19.02.2008 · Ein Heim für kranke Tiere: Im Tierrefugium Hanau finden alte, misshandelte und kranke Tiere wie Hängebauchschwein Schröder oder der querschnittsgelähmte Hund Paolo ein Zuhause.
Von Barbara HofmannPaolo braucht einen sportlichen Gassigeher. Denn kaum ist das Geschirr festgezurrt, gibt der schwarze Rüde Gas. Der rasende Paolo zieht keinen Schlitten, sondern einen Rollwagen hinter sich her. Wenn Paolo mit dem Gefährt auf den Waldwegen rund um Neuwirtshaus unterwegs ist, bleiben viele Spaziergänger staunend stehen. Der schwarze Blitz mit dem langen Fell, der sich nur mit der Kraft seiner Vorderbeine so flott vorbewegt, während seine Hinterbeine in Gurten fixiert sind, erregt Aufsehen. Paolo ist nach einem Unfall querschnittsgelähmt und trotzdem dank des Rollis sehr beweglich.
Das Gefährt ist eine Maßanfertigung aus der Werkstatt des Tierrefugiums Hanau-Großauheim. John Kraft, der Gründer des Tierrefugiums und Vorsitzender des gleichnamigen Vereins, und Marco Nowak haben die Konstruktion aus Aluminiumrohren, an denen Reifen befestigt sind, in vielen Arbeitsstunden gefertigt. Hündin Habiba, die aus einem ägyptischen Tierheim stammt, ist auch auf ihren Rollwagen angewiesen. Fünf Schrotkugeln haben ihr das Rückenmark durchtrennt. Statt qualvoll irgendwo vor sich hin zu vegetieren, genießen Paolo und Habiba ihr Hundeleben auf zwei gesunden Beinen im Tierrefugium.
Borstenviecher sozialisieren
Das rund einen Hektar große Areal liegt direkt an der Bundesstraße 8 zwischen Kahl und Hanau. Hinter dem Haus, in dem John D. Kraft mit Ehefrau Drane Pepaj und 20 Hunden unter einem Dach lebt, erstreckt sich das weitläufige Gelände mit Freigehegen und Pferdekoppeln. „Wir halten unsere Tiere so artgerecht wie möglich“, sagt Kraft. Besucher, die die beiden Tore passiert haben, werden sofort von einem Dutzend neugieriger Hunde umringt. Die Tiere leben im Rudel und durchstreifen das Gelände. Kraft und Drane Pepaj haben mit ihrem Tierrefugium ein Paradies für alte, kranke, misshandelte und behinderte Tiere geschaffen.
Minischwein Schröder lässt sich erst einmal nicht blicken. Der Vierbeiner hat sich in seine Hütte inmitten des großen Freigeheges zurückgezogen. Erst als Kraft seinen Namen ruft und ihn mit trockenem Brot lockt, bequemt sich Schröder, sein Domizil zu verlassen. „Schröder ist ein Scheidungsopfer“, weiß Giovanna Pepaj. Die 27 Jahre alte Frau arbeitet in einem Hanauer Krankenhaus in der Intensiv-Neurologie und hilft in ihrer Freizeit im Tierrefugium mit. Sie und ihr Schwager Kraft kennen die Schicksale ihrer Schützlinge. Minischwein Schröder, der wie ein Hund gehalten wurde, hat anfangs seine Familie schmerzlich vermisst. Bald soll er jedoch Gesellschaft von Hausschwein Ariel bekommen. Die beiden Borstenviecher zu sozialisieren sei jedoch kein einfaches Unternehmen, denn trotz ihrer Verwandtschaft sind sich die zwei Schweine noch nicht geheuer.
Ariel wurde als einziges überlebendes Tier von einem Bauernhof gerettet. Der Bauer hatte Kühe und Schweine verhungern lassen. Auf der angrenzenden Koppel grasen drei Pferde und zwei Ponys. „Frechdachs Tommy sah übel aus, als wir ihn von einem Pferdehändler in Ortenberg abgekauft haben“, erzählt Kraft, während er seinem Großen Gigant die Mähne krault. Gigant hat Probleme mit den Hufen und Lucky einen kaputten Rücken. Beide Pferde werden nicht mehr geritten, sondern nur noch longiert und geputzt. Ein paar Schritte entfernt lebt eine Ziegenherde. Einige der Tiere sind vom Veterinäramt beschlagnahmt und ins Tierrefugium gebracht worden. Betty Bonito wurde von ihren Besitzern abgegeben, weil sie in Nachbars Garten die Blumen fraß.
Mit dem Tierschutzpreis der Mechtold-Stiftung ausgezeichnet
„Es ist unglaublich toll, wenn man die Tiere retten kann“, betont Giovanna Pepaj. Doch Kraft und Pepaj wissen, dass von ihrem Einsatz nur wenige misshandelte Tiere profitieren. „Wir bekommen täglich 20 bis 30 Hilferufe. Ein Fall ist schlimmer als der andere“, berichtet Kraft. Vor drei Jahren realisierte der 40 Jahre alte ehemalige Produktmanager seinen Traum, etwas mit Tieren zu machen. Dafür tauschte er Anzug und Laptop gegen Jeans und Gummistiefel ein. Ehefrau Drane ist noch berufstätig, sonst würden die beiden nicht über die Runden kommen.
Im Hause räkeln sich die Hunde-Senioren im Wohnzimmer auf Sesseln und Sofas. Darunter sind zwei blinde Hunde und der dreibeinige Sam, der Giovanna Pepaj regelmäßig in Hanauer Altenheime begleitet. Sam ist auch in Kindergärten und Schulen ein gern gesehener Besucher. „Wir wollen Kindern und Jugendlichen Respekt vor den Tieren vermitteln“, sagt Kraft. Inmitten der großen Hunde sitzt die 19 Jahre alte Rehpinscherdame Lilly. „Sie ist hier die Uroma“, sagt Kraft. Er nimmt das Federgewicht auf den Arm und schmust mit der fast zahnlosen Alten.
Im ersten Stockwerk scheint die Abendsonne in das neue Hundezimmer. Die Körbchen sind aneinandergereiht, an den Wänden hängen Hundefotos, die Fliesen wärmt eine Fußbodenheizung. Der große Raum konnte mit der Hilfe einer Karlsteiner Firma, die die gesamte Elektrotechnik eingebaut hat, fertiggestellt werden. Ein Gemüsehändler aus Großauheim spendet regelmäßig Obst und Gemüse für das Tierrefugium. Für ihr Gnadenhofprojekt wurden Kraft und Pepaj kürzlich mit dem Tierschutzpreis 2007 der Frankfurter Mechtold-Stiftung ausgezeichnet. Die Urkunde hängt im Treppenhaus, das zu den Hundezimmern führt. Das Preisgeld von 1000 Euro ist bereits an die 50 Tiere verfüttert worden.
Geld für Futter und Tierärzte
Etwa 5000 Euro monatlich werden für das Gnadenhofprojekt gebraucht. Das meiste Geld gibt Kraft für Futter und Tierärzte aus. Mit den Beiträgen der 250 Vereinsmitglieder, Spenden und Bußgeldern kann das Tierrefugium überleben. Tierfreunde, die mit den Hunden Gassi gehen oder Patenschaften übernehmen, Sponsoren und Handwerker werden dringend gebraucht. Gerade hat Kraft einen Hilferuf aus Italien empfangen. Dort ist ein Tierheim überfüllt, und die Hanauer sollen noch ein paar Hunde aufnehmen. Er wird auch dieses Mal nicht nein sagen.