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Theater in Niedernhausen Gemischtes Programm in Autobahnnähe

26.07.2010 ·  Der „Sunset Boulevard“ ist Geschichte. Das Theater in Niedernhausen, in dem das Musical spielte, hat überlebt: als Konzertbühne.

Von Oliver Bock, Niedernhausen
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15 Jahre liegt die glanzvolle Uraufführung von Andrew Lloyd Webbers Musical im Taunus zurück. Die alternde Diva Norma Desmond ist längst abgetreten, der „Sunset Boulevard“ verwaist. Doch ein Geisterhaus ist das Rhein-Main-Theater Niedernhausen nicht. Mitte September gibt Otto ein schon ausverkauftes Gastspiel. Auf die Sänger Ritchie Blackmore und Umberto Tozzi folgen die Chippendales. Danach treten bis zum Jahresende noch der Magier Hans Klok, Patrik Lindner und das Russische Staatsballett auf. Das Rhein-Main-Theater hat den Untergang des ehrgeizig gestarteten Musicals überlebt und sich als Veranstaltungsort für die Region etabliert, auch wenn nicht mehr täglich Besucher nach Niedernhausen strömen.

Das Management des Theaters liegt schon seit zehn Jahren bei einem mittelständischen Konzertveranstalter. Die Depro Concert GmbH mit Sitz in Gemünden wirbt für das Rhein-Main-Theater als „multifunktionales Gebäude“ für Konzerte und auch für Tagungen, Präsentationen, Feiern und Proben. Sprecher Christian Schmidt sieht die Vorteile des Theaters mit seinem 1566 Plätzen, dazu zwei Balkonen und seitlichen Logen, vor allem in der Nähe zur Autobahnanschlussstelle Niedernhausen. Dazu verfügt der Komplex über 800 Parkplätze und eine direkte Verbindung zum benachbarten Tagungs- und Kongresshotel Ramada Micador, wo allerdings kaum Konzertbesucher nächtigen – sie kommen überwiegend aus dem Raum Mainz, Wiesbaden, Frankfurt und dem Taunus. Gut 20 Konzerte plant Depro für die Saison 2010/ 2011 und öffnet das Haus auch für andere Veranstalter.

Hier ein Projekt, da ein Gastspiel

Vor zwölf Jahren aber war die Ratlosigkeit groß. Anfang Mai 1998 fiel für das Stück „Sunset Boulevard“ zum 992. und letzten Mal der Vorhang. Ein Amateurstück („Flori“) folgte wenige Wochen später und verschwand so schnell, wie es gekommen war. Danach wurde ein Krimi aufgeführt, nicht auf der Bühne, sondern davor. Die hochfliegenden Pläne betrügerischer Veranstalter für das Theater erwiesen sich 1999 als amateurhaftes Schurkenstück. Das autobiografische Musical „Patrick – the Story“ wurde im Dezember 1999 nicht im Theater gespielt, sondern Monate später in deutschen Gerichtssälen verhandelt. Damit war das Thema Musical erst einmal ausgestanden, aber an wirren Ideen und glücklosen Projekten fehlte es auch danach nicht.

Die Pläne für ein „Shaolin Center“, in dem Shaolin-Mönche gestressten Rhein-Main-Bürgern den Weg zu körperlichem und seelischem Wohlbefinden aufzeigen, verschwanden schnell wieder in der Schublade. 2006 immerhin gab es ein fünfwöchiges Gastspiel des Musicals „Aida“. 45.000 Zuschauer sollen den Veranstaltern eine Auslastung von 70 Prozent beschert haben. 2008 wollte Dunja Rajter sich als Hauptdarstellerin eines Musicals „Casino Pique Dame“ feiern lassen, doch das Vorhaben scheiterte. Es scheint, als liege zumindest für das Genre Musical ein Fluch auf dem 1995 eröffneten Haus.

Dabei hatte alles pompös begonnen

Auf der Bühne stellen bisweilen Automobilfirmen ihre neuesten Modelle vor, nicht selten gastieren Schlagersänger, Komödianten und Volksmusikanten, die eine „alpenländische Weihnacht“ feiern. Übrig vom einstigen Glanz blieb zunächst der Fundus. Mehr als 2000 Objekte, vor allem Kleider und Anzüge, wurden im Herbst 2001 öffentlich und meistbietend versteigert. Es war das traurige Finale.

Dabei hatte alles pompös begonnen. Die Premiere von Webbers „Sunset Boulevard“ und seiner an schnellen Gewinnen interessierten britischen Produktionsgesellschaft „The Really Useful Group“ war im Dezember 1995 gefeiert worden. Der Kartenvorverkauf erfüllte zunächst die Erwartungen, die fast 1600 Plätze waren zunächst gut gefüllt. Geld spielte keine Rolle. Stars wurden mit hohen Gagen geködert, teure Büros in Wiesbaden angemietet, insgesamt mehr als 200 Mitarbeiter eingestellt. Im ersten Jahr sollen mehr als 400.000 Besucher das Schicksal der Stummfilm-Diva verfolgt haben.

1997 die letzte Vorstellung

Es war das erste Musical der Welt mit eigenem Bahnhof, denn Investor Peter Buck, dem das für 25 Millionen Euro errichtete Theater und das benachbarte „Micador“ gehören, investierte eine Million Euro in einen 200 Meter langen Bahnsteig. Die ersten Passagiere im November 1996 waren die Stars Helen Schneider und Uwe Kröger, doch danach war der dieselgetriebene „Touristik Express“ nur selten besetzt. Noch ein Flop.

Die Auslastung sank schon im Sommer 1996. Hohe Preisnachlässe waren Ausdruck einer frühen Krise. Die Produktionsfirma war aber nicht gewillt, dauerhaft Verluste hinzunehmen. Nachdem sich der Kartenverkauf nicht wieder auf das Anfangsniveau stabilisierte, sollte schon Ende Mai 1997 der letzte Vorhang für „Sunset Boulevard“ fallen.

Die meisten Stars verließen schnell das sinkende Schiff

233 Beschäftigte waren entsetzt und hielten den Briten „ein fehlerhaftes Management und falsch angelegte Werbestrategien“ vor. Die vorläufige Rettung kam durch Investor Buck, der die Tochterfirmen der „The Really Useful Group“ übernahm, die Arbeitsplätze zunächst sicherte und Hotel-Geschäftsführer Bernd Schwarz auch mit dem Musical-Management betraute. Der trat vor allem auf die Kostenbremse, doch die Rettung gelang ihm nicht mehr.

Im Frühjahr 1998 beschleunigte der schleppende Kartenverkauf das endgültige Aus. Die meisten Stars hatten das sinkende Schiff da schon verlassen. Das Ende musste schließlich sogar auf den 5. Mai 1998 vorgezogen werden. Nach 992 Aufführungen war die von Tränen, Rührung, Blumen und Wunderkerzen begleitete Vorstellung die letzte. Nach dem Vorhang begannen die Gläubiger unmittelbar, die Beleuchtungsanlage abzubauen.

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