08.05.2011 · Nicht nur Hochzeiten: Standesbeamte haben es auch mit Scheinehen und vorgetäuschten Vaterschaften zu tun. Am Montag treffen sie sich zu einer Tagung in Aschaffenburg.
Von Agnes Schönberger, AschaffenburgStandesbeamten sei nichts Menschliches fremd, sagt Walter Großmann, der seit 24 Jahren in Aschaffenburg als Standesbeamter arbeitet. In dieser Zeit hat er nicht nur viele fröhliche Brautpaare erlebt: Es ist ihm auch schon passiert, dass ein Mann die Frage, ob er die Frau an seiner Seite heiraten wolle, mit Nein beantwortet hat. Oder Paare erschienen nicht zum festgesetzten Termin. Anfang nächster Woche schlüpft der Vierundsechzigjährige in eine ungewohnte Rolle: Er ist Gastgeber für 400 bayerische Standesbeamte, die zur Fachtagung nach Aschaffenburg kommen.
Die Themenliste macht deutlich, dass das Alltagsgeschäft der Standesbeamten mehr ausmacht als Hochzeiten. Vor allem der hohe Anteil der Bürger mit Migrationshintergrund erfordert nicht nur beste Kenntnisse des deutschen Personenstands- oder Familienrechts, sondern auch der entsprechenden ausländischen Vorschriften. Die unterschiedlichen Regelungen für Ehen und Lebenspartnerschaften im Ausland und in Deutschland werden ebenso behandelt wie das geplante zentrale Testamentsregister in Berlin.
Knifflige Materie
Dass die Standesbeamten drei Tage lang in Aschaffenburg tagen, ist eine Art Abschiedsgeschenk für Großmann, der sich seit 1988 in dem Verband engagiert und im November in den Ruhestand geht. Im Vorfeld der Veranstaltung hatte der Pressesprecher der Organisation, Alfred Hornauer, auf die Komplexität der Arbeit der Beamten hingewiesen, die es auch mit Scheinehen, vorgetäuschten Vaterschaften und falschen Identitäten zu tun hätten.
Dass die Materie knifflig ist, zeigt am besten das Standardwerk „Internationales Ehe- und Kindschaftsrecht“. Es hat 16 000 Seiten. Der Standesbeamte benutzt es ständig, weil sich die Ehefähigkeit eines Menschen nach dem Recht in dessen Heimatland richtet. Dennoch ist nicht alles erlaubt. Zwar sind Mädchen in Nigeria schon mit zwölf Jahren ehemündig, in Deutschland ist die Kinderehe jedoch verboten. Eine Wissenschaft für sich ist das Namensrecht. Am besten gefällt Großmann das spanische: Die Kinder erhielten dort den ersten Nachnamen des Vaters und der Mutter. „Da sehe ich auf einen Blick, wer die Eltern sind“, sagt er.
Auch für Namensänderungen sind Standesbeamte zuständig
In Aschaffenburg leben Menschen aus 130 Nationen. Manche wollen ihren exotisch klingenden oder schwer verständlichen Namen ändern lassen. Auch dafür sind die Standesbeamten zuständig. Viel Zeit nimmt bei Ausländern die Prüfung der Ehefähigkeit in Anspruch. Das Brautpaar muss nachweisen, dass keiner der Partner verheiratet ist und kein Ehehindernis besteht. Nicht jedes Dokument wird akzeptiert. Denn es gibt zahlreiche Staaten, in denen sich leicht gefälschte Urkunden besorgen lassen. Das Auswärtige Amt hat eine Liste mit den Namen dieser Staaten veröffentlicht. Darunter befinden sich Sri Lanka, Haiti, Indien, Uganda oder Pakistan. Dokumente aus diesen Ländern müsse der Standesbeamte von einem Rechtsbeauftragten der Deutschen Botschaft im Ausland prüfen lassen, sagt Großmann.
In Aschaffenburg leben immer mehr Menschen ohne Trauschein zusammen. Vor zehn Jahren schlossen 400 Paare den Bund fürs Leben. 2010 waren es noch 369, aber 108 Paare stammten aus dem Umland. Sie nutzten das romantische Ambiente der Parks oder des Schlosses, um sich das Ja-Wort zu geben.
Die Scheidungsrate in Aschaffenburg liegt Großmann