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Tierschutz Banges Warten auf ein Serum für die Wisente

29.04.2008 ·  Nur noch vier Tiere zählt die Herde im Hanauer Wildpark Alte Fasanerie, zwölf sind schon an der Blauzungenkrankheit verendet. Helfen soll ein Impfstoff - doch der kann erst Mitte Mai geliefert werden.

Von Luise Glaser-Lotz
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Mit Hochdruck wird in diesen Tagen an einem neuen Fangstall im Gehege der Wisente des Wildparks Alte Fasanerie in Hanau Klein-Auheim gearbeitet. Er wird gebraucht, um die Wisente effektiv gegen die gefährliche Blauzungenkrankheit behandeln zu können.

In den vergangenen Wochen haben Bürger und Institutionen rund 15 000 Euro für den Bau des Stalls gespendet, um einen Beitrag zum Überleben der wertvollen Wisent-Herde zu leisten. Insgesamt wird der Stall etwa 70 000 Euro kosten, weshalb noch weiter Spenden gesammelt werden. Den Rest der Summe wird dann der Förderverein des Wildparks beisteuern.

Einst eine der größten Herden

Bevor im vergangenen Sommer die für Schafe, Rinder und Wildtiere todbringende Blauzungenkrankheit im Wildpark von Klein-Auheim ausgebrochen ist, lebten in dem rund 2,5 Hektar großen Gehege noch 16 Exemplare der selten gewordenen Tierart. Sie bildeten eine der größten in einem Tierpark gehaltenen Herden überhaupt (F.A.Z. vom 15. Februar).

Doch elend sind ein Dutzend Tiere an der Blauzungenkrankheit zugrunde gegangen. Nun setzt der Wildpark unter der Leitung von Forstamtsdirektor Dieter Müller alles daran, die vier überlebenden Exemplare, darunter ein stattlicher Bulle, in der bevorstehenden warmen Jahreszeit nicht auch noch zu verlieren.

Neu entwickelter Imfstoff

Der Einsatz ruht auf zwei Säulen: die Impfung mit dem neu gegen den europäischen Erreger entwickelten Impfstoff sowie eine sichere Behandlungsmethode der scheuen und sehr kräftigen Tiere.

In dem von einer Fachfirma für Tiergestaltung und dem Wildparkteam entwickelten Fangstall können die Wisente gespritzt werden, ohne sie vorher narkotisieren zu müssen. Auch alle anderen Behandlungen sind dort möglich, weil die Wisente in Kabinen gefahrlos für Mensch und Tier so fixiert werden können, wie es für eine Untersuchung und Behandlung notwendig ist. Auch eine Isolierung erkrankter Tiere ist dort möglich.

Neuer Fangstall geplant

Sobald der Stall fertig ist, werden die Wisente zunächst täglich in den Kabinen gefüttert, damit sie sich die Umgebung gewöhnen können. Für die Impfung und bei Krankheit werden die Wisente dann bereitwillig den Stall aufsuchen. In diesem Fall schließt sich eine stabile Tür hinter ihnen, damit sie nicht davonlaufen können.

Müller rechnet damit, dass der Fangstall bis Ende Mai fertig sein wird. Dennoch soll die Impfaktion möglichst schon früher anlaufen. Noch geht es den vier Überlebenden gut, und man wartet im Wildpark ungeduldig auf die Auslieferung des Impfstoffs.

Abhängigkeit von den Herstellern

Nach Auskunft des Umweltministeriums soll Hessen vom 16. Mai an von drei beauftragten Herstellern mit Impfstoffen für cirka 350 000 Schafe und 500 000 Rinder beliefert werden. Die Verteilung der Impfstoffe erfolgt über die Veterinärämter der Landkreise und kreisfreien Städte.

Der zuerst eintreffende Impfstoff der Firma Fort Dodge soll komplett dem Landkreis Fulda zur Impfung der dortigen Rinderpopulation zur Verfügung gestellt werden. Der Wildpark versucht nach den Worten Müllers, den Impfstoff für die Wisente mindestens genauso schnell zu bekommen. Verantwortlich für die Verteilung sind die Veterinärämter. Nach Auskunft des Amts für den Main-Kinzig-Kreis wird eine Auslieferung vor Mitte Mai nicht möglich sein, bei den Terminen sei man vollständig auf die Hersteller angewiesen.

Wildtier des Jahres

Im Wildpark hat man unterdessen Angst, dass die Gnitzen, die kleinen Stechmücken, die den Erreger unter den Tieren übertragen, bei den derzeit wärmer werdenden Temperaturen schon vermehrt aktiv werden könnten. Für Müller zählt jeder Tag, weil der Wildpark nicht noch eines der Wisente an die Krankheit verlieren möchte. Schließlich wurde das Wisent, das „europäische Bison“, in diesem Jahr zum Wildtier des Jahres ausgerufen und ist europaweit als vom Aussterben bedrohte Tierart eingestuft.

Müller ist stolz darauf, dass eine polnische Wisentspezialistin den Klein-Auheimer Bestand als genetisch besonders wertvoll eingestuft hat. Eigentlich sollten Tiere aus der Herde vor Ausbruch der Krankheit sogar ein Auswilderungsprojekt im Rothaargebirge unterstützen, wo erstmals wieder Wisente in freier Wildbahn angesiedelt werden sollten. Stattdessen müssen die Betreuer im Tierpark nun für das Überleben der eigenen Herde sorgen.

Herde soll wieder aufgebaut werden

Wie es mit dieser weiter gehen soll, darüber wollen Müller und Wildbiologin Marion Ebel von der Alten Fasanerie Anfang Juni mit der polnischen Expertin. Dabei wird es vor allem um die Frage gehen, ob sich die Herde aus eigener Kraft wieder aufbauen läßt, oder ob Tiere von außen hinzukommen sollen. Voraussetzung für beides ist aber zunächst eine erfolgreiche Impfung.

Laut Umweltministerium ist die Wirksamkeit und Wirkdauer des neu entwickelten Impfstoffs nicht bekannt. Um genaue Aussagen darüber machen zu können, würde es Jahre dauern. So lange kann man aber auch in der Alten Fasanerie nicht warten. Immerhin weist nach den Worten eines Ministeriumssprechers alles darauf hin, dass der Stoff wirken und keine gefährlichen Nebenwirkungen haben wird.

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