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Umweltschutz Frankfurt nutzt Bush-Visite zu Luftmessungen an Autobahnen

20.02.2005 ·  Während ADAC und Deutsche Bahn die Bewohner im Rhein-Main-Gebiet vor starken Verkehrsbehinderungen am Mittwoch, dem Tag des Besuchs des amerikanischen Präsidenten George W. Bush, warnen, ist man im Frankfurter Umweltdezernat begeistert von diesem einmaligen Szenario.

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Während ADAC und Deutsche Bahn die Bewohner im Rhein-Main-Gebiet vor starken Verkehrsbehinderungen am Mittwoch, dem Tag des Besuchs des amerikanischen Präsidenten George W. Bush, warnen, ist man im Frankfurter Umweltdezernat begeistert von diesem einmaligen Szenario. Die Tatsache, daß vier zentrale Autobahnabschnitte im Ballungsraum voraussichtlich für einige Stunden - in einem Zeitfenster morgens zwischen 7 und 11 Uhr sowie zwischen 15 und 19 Uhr - vollständig gesperrt sein werden, will man zu einem großen Feldversuch nutzen.

Untersucht werden soll, um wieviel die Luftschadstoffbelastungen in Frankfurt sinken, wenn der Verkehr auf den Autobahnen und vermutlich sogar in Frankfurt stark vermindert ist. Für die Frankfurter Umweltdezernentin Jutta Ebeling (Die Grünen) ist es keine Frage, daß sich dank des Präsidenten eine "Verkehrssituation ergibt, die man so schnell nicht wiederbekommt und die man deshalb unbedingt ausnutzen muß".

Grund für das außergewöhnliche Handeln des Dezernats sind europäische Richtlinien zur Luftbelastung durch Feinstäube und Stickstoffdioxyd, die seit dem 1.Januar gelten und die der Stadtverwaltung zu schaffen machen. Denn der vorgeschriebene Grenzwert insbesondere für die unumstritten gesundheitsgefährdenden Feinstäube, der nun bei 50 Mikrogramm je Kubikmeter Luft liegt, ist allein an der Luftmeßstation an der Friedberger Landstraße in Frankfurt in diesem Jahr bereits zwölfmal überschritten worden. Aber nur 35 Überschreitungen im Jahr toleriert die EU, ansonsten müssen Stadt und Land einen Aktionsplan vorlegen. Und nicht nur das fürchten Umweltministerium und Dezernat. Man weiß dort: "Wir werden Klagen von Bürgern kriegen, die ihre Gesundheit gefährdet sehen."

Auch daß die FAG-Fraktion im Frankfurter Römer bereits wegen Untätigkeit der Frankfurter Stadtverwaltung Beschwerde bei der Europäischen Kommission eingereicht hat, überrascht die Umweltfachleute nicht. Nur eine Lösung, wie die zu hohen Feinstaub- und Stickstoffdioxyd-Belastungen, die nachweislich vor allem vom Verkehr und dabei insbesondere von Dieselmotoren ohne Rußfilter verursacht werden, dauerhaft reduziert werden könnten, die hat man weder in Frankfurt noch in Wiesbaden oder in einer anderen europäischen Stadt.

Das ergab zumindest ein Treffen der sogenannten Eurocities in den vergangenen Tagen im spanischen Sevilla, an der auch ein Vertreter des Frankfurter Umweltdezernats teilnahm. Während einige Großstädte erwägen, sich an London zu orientieren und die Einfahrt in die Innenstadt mit einer Maut zu belegen oder gegebenenfalls den Verkehr etwa für Dieselfahrzeuge ganz abzuriegeln, vertreten offenbar die meisten europäischen Städte die Ansicht, daß "reines Sperren recht wenig bringt". Der Verkehr werde nur verlagert, die Gesamtbelastung nicht verringert. Sie empfehlen, statt nach der einen Lösung zu suchen, ein ganzes Paket zu schnüren, und zwar regional abgestimmt.

