsgeschichte hat viele Väter
Betrachtet man die Entwicklung bei den Lastwagen-, Auto- und Motorradunfällen, muss man von einer Erfolgsgeschichte sprechen. Sie hat viele Väter. Die Politik hat mit dem „Begleitenden Fahren mit 17“ die Zahl der Unfälle in der Altersgruppe von 18 bis 25 Jahren signifikant gesenkt. Die jungen Leute, die neu den Führerschein erwerben und noch keine Fahrpraxis haben, sind eine Risikogruppe, in der es weit häufiger zu schweren Unfällen kommt als unter den älteren Fahrern. Jetzt sammeln viele ihre ersten Erfahrung am Steuer mit einem bewährten Fahrer an der Seite.
Erstaunlich verbessert hat sich in den vergangenen Jahren die Fahrzeugtechnik. Antiblockiersystem, Airbags, Schleuderschutz und andere Sicherheiteinrichtungen haben die Überlebenschancen bei einem Unfall erheblich verbessert. Lebensretter Nummer eins ist aber immer noch der Sicherheitsgurt. Ferner haben die systematische Entschärfung von gefährlichen Straßenabschnitten zu der Entspannung beigetragen.
Besser rücksichtsvoll und umsichtig
Während früher manches Unfallopfer am Straßenrand oder im Autowrack verblutete, weil die Rettungswagen zu lange bis zum Unfallort brauchten, kommt heute im Ernstfall ein Rettungshubschrauber mit einem Notarzt angeflogen. Überdies scheint das Sicherheitsbewusstsein in der Bevölkerung gewachsen zu sein. Dies will jedenfalls der Auto Club Europa festgestellt haben. Dazu beigetragen haben dürften Kampagnen der Automobilclubs und anderer Einrichtungen, aber auch die Verschärfung der Bußgelder. „Die Hauptakteure“, sagt Minister Posch, „sind aber die Verkehrsteilnehmer.“ Sind sie rücksichtsvoll und umsichtig, kommte es fast nie zu Unfällen.