20.05.2006 · Die Rettung für die Kurstadt Bad Orb kommt aus Fernost: Chinesen errichten das Kurparadies und investieren dafür 23 Millionen Euro. Ende 2007 soll die Anlage fertig sein.
Der seit Jahren andauernde Überlebenskampf der Kurstadt Bad Orb ist offensichtlich von dauerhaftem Erfolg gekrönt. Das von den meisten Bürgern nach mehreren Enttäuschungen mit deutschen und europäischen Investoren als letzter Rettungsanker angesehene chinesische Kurparadies und Business-Center wird gebaut. Zwar steht, wie Bürgermeister Wolfgang Storck (CDU) gestern in einer Pressekonferenz erläuterte, der Tag des Baubeginns noch nicht fest, dafür aber der Fertigstellungstermin: der 31. Dezember 2007.
Sämtliche Verträge für das 23 Millionen Euro teure Projekt sind nach Angaben von Storck, von Jin Mei Wang, Geschäftsführerin der verantwortlich zeichnenden Chinesischen Kurparadies Bad Orb GmbH, und des chinesischen Partners und Hauptinvestors Jing Bai aus Schanghai unter Dach und Fach. Die Finanzierung sei sichergestellt.
„Wir arbeiten jetzt mit Hochdruck an der Umsetzung. Das wird ein absolutes Unikat in Deutschland.“ Das Vorhaben gilt, so merkwürdig es klingen mag, als Teil eines Projektes im fernen Schanghai, das sich in für europäische Verhältnisse kaum vorstellbaren Dimensionen bewegt. Für 960 Millionen Euro errichtet das Unternehmen „Chinesische Digitale Bibliothek“ ein ganzes Stadtviertel mit Wohnungen, Grünanlagen, Kultureinrichtungen und einem Wirtschafts- und Handelszentrum, das von der 20-Millionen-Einwohner-Metropole auf China und in die ganze Welt ausstrahlen soll.
Bad Orb will Touristen aus China anlocken
Die „Chinesische Digitale Bibliothek“ - der Name entstammt einem Staatsprojekt zur Sammlung von Informationstechnologien - sei ein mit der Telekom vergleichbarer Konzern, erklärte Bai. Sie unterhält zwei Geschäftsbereiche in der Immobilien- und in der IT-Branche. Bai ist Gesellschafter und Vorstandsvorsitzender der Immobilienfirma und Gesellschafter und für Investitionen in China und im Ausland zuständiges Vorstandsmitglied.
Das Projekt in Schanghai, das den Angaben des Investors zufolge nach deutschen Preisen etwa das Zehnfache, also rund zehn Milliarden Euro verschlingen würde, ist bereits zu einem Viertel fertiggestellt und soll in fünf bis sechs Jahren vollendet sein. Das Business-Center im ehemaligen Badehaus Orbgrund, wo sich chinesische Firmen einmieten werden, soll die Kontaktstelle zur deutschen Wirtschaft im Netzwerk des Schanghaier Handelszentrums werden und Türen zu den deutschen Märkten öffnen.
Storck: „Für die Chinesen sind ein- und mehrstündige Wege innerhalb von Schanghai selbstverständlich. In ihren Augen gehört Bad Orb als Vorort zu Frankfurt.“ Mit der Übernahme und Renovierung des Kurhaushotels und dem Neubau des im chinesischen Baustil konzipierten Kurparadieses mit Thermalbad und Angeboten von chinesischer und deutscher Medizin und Badekultur soll Bad Orb ein attraktiver Platz für reisende Geschäftsleute und Touristen aus dem Reich der Mitte werden.
Acht bis zehn Mediziner werden erwartet
Die Chinesische Kurparadiesgesellschaft der seit mehr als 20 Jahren in Bad Orb praktizierenden und aus China stammenden Professorin und Akupunkturärztin Wang hat nach ihren und Storcks Angaben keinerlei Schwierigkeiten gehabt, die Betreiber und Mieter aller drei Einrichtungen zu finden. Für das Kurparadies wurde die Medizinische Hochschule von Laoning, einer 50 Millionen Einwohner zählenden Provinz, verpflichtet. Die eine Kette von elf Kliniken unterhaltende Hochschule wird etwa acht bis zehn Mediziner nach Bad Orb schicken.
Die Stadt Bad Orb und ihre Kurgesellschaft sind vertraglich in das Projekt eingebunden, weil sie das abrißreife Leopold-Koch-Bad, das Badehaus Orbgrund und das Kurhaushotel für einen symbolischen Preis der Kurparadiesgesellschaft 66 Jahre lang in Erbpacht überlassen. Voraussetzung, daß dieser Vertrag vollzogen werden kann, war die Vorlage einer sicheren Finanzierungsplanung. Diese stehe nun so fest mit Sicherheitsleistungen der von der Kurparadiesgesellschaft gewonnenen Partner, daß nichts mehr passieren könne, sagte Storck.
Aufenthaltsgenehmigungen für Bauarbeiter
Nunmehr werde mit „qualmenden Köpfen“ an der Verwirklichung der an sich baureifen Pläne gearbeitet. Diese seien von einem führenden Architektenbüro in Schanghai erarbeitet worden und würden mit Hilfe deutscher Planer zur Zeit im Detail auf deutsches Recht abgestimmt, zum Beispiel auf die deutschen Statikanforderungen, Brandschutzbestimmungen, Wärmeschutzvorschriften und mehr.
„Wir haben mit vielen bürokratischen Hürden zu kämpfen, doch die Behörden und Politiker im Main-Kinzig-Kreis und Land haben uns zügige Bearbeitung zugesichert“, äußerte Storck. So sei der Baubeginn nicht mehr eine Frage von Monaten, sondern nur von Wochen. Ein besonders schwieriges Problem, die Aufenthaltsgenehmigungen der chinesischen Bauarbeiter, die für unterschiedlich lange Zeit und Phasen nach Bad Orb kommen sollen, um das Kurparadies in chinesischer Bauweise zu errichten, sei gelöst.