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Tierheime Kein Hartz für Tiere

23.01.2007 ·  Immer mehr Arbeitslose bringen ihre Hunde und Katzen aus Geldnot ins Tierheim. „Die Zahl der Tiere hat wegen Hartz IV klar zugenommen“, bestätigt Ingrid Peglow vom Tierheim in Frankfurt.

Von Tobias Rösmann
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Hartz-IV-Empfänger bringen ihre Tiere immer öfter in ein Heim, weil sie nicht genug Geld für den Unterhalt haben. Dies berichten Leiter von Tierheimen in der Region. Vor allem hohe Rechnungen beim Tierarzt könnten nicht mehr beglichen werden: Das kranke Tier werde daraufhin abgegeben. Tierpfleger sprechen von „herzzerreißenden Szenen“, wenn sich Besitzer von ihrem Hund oder ihrer Katze trennen müssten.

Das Tierheim in Rüsselsheim betreut Leiterin Judith Wagner zufolge etwa 650 Tiere – 200 mehr als vor ein paar Jahren. Für viele Besitzer von Hunden und Katzen habe sich seit der Einführung von Hartz IV im Januar 2005 die Lage „krass verschlechtert“, sagt Wagner. Oft bekomme sie bei der Abgabe eines Tieres zu hören: „Ich habe Hartz IV und kann mir das nicht mehr leisten.“ Kleintiere wie Hamster, Hasen oder Meerschweinchen würden außerdem kaum noch in Pension gegeben, obwohl dies nur 70 Cent am Tag koste.

„Da fließen Tränen“

Ingrid Peglow vom Tierheim in Frankfurt bestätigt: „Die Zahl der Tiere hat wegen Hartz IV klar zugenommen.“ Das Heim führe zwar keine Statistik, frage aber stets nach dem Grund der Abgabe. „Finanzielle Probleme“, heiße es dann immer öfter. Viele Tierbesitzer würden sich aber auch schämen und andere Gründe, zum Beispiel Allergie oder Umzug, nennen. Peglow berichtet von schwierigen Trennungen: „Da fließen Tränen.“

Ähnliches schildert Roswitha Feisel aus Offenbach. Die Pflegerin im dortigen Tierheim sagt, die Zahl der Tiere, die aus Geldmangel abgegeben würden, sei „auf jeden Fall gestiegen“. Hin und wieder gebe es „dramatische Momente“, vor allem, wenn sich ältere Leute von ihrem „einzigen Halt trennen“ müssten und sich „die Seele aus dem Leib“ weinten. Die Ausgaben für ein Tier sind erheblich: Futter, Steuer und Impfungen für einen mittelgroßen Hund zum Beispiel kosten mindestens 1000 Euro im Jahr. Als „Grundsicherung für Arbeitssuchende“ (Hartz IV) zahlt der Staat 345 Euro im Monat.

Lilo Bessmann, 1. Vorsitzende des Tierschutzvereins Hofheim, kritisiert weniger die Sozialgesetze als vielmehr die Halter. Die Frage laute: „Können die sich das nicht mehr leisten, oder wollen sie es nicht.“ Vielen seien letztlich die Zigaretten wichtiger als der Hund. Immer wieder werde das von ihrem Verein betriebene Tierheim von einer nahen Tierklinik verständigt, um ein verletztes Tier abzuholen, das dort einfach zurückgelassen worden sei. „Bevor ein Katzenbesitzer 600 bis 800 Euro für eine Operation zahlt, holt er sich lieber für 80 Euro eine neue, geimpfte und kastrierte Katze aus einem anderen Tierheim“, klagt Bessmann. Sie ist sicher: „Wer sein Tier liebt, der gibt es auch nicht ab, wenn er weniger Geld hat.“

Klagen über hohe Tierarztkosten

In Hanau gibt es nach Ansicht von Patricio Delgado eine hohe Dunkelziffer von Tierhaltern, die ihre Lieblinge aus finanzieller Not ablieferten, aber andere Gründe anführten. Manche schämten sich vielleicht, meint der Pfleger im Tierheim Hanau. Als häufigste Gründe würden Zeitmangel und Allergien genannt. Die Klagen über hohe Tierarztkosten mehrten sich, sagt Delgado. Neulich habe er selbst für eine Röntgenaufnahme seines Hundes 150 Euro gezahlt. Er kenne aber auch viele arme Menschen, die sich mehr um ihr Tier kümmerten als um sich selbst.

Das Geld der Tierbesitzer sei manchmal schon „sehr knapp“, sagt der Präsident der Landestierärztekammer Hessen, Alexander Herzog. Seine Kollegen könnten zwar zwischen drei Gebührengruppen wählen, den einfachen Satz müssten sie aber mindestens berechnen, weil dies ein Gesetz vorschreibe. „Ich höre, dass manche Ärzte Schwierigkeiten haben, wenigstens das zu erhalten.“ Zuweilen werde Ratenzahlung vereinbart. Bei Rechnungen für Tierheime nutzen die Ärzte laut Herzog so oft wie möglich einen legalen Trick: Sie kassieren zunächst den untersten Satz und überweisen das Geld anschließend gegen eine Spendenquittung zurück.

Dramatisch ist die Lage in Wiesbaden. Die Zahl der im Jahr abgegebenen Kleintiere hat sich nach Angaben von Nicole Mindrup, Vorsitzende des Tierschutzvereins, innerhalb von zwei Jahren von 700 auf knapp 1000 erhöht. Sehr oft werde Hartz IV als Grund für eine Trennung genannt, aber auch die Halter trügen Schuld: „Viele fragen sich vor dem Kauf nicht, ob sie überhaupt in der Lage sind, ein Tier zu versorgen.“ Einzig das Tierheim im bayerischen Aschaffenburg verzeichnet nicht mehr Tiere seit Einführung der Sozialgesetze Anfang 2005. Das liege daran, dass Aschaffenburg keine Großstadt sei, vermutet eine Mitarbeiterin. „Bei uns werden auch weniger Tiere ausgesetzt.“

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Jahrgang 1977, Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

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