22.03.2011 · An der Universität Mainz entsteht ein Institut für molekulare Biologie. Noch fehlen Laborausstattung und Personal, aber Geld ist reichlich da – die Boehringer-Stiftung gibt 100 Millionen Euro.
Von Sascha Zoske, MainzZutritt nur mit Überschuhen. Aber nicht, weil Kontamination drohen würde: Mit gefährlichen Krankheitserregern hantiert hier niemand. Besucher des neuen Instituts für Molekulare Biologie tun trotzdem gut daran, die weißen Überzieher anzulegen, weil das Haus – obwohl am 11. März offiziell eröffnet – immer noch eine Baustelle ist. Eine dünne Schmutzschicht bedeckt den schwarzen Schieferboden des Foyers; Staub hängt in den Fluren jenes Gebäudeteils, dessen Rohbau gerade erst abgeschlossen wurde.
Labors und Büros sind noch weitgehend leer. Auf einer Werkbank steht immerhin ein Satz Pipetten, daneben liegt ein Stapel weißer Kittel mit eingesticktem Institutsnamen: Hier hat Ministerpräsident Kurt Beck bei der Eröffnungsfeier in einem kleinen Vorführexperiment einen DNA-Faden aufgewickelt. Ein schöner Termin, so kurz vor der Landtagswahl.
UV-Licht kann die DNA verändern
Wer nach dem Festakt eine fertig eingerichtete Forschungsstätte erwartet hat, wird vielleicht enttäuscht sein – Christof Niehrs aber ist hochzufrieden. „Das Gebäude wurde in Rekordzeit hochgezogen“, sagt der Gründungsdirektor des Instituts. „Im Dezember 2009 war hier nichts als ein Parkplatz.“ Dass auf dem Campus der Gutenberg-Universität in nur 15 Monaten ein Laborbau entstehen konnte, ist der Boehringer-Ingelheim-Stiftung und dem Land Rheinland-Pfalz zu verdanken. Im Februar 2009 hatte die Stiftung zum hundertfünfundzwanzigjährigen Bestehen des Pharmaunternehmens versprochen, 100 Millionen Euro für ein molekularbiologisches Spitzenforschungszentrum an der Uni Mainz bereitzustellen. Selten hat eine deutsche Hochschule für ein einzelnes Vorhaben so viel Geld aus privater Hand erhalten. Das Land wiederum sagte zu, die Kosten für den Neubau in Höhe von 45,5 Millionen Euro zu übernehmen. Beide haben Wort gehalten und so den Aufbau einer Einrichtung ermöglicht, die nach Niehrs’ Worten einzigartig in Europa sein wird. Wenn alle Räume eingerichtet sind, voraussichtlich vom Frühjahr 2012 an, werden die Wissenschaftler dort auf drei Fachgebieten arbeiten: der molekularen Entwicklungsbiologie, der Epigenetik und dem Studium der DNA-Reparatur. Wie die Entwicklung einer befruchteten Eizelle zum erwachsenen Organismus durch die Gene gesteuert wird, ist eine Frage, die auch Niehrs interessiert. Bisher ist er ihr am Deutschen Krebsforschungszentrum nachgegangen; um in Mainz das Institut aufzubauen, hat der 48 Jahre alte Leibniz-Preisträger seinen Lehrstuhl in Heidelberg aufgegeben. Niehrs befasst sich aber auch mit Epigenetik – er untersucht, wie und warum bestimmte Gene an- oder abgeschaltet werden und wie sich ihre Aktivität zum Beispiel bei Krankheiten ändert. Als „Entwicklungsepigenetiker“ verkörpert er nach eigener Ansicht den Typus eines „Schnittstellenforschers“, der an den Grenzen von Fachgebieten arbeitet. Solche Leute will der Professor in möglichst großer Zahl für sein Institut gewinnen.
Vielseitig nutzbar ist auch das Wissen über die Mechanismen der DNA-Reparatur, die dafür sorgen, dass Schäden an der Erbsubstanz beseitigt werden. „Wenn man zum Beispiel ein Sonnenbad nimmt, müssen in den Zellen hinterher hunderttausend Photoreparaturen vorgenommen werden“, erklärt Niehrs. Denn UV-Licht kann die DNA verändern; werden solche Defekte nicht beseitigt, kann die Zelle entarten und es droht Hautkrebs. Umgekehrt verursachen bestimmte Krebsmedikamente wie Cisplatin Schäden an der DNA – was im Erfolgsfall dafür sorgt, dass sich die bösartigen Zellen nicht weiter vermehren.
Erst 20 von 180 Kollegen
All diese Prozesse werden die Mainzer Molekularbiologen grundsätzlich, aber auch mit Blick auf mögliche Anwendungen erforschen. Ihr Institut ist eine gemeinnützige GmbH mit enger Anbindung an die Universität; Gesellschafter ist der Universitätspräsident, kaufmännischer Geschäftsführer der Kanzler. Der Jahresetat von zehn Millionen Euro für die nächste Dekade dürfte manchen Leiter eines Hochschulinstituts neidisch machen. Für ein Exzellenzzentrum, wie Niehrs es sich wünscht, ist das Budget in seinen Augen „angemessen“. Von der neuen Spitzenforschungseinrichtung sollen aber auch die Mainzer Studenten etwas haben, wie der Direktor verspricht. Der Institutshörsaal mit 240 Plätzen könne für Physikvorlesungen genutzt werden, und die Wissenschaftler selbst sollten sich „in der Lehre einbringen“ – auch mit dem Ziel, begabten Nachwuchs anzulocken.
Noch aber haben Niehrs und seine Mitstreiter erst rund 20 Kollegen für ihr Forschungszentrum gewonnen; 180 sollen es einmal werden. Nach fähigen Köpfen suche man überall auf der Welt, und die Resonanz sei ermutigend, berichtet der Direktor. Kürzlich habe ein Mitarbeiter das Institut auf einer Jobbörse am renommierten Massachusetts Institute of Technology vorgestellt: „Wenige Vertreter waren so umlagert wie er.“