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Tankerunglück Die Gestrandeten

29.01.2011 ·  Seit zwei Wochen ist der Rhein stromabwärts gesperrt. Die Schiffe müssen warten, bis ein verunglückter Tanker geborgen ist. Die Mannschaften spielen solange Fußball oder Poker.

Von Kristin Haug, Mainz
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Steaks, Kartoffeln und Spinat. Das ist die Tagesaufgabe von Roland Bosman. Der Kapitän der „Sankt Antonius“ vertreibt sich die Zeit am liebsten mit Kochen. Viel hat er in diesen Tagen nicht zu tun, seit mehr als zwei Wochen liegt das Schiff des Holländers in Mainz vor Anker. Flussabwärts geht nichts mehr, der Rhein ist gesperrt. Seitdem das Tankmotorschiff „Waldhof“ in Sankt Goarshausen gekentert ist, sitzen mehr als 350 Schiffe auf dem Rhein fest. Wann der Tanker vollständig geborgen werden kann, ist nach Angaben des Pressezentrums „Havarie Loreley“ bislang noch unklar.

Bosman steht auf der Brücke seines Schiffes und unterhält sich über Funk mit seinen Kollegen. Der Kapitän beschäftigt zwölf Mitarbeiter. Im einwöchigen Wechsel arbeiten stets sechs von ihnen an Bord, sechs haben frei. Der Holländer hat noch drei weitere Schiffe und jeden Tag, an dem sie festsitzen, verliert er bis zu 10 000 Euro. „Natürlich stört es mich, dass wir nicht durchkommen“, sagt der Schiffseigner. Doch was helfe es, sich aufzuregen. Er könne ja doch nichts machen und müsse die Situation akzeptieren.

Zusammenhalt unter den Gestrandeten

Der Vierundvierzigjährige nutzt die Zeit für Inventuren: Er bestelle das nach, was auf dem Schiff fehle. Ihn ärgert es, dass seine Kunden kein Verständnis für die Situation aufbringen. „Manche wollen gar nicht mehr bezahlen, weil die Fracht nicht rechtzeitig angekommen ist“, berichtet Bosman. Durch die Krise sei die Branche ohnehin geschwächt. Die Havarie könnte kleinere Unternehmen nun in die Insolvenz führen.

Die Gestrandeten halten zusammen. Er verstehe sich gut mit seinen Kollegen, in diesen Tagen unternähmen sie viel miteinander. „Letzte Woche waren wir Fußball spielen und gestern haben wir gepokert.“ Natürlich nur um Kleingeld – schließlich habe er durch die lange Wartezeit genug Verluste, scherzt der Kapitän.

„Wir lesen Zeitungen, surfen im Internet und spielen auf der Play-Station“

Auch Charl Vreeswyk hat seinen Humor noch nicht verloren. „Früher waren die Schiffe aus Holz und die Männer aus Stahl“, sagt der Kapitän des Frachters „So long“. „Heute sind die Schiffe aus Stahl und die Männer aus Holz.“ Der Siebenunddreißigjährige gießt seinen tschechischen Steuermännern auf der Brücke Kaffee nach. Kaffee, das ist gerade ihre Hauptbeschäftigung. Neun Jahre arbeiten sie schon zusammen, aber so etwas haben sie noch nicht erlebt. Das Schiff steht still, nichts geht mehr. Jeden Tag macht die Schweizer Firma, für die sie arbeiten, 3000 Euro Verlust. Dabei sollten rund 120 Container mit Fernsehern, Whisky, Wein, Chemikalien, Papier und Holz schon längst in Antwerpen sein. Die „So long“ hat eine feste Linie von Belgien nach Frankfurt, rund um die Uhr laufen die Motoren. Dabei legt das Schiff bis zu 250 Kilometer am Tag zurück.

Zurzeit sind es höchstens 600 Meter – einmal zum Terminal und wieder zurück. Fracht löschen. Sieben Container hat ihnen ein Kran bislang auf Lastwagen geladen. Jetzt gelangen sie auf der Straße zum Kunden. Viel mehr, als hin und wieder das Schiff zum Terminal zu fahren, hat Vreeswyk nicht zu tun. „Wir lesen Zeitungen, surfen im Internet und spielen auf der Play-Station.“ Ab und zu kommen Crew-Mitglieder anderer Schiffer zum Kaffee vorbei. Die Kapitäne, Steuermänner und Matrosen kennen sich. Einige von ihnen leben mit ihren Frauen auf den Schiffen, andere sind ein bis zwei Wochen an Bord, um dann eine ebenso lange Zeit zuhause mit ihren Familien zu verbringen.

Eine Schachtel Schokolade für die Besatzung

Vreeswyk arbeitet seit fast 20 Jahren auf Schiffen. Schon sein Vater und zwei Onkel verdienten ihr Geld als Kapitäne. Sieben Jahre ist Vreeswyk auf die Schifferschule in Rotterdam gegangen, hat seinen Matrosenschein gemacht und sich weiter qualifiziert. „Ich wüsste gar nicht, was ich an Land machen sollte“, sagt der Kapitän. Er liebe seine Arbeit, sie gebe ihm Ruhe. Von seiner Mannschaft verlange er vor allem Vertrauen und Sozialkompetenz. „Wenn ich mit den Männern zwei Wochen an Bord bin und niemand redet, dann kann die Zeit sehr lang werden.“

Um den Männern ihre Zeit etwas angenehmer zu machen, ist Matthieu van Roermund aus dem holländischen Zwijndrecht nach Mainz gereist. Der Manager eines großen Frachtunternehmens schaut nach den Schiffern, die für ihn Ware transportieren. Für jede Besatzung hat er eine Schachtel Schokolade dabei. Er wolle jetzt für die Crew-Mitglieder da sein, schließlich sei er von ihnen und sie von ihm abhängig. Das Kentern der „Waldhof“ habe europäische Auswirkungen. Es werde noch zwei Wochen dauern, bis die Frachten, die sich an den Terminals stapelten, ausgeliefert werden könnten. „Höhere Gewalt“ nennt er den Unfall des Tankschiffes. Es müsse alles getan werden, um so etwas in Zukunft zu vermeiden. Den Schiffern rät er, Ruhe zu bewahren und sich auf die Weiterfahrt vorzubereiten.

Bosman von der „Sankt Antonius“ hat die notwendige Ruhe. Das bringe die Arbeit mit sich. Seinen Beruf schätze er, weil er eigentlich so abwechslungsreich sei. „Ich möchte nicht jeden Tag im Büro die gleiche Aussicht haben.“

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