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Tierversuche an Hochschulen Sterben für die Wissenschaft

30.08.2011 ·  In Universitäten gibt es Tierversuche, vor allem in der Forschung. Das sei nötig, sagt ein Pharmakologe. Werden Tiere aber auch für die Lehre „verbraucht“, ist der Protest besonders groß.

Von Piotr Heller
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Das zukünftige Tierhaus auf dem Campus der Mainzer Gutenberg-Universität ist ein unauffälliger grauer Klotz. Auch die sechs Räume, in denen Mäuse gehalten werden sollen, erinnern mit dem orangefarbenen Boden und den Metallregalen eher an eine moderne Bibliothek. Doch in den Regalen reihen sich Plastikkäfige aneinander. In jedem Raum 700 Käfige, in jedem Käfig Platz für bis zu drei Mäuse. Will ein Forscher oder ein Tierpfleger die Räume betreten, passiert er eine Schleuse, in der er sich umzieht und duscht. Er könnte sonst Mikroorganismen einschleppen, an denen die Tiere erkranken.

Das Tierhaus wird in einigen Tagen in Betrieb genommen. Bis zu 10.000 Mäuse werden ein neues Zuhause finden - ein Zuhause auf Zeit. Die Mäuse sind für Versuche vorgesehen. Daher ist auch die Vorsicht an den Schleusen keine reine Tierschutzmaßnahme. Krankheiten könnten die Aussagekraft von Experimenten mindern. Etwa 95 Prozent der Mäuse und Ratten an der Gutenberg-Universität werden für die medizinische Forschung gekauft, gezüchtet und „verbraucht“.

24.000 Mäuse für mehr als 100 Forschungsprojekte

„Tierverbrauch bedeutet, dass ein Tier in der Forschung stirbt“, erläutert Ulrich Förstermann, Professor für Pharmakologie und Vizepräsident für Forschung an der Mainzer Uni. Jährlich verbrauchen Wissenschaftler dort etwa 24.000 Mäuse für mehr als 100 Forschungsprojekte. Damit steht die Universität im Rhein-Main Gebiet nicht alleine da. Auch die Goethe-Universität nutzt Tiere - „weniger als in Mainz“, wie der stellvertretende Tierschutzbeauftragte der Frankfurter Hochschule sagt. Die Mäuse für medizinische Forschung sind großteils genetisch verändert. Bei ihnen wurden Gene „ausgeschaltet“ oder neue eingebaut, damit Wissenschaftler beobachten können, welche Veränderungen die fehlenden oder zusätzlichen Gene auslösen. „Wir wollen mit diesen Versuchen Systeme im Körper besser verstehen“, sagt Förstermann.

Leiden die Mäuse mit einem ausgeschalteten Gen unter Lähmungen, hatte es wahrscheinlich Einfluss auf das Nervensystem. Bilden sie verstärkt Tumoren, wissen die Forscher: Jenes Gen, das sie ausgeschaltet haben, bildet Stoffe, die bösartige Wucherungen verhindern können. „Diese Forschung hat langfristig ein therapeutisches Potential, was Nervenerkrankungen, Tumoren und Herz-Kreislauf-Erkrankungen angeht“, sagt Förstermann, der seit 32 Jahren forscht.

Der Unterschied zum Computermodell

Computer ermöglichen komplexe Simulationen. Dass sie Tierversuche ersetzen können, glaubt Förstermann nicht. Computersimulationen seien Modelle, die nur das abbildeten, was ein Forscher ihnen vorgebe. Doch in einem Tier fließe Blut, es besitze ein Nervensystem und einen Hormonhaushalt. All das beeinflusse sich gegenseitig. „Wenn wir annähernd verstehen wollen, wie das komplexe System Körper funktioniert, kommen wir an Tierversuchen nicht vorbei“, sagt er.

Dennoch werden diese Ersatzmethoden überall dort verwendet, wo sie genug Informationen liefern. Damit wird der stetig wachsenden Tierverbrauch so weit wie möglich verringert, was auch eine Form des Tierschutzes ist. Dafür ist in Mainz Professor Oliver Kempski zuständig. Seit er vor 20 Jahren an die Universität kam, hat sich vieles verändert. „Damals haben hier Zustände geherrscht, die ich heute nicht tolerieren würde“, erinnert sich Kempski und spielt darauf an, dass bei der Erforschung von Schlaganfällen Katzen und Hunden benutzt wurden. Tiere wie diese sieht er im Vergleich zu Mäusen als höherwertig an - Versuche an Katzen und Hunde gibt es in Mainz heute nicht mehr.

Tierversuche müssen von dem jeweils zuständigen Regierungspräsidium erlaubt werden. „Das Wichtigste, damit ich einen Versuch genehmige, ist, dass er unerlässlich ist“, sagt Edda Simon vom Regierungspräsidium Darmstadt. Diese Behörde ist zum Beispiel für die Goethe-Universität zuständig.

Die Mehrzahl der Versuche wird an Mäusen vorgenommen, und für den Tierschutz wird viel getan. In Mainz sind die Temperaturen in den Käfigen auf zwei Grad genau geregelt und werden ständig belüftet. Tierpfleger überprüfen die Käfige, um zu sehen, wie es den Mäusen geht.

Was der Zoologe gesehen haben muss

Doch nicht alle sind zufrieden. „Diese Tiere werden geboren, um zu sterben“, sagt Jessica Hamed. Die Sprecherin der Gruppe Campus-Grün in Mainz ist aus ethischen Gründen gegen den Verbrauch von Tieren - vor allem in der Lehre. Will ein Student in Mainz oder Frankfurt Biologe werden, muss er mit bereits getöteten Seesternen, Insekten oder Mäusen üben. Versuche mit lebenden Tieren in der Lehre schaffte der Fachbereich vor mehr als zehn Jahren auf Drängen der Studenten ab, ersetzte sie durch Videos.

„Sie müssen ein Tier von innen gesehen haben, wenn Sie Zoologe werden wollen“, kommentiert Förstermann Bemühungen, die verpflichtenden Übungen durch andere zu ersetzen. Hamed sieht das anders: Sie will, dass die Studenten entscheiden können, ob sie an einem Tier arbeiten, das „für diesen Zweck geboren wurde“, oder lieber eine alternative Prüfung machen.

Hamed meint, der Protest werde größer. Eine Online-Petition gegen Tierverbrauch in der Lehre in Mainz zählt bisher 1301 Unterschriften. Das bundesweite Projekt „Satis“ setzt sich für eine „humane Ausbildung“ ein. Auf seiner Internetseite findet sich auch ein Ethik-Hochschulranking mit Ampelsystem: Grün steht für eine Ausbildung ohne Tierverbrauch, Rot für Unis, in denen Tiere für die Lehre sterben. Im Fach Biologie weisen bundesweit nur acht Universitäten eine grüne Ampel vor. Die Mehrheit ist rot - darunter sind auch die Unis in Frankfurt und Mainz.

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