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Vergütung im Praktischen Jahr Büchergutscheine fürs Blutabnehmen

11.08.2009 ·  In Mainz streiten Studenten und Universitätsleitung über die Vergütung des Praktischen Jahres. Hintergrund des Streits ist der Ärztemangel in Deutschland. „Referendare werden auch bezahlt“, heißt es unter angehenden Medizinern.

Von Christina Hucklenbroich, Mainz
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„Habe das erste Mal im Dienst eine Leichenschau mitgemacht und hatte meine ganz eigene Notaufnahme-Patientin, also wieder was gelernt“, schreibt eine Studentin im Medizinerforum www.medi-learn.de. „Aber trotzdem nehmen mich diese Dienste körperlich ziemlich mit, besonders immer die Lauferei durchs Haus.“ Die angehende Ärztin schildert ihre Erlebnisse während des Praktischen Jahres, kurz PJ. Medizinstudenten absolvieren es im elften und zwölften Semester.

An der Universität Mainz ist das PJ zum Gegenstand eines handfesten Konflikts geworden. Mitte Juli erfuhren die Studierenden, dass die Lehrkrankenhäuser der Uni Mainz sich mit der Hochschule einstimmig darauf geeinigt haben, in Zukunft keinen Lohn mehr an Studenten im PJ zu zahlen. Bisher hatten die Krankenhäuser die Entlohnung der „PJler“ individuell gehandhabt. So zahlte etwa das Marienhaus Klinikum Neuwied bisher 325 Euro pro Monat in bar. „Wer in einem solchen Haus sein PJ macht, weiß also, dass er entweder in Mainz wohnen bleiben kann und Geld für die täglichen Fahrten zur Verfügung hat oder aber eine zweite Unterkunft finanzieren kann“, sagt Simon Diestelmeier von der Fachschaft Medizin. Vor allem die Studenten, deren Praktisches Jahr Ende August beginnt, seien sehr aufgebracht gewesen, da ihre Kalkulationen zunichtegemacht worden seien, sagt Diestelmeier.

PJler entlasten das Klinikpersonal

Hintergrund des Streits ist der Ärztemangel in Deutschland. „Sowohl die Lehrkrankenhäuser als auch das Universitätsklinikum sind auf PJler angewiesen“, sagt Diestelmeier. Die Universität, die bisher für das PJ nur ein Guthaben auf der Kasinokarte geboten habe, wolle vermeiden, dass die Lehrkrankenhäuser ihr durch attraktive Angebote dringend benötigten Nachwuchs abwürben. Die Krankenhäuser, sagt Diestelmeier, hätten gern weiter individuell gezahlt. „Doch eine Vertragsverlängerung mit der Uni ist für sie wichtig, weil der Status ,Lehrkrankenhaus der Uni Mainz' ihrer Reputation nützt.“

PJler sind nicht nur begehrt, weil sie das Klinikpersonal entlasten. Die Kliniken hoffen auch, dass die Studenten ein halbes Jahr später mit bestandenem Examen als Assistenzärzte in das Krankenhaus zurückkehren, das sie bereits aus dem Praktischen Jahr kennen. „Durch lukrative Angebote für PJler können auch kleinere Häuser ihren Nachwuchs rekrutieren“, sagt Fachschaftsmitglied Diestelmeier. „Ein Krankenhaus im tiefsten Hunsrück etwa ist nicht gerade die erste Wahl für Studenten. Wenn man aber erst mal sein PJ dort verbracht hat, möchte man vielleicht doch zurückkommen, weil man die Verhältnisse kennt und die Kollegen nett findet.“ Tatsächlich bot etwa die Hunsrück-Klinik in Simmern den PJlern bisher mietfreie Appartements im Personalwohnheim, unentgeltliche Verpflegung, Büchergutscheine im Wert von 150 Euro in jedem Tertial und eine Vergütung für Bereitschaftsdienste in Höhe von zehn Euro pro Stunde.

Mittlerweile sicherte die Uni Mainz den Studenten zu, dass die neuen Einschränkungen erst von 2010 an gelten würden, also nicht den aktuellen PJler-Jahrgang beträfen. Außerdem soll es nun doch den Lehrkrankenhäusern überlassen bleiben, ob sie eine Aufwandsentschädigung zahlen. Allerdings darf diese Entschädigung 1000 Euro pro Tertial des PJs, also für jeweils vier Monate, nicht überschreiten, und sie muss in Form indirekter Zuwendungen - etwa Essens- und Büchergutscheinen, Miet- und Fahrtkostenzuschüssen - geleistet werden. Barzahlungen sind ausgeschlossen.

Geldverdienen durch Nebenjob unmöglich

Die Unzufriedenheit der Studierenden über die Neuregelung ist dennoch groß. Ende der vergangenen Woche reagierte die Fachschaft Medizin mit einer schriftlichen Stellungnahme, in der die Studentenvertreter einen höheren Betrag fordern und sich zugleich dafür aussprechen, den Lehrkrankenhäusern auch weiterhin Direktzahlungen zu gestatten. Es sei den Studenten im PJ nicht möglich, durch Nebenjobs Geld zu verdienen, da sie ganztags beschäftigt seien. Die angehenden Ärzte übernähmen in erheblichem Umfang ausbildungsfremde Tätigkeiten und Hilfsdienste wie Blutabnahmen, Hakenhalten im Operationssaal, Akten sortieren oder Röntgenbilder suchen. Deshalb sei auch eine Vergütung gerechtfertigt.

Auch die Universität weist darauf hin, dass solche Hilfstätigkeiten während des PJs gängig seien. „Eine direkte Vergütung führt allerdings gerade zu dem Status der ,billigen Arbeitskräfte'“, sagt Reinhard Urban, Wissenschaftlicher Vorstand der Universitätsmedizin Mainz. „Die Lehrkrankenhäuser sollen bezüglich der Qualität der Ausbildung miteinander konkurrieren, statt sich bei der Vergütung zu überbieten.“ Während des PJs bestehe der Studentenstatus weiter. Die PJler erhielten somit auch weiter Bafög, sofern sie Anspruch darauf hätten, heißt es bei der Pressestelle der Universitätsmedizin.

340 Euro im Monat für PJler in Ulm

An den einzelnen Universitäten in Deutschland wird die Vergütung des Praktischen Jahrs unterschiedlich gehandhabt. Die Studenten in Mainz müssen sich in jedem Fall für eins der Lehrkrankenhäuser entscheiden, die Verträge mit der Universität abgeschlossen haben. Allerdings darf das PJ oder ein Teil davon auch im Ausland absolviert werden.

Mittlerweile hat sich der Marburger Bund in die Mainzer Diskussion eingeschaltet. Die Ärztegewerkschaft vergleicht das PJ mit dem Referendariat von Juristen und Lehrern, das bezahlt wird. Auch die Bundesärztekammer hält eine Vergütung des Praktischen Jahrs in Höhe eines Referendariatsgehaltes für angemessen.

Die Mainzer Studentenvertreter wollen das Thema nun erneut im Ausschuss für die Lehre auf die Tagesordnung setzen lassen. Die nächste Sitzung ist im Oktober. Schon jetzt verweist die Fachschaft auf die Universitätsklinik Ulm. Erst vor wenigen Wochen konnten die dortigen Studentenvertreter eine Aufwandsentschädigung und Sachleistungen im Gesamtwert von 340 Euro im Monat für PJler durchsetzen.

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Jahrgang 1978, Redakteurin im Ressort „Natur und Wissenschaft“

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