Dies hat das Land Hessen gemeinsam mit den Städten Frankfurt, Darmstadt und Wiesbaden in dem Entwurf eines Luftreinhalteplanes für den Ballungsraum Rhein-Main versucht. Dieser Plan, der bis Mitte der vergangenen Woche öffentlich auslag, soll nun nach einiger Überarbeitung - 52 Bürger und Verbände haben Einwendungen erhoben - voraussichtlich im März in Kraft treten. Darin schließt das Land die "Ableitung des Schwerlastverkehrs - insbesondere des Durchgangsverkehrs - aus den empfindlichen Bereichen der Innenstädte" nicht aus. Die FAG-Fraktion im Römer fordert denn auch nach Berliner Vorbild eine "Umweltzone Frankfurt", in der bei Grenzwertüberschreitungen - häufig werden die bei Inversionswetterlage erreicht - nur Fahrzeuge mit Rußfiltern fahren dürften.

Umweltdezernat und Straßenverkehrsverwaltung sehen solche Forderungen kritisch: Die einen mutmaßen, daß es keinen nennenswerten Lastwagen-Durchgangsverkehr in Frankfurt gebe - niemand quäle sich freiwillig durch die Straßen -, die anderen raten, erst einmal den eigenen Handlungsspielraum zu nutzen, etwa bei den städtischen Dienstfahrzeugen, den öffentlichen Bussen und den Fahrzeugen der Frankfurter Entsorgungs- und Service GmbH (FES) auf die Einsetzung von Rußfiltern bei den Dieselfahrzeugen zu dringen. Und: "Wir müssen die Leute bewegen, auf den öffentlichen Nahverkehr umzusteigen, das Fahrrad häufiger zu benutzen", sagt Wendelin Friedel, Referent der Frankfurter Umweltdezernentin. Schließlich fahren 80 Prozent der Pendler mit dem Auto nach Frankfurt.

Und noch etwas ist vor allem in Frankfurt nicht vergleichbar mit anderen Ballungsräumen: Der relativ kleine Stadtkern ist von einem dichten Netz von Autobahnen umschlossen. Die Messungen des Hessischen Landesamtes für Umwelt und Geologie haben denn auch ergeben, daß ein Großteil der Emissionen im Rhein-Main-Gebiet nicht in den Innenstädten, sondern auf den Autobahnen und im Umland verursacht wird. In Frankfurt wurden 2002 immerhin 70 Prozent aller Fahrleistungen auf den Autobahnen erbracht, die zur städtischen Gemarkung gehören. Auch deshalb, so Umweltamtsleiter Klaus Wichert, erreiche man zuwenig mit der Schaffung einer "Umweltzone", die Frankfurter Innenstadt "ist zu klein, um mit solchen Maßnahmen etwas zu erreichen".

Gerade diese hohe "Hintergrundbelastung", wie die Fachleute sie nennen, und der große Pendleranteil im Rhein-Main-Gebiet machen den Besuch des amerikanischen Präsidenten mit den damit einhergehenden Autobahnsperrungen für die Umweltexperten so interessant. Um wieviel Prozent sinken die Emissionen, wenn, wie das Landesamt erwartet, 30 bis 40 Prozent des Verkehrs im Rhein-Main-Gebiet entfällt? Was bedeutet dies konkret für die Luftschadstoffbelastung an der Friedberger Landstraße?

Das Umweltdezernat hat das Landesamt, das alle Luftmeßstellen in Hessen unterhält, gebeten, die Ergebnisse an drei aufeinanderfolgenden Tagen - am Dienstag, dem Tag vor den Autobahnsperrungen, dem Tag des Bush-Besuchs und dem nachfolgenden Tag - gesondert aufzubereiten. Parallel ist das Frankfurter Verkehrsdezernat aufgefordert worden, an der Friedberger Landstraße an den drei Tagen Verkehrszählungen vorzunehmen.

Damit verwertbare Ergebnisse erzielt werden, muß allerdings nicht nur der amerikanische Präsident kommen, sondern es ist auch noch von höherer Seite Unterstützung erforderlich: Der Feldversuch ist nur erfolgreich, wenn das Wetter an allen drei Meßtagen konstant ist - am besten windschwach und ohne Niederschläge. Auch Bush wäre dies sicherlich am liebsten. MECHTHILD HARTING

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