17.05.2011 · Jedes siebte Paar in Deutschland ist ungewollt kinderlos. Eine künstliche Befruchtung ist für sie oft der einzige Ausweg. Doch nicht bei allen zeigt eine solche Behandlung auch Erfolg. Zwei Erfahrungsberichte.
Von Stephanie HuberVier Jahre lang hat sie auf diesen Tag gewartet. Den Tag, an dem die 32 Jahre alte Katharina Wieland erfährt, dass sie endlich schwanger ist. Die Nacht zuvor hat sie sich von einer Seite auf die andere gewälzt und über das Ergebnis am nächsten Tag gegrübelt. Als sie am Morgen in die Kinderwunschklinik nach Offenbach zur Blutabnahme fährt, hat sie keine Minute geschlafen. Die Stunden, in denen sie danach zu Hause auf das Ergebnis wartet, sind nervenaufreibend und quälend. „Eigentlich hätte ich ja Routine darin haben müssen“, sagt sie und lacht ein wenig verkrampft. Drei Versuche hat sie schon hinter sich.
Als das Telefon nach vier Stunden klingelt, bittet sie ihren Mann, den Hörer abzunehmen. Als der nach ein paar Sekunden anfängt zu grinsen, kann es Wieland kaum fassen. „In diesem Moment konnte ich mit meinen Emotionen nicht umgehen und lag bei meinem Mann weinend im Arm“, sagt sie. Erst nach zwei Stunden habe sie allmählich realisiert, dass sich ihr großer Traum endlich erfüllt hatte.
Sie wartet seit drei Jahren
Auf ein Happy End wie das der Wielands hoffen zwei Millionen Paare in Deutschland. Denn auch sie warten auf einen positiven Schwangerschaftstest, oft vergebens. Offiziell gilt ein Paar als ungewollt kinderlos, wenn die Frau bei regelmäßigem ungeschütztem Geschlechtsverkehr auch nach einem Jahr nicht schwanger ist.
Tanja Kohler und ihr Mann gehören zu den zwei Millionen Wartenden. Die 42 Jahre alte Frau aus Mainz versucht seit drei Jahren, ein Kind zu bekommen - bisher ohne Erfolg. Jahrelang stand für sie die Karriere im Vordergrund, ihren Kinderwunsch schob sie immer wieder auf. Dass ihre Fruchtbarkeit mit den Jahren abnahm, war ihr klar, doch dass ihre Chancen, mit 40 Jahren schwanger zu werden, bei lediglich zehn Prozent in jedem Zyklus liegt, war ihr nicht bewusst.
Das „magische“ Alter überschritten
Nur wenige Frauen sprechen offen über ihren unerfüllten Kinderwunsch. „In unserem Freundeskreis und in der Familie haben wir das nie thematisiert, es blieb immer zwischen mir und meinem Mann“, sagt Tanja Kohler. Auch mit Frauen, die sie in der Kinderwunschklinik traf, tauschte sie sich nicht aus. Zu privat war und ist ihr das Thema. Deshalb will sie, wie auch Katharina Wieland, ihren richtigen Namen nicht in der Zeitung lesen.
Viele der Patientinnen im Kinderwunschzentrum in Offenbach haben das „magische“ Alter schon überschritten. Der Arzt Konstantin Manolopolous sagt, dass seine Patientinnen durchschnittlich 37,5 Jahre alt sind. Doch schon vom 25. Lebensjahr an nimmt die Fruchtbarkeit ab, kritisch wird es dann mit 35 Jahren. Die Zahl der lebensfähigen Eizellen sinkt, der Menstruationszyklus wird unregelmäßig, die Gebärmutterschleimhaut wird dünner und damit unwirtlicher für eine befruchtete Eizelle.
Die Ursache für Katharina Wielands Kinderlosigkeit konnte nie festgestellt werden. Sie war gesund und im richtigen Alter, ihr Mann ebenfalls. In zehn Prozent der Fälle können Ärzte den Grund für die Kinderlosigkeit nicht ermitteln. Die häufigsten Ursachen bei Frauen sind eine chronische Erkrankung der Gebärmutter (Endometriose), eine Schilddrüsendysfunktion und ein zu hoher Anteil männlicher Hormone. „Oft spielt aber auch die Psyche eine große Rolle“, sagt Arzt Konstantin Manolopolous. Mit jedem missglückten Versuch nehme der Druck auf die Patientinnen zu.
Im Januar vergangenen Jahres wurde die psychische Belastung für Katharina Wieland zu hoch, die Enttäuschung siegte. Die 32 Jahre alte Frau entschloss sich dazu, nach etlichen gescheiterten Hormonbehandlungen und künstlichen Befruchtungen eine Pause einzulegen. „Ich war total fertig, psychisch wie auch körperlich“, sagt Wieland. Bei der künstlichen Befruchtung im Reagenzglas werden unter Narkose Eizellen entnommen, jeder Versuch ist somit ein operativer Eingriff.
Therapie mit Risiken
Wieland liebt ihre Arbeit als Erzieherin, trotzdem litt sie an manchen Tagen. „Jeden Tag Kinder um sich zu haben, mit dem Gedanken im Hinterkopf, womöglich nie ein eigenes zu haben, war richtig schrecklich.“ Mehr als ein halbes Jahr wird das Thema Kinderwunsch aus dem Alltag der Wielands verbannt. „Ich brauchte die Zeit, um wieder neuen Mut und Energie zu schöpfen.“
Doch nicht alle Frauen können es sich leisten, eine Pause einzulegen. „Die Zeit sitzt mir im Nacken“, sagt die 42 Jahre alte Tanja Kohler. Rückblickend bereue sie es, ihre Karriere in all den Jahren vorangestellt zu haben. Und sie bereue auch, sich nicht gleich zu Anfang der Behandlung für eine Reagenzglasbefruchtung entschieden zu haben. Sie dachte, dass es für sie auch auf anderem Weg möglich wäre, schwanger zu werden.
An die Risiken einer künstlichen Befruchtung hat Katharina Wieland während der vier Jahre dauernden Therapie nie gedacht. Eine erhöhte Thrombose-Gefahr zählt zu den häufigsten. Würde das Ultraschallbild in der nächsten Untersuchung mehr als einen Embryo zeigen, käme das Wielands Mann sogar entgegen. „Bei Drillingen hätten sich der Stress und das Geld wenigstens gelohnt“, sagt er scherzhaft.
Vielleicht niemals Mutter
4000 Euro kostet eine künstliche Befruchtung, 800 Euro eine Insemination, das ist die Übertragung eines männlichen Samens in den Genitaltrakt der Frau. Gesetzliche Krankenkassen wie die von Katharina Wieland übernehmen die Hälfte der Kosten, die Zahl der Behandlungen ist jedoch limitiert. Mehr als acht Inseminationen und mehr als drei künstliche Befruchtungen übernehmen die Kassen nicht.
Bei Frauen, die schon 40 Jahre alt sind, zahlen die Kassen nicht mehr. Tanja Kohler musste ihre Behandlung selbst finanzieren. Schon wegen des Geldes könne man nicht unzählige Versuche starten, sagt sie. Trotzdem wird sie es noch ein drittes Mal probieren, die Hormone für eine künstliche Befruchtung bekommt sie schon gespritzt. „Wenn es auch dieses Mal nicht klappt, muss ich mich wohl damit abfinden, nie Mutter zu werden.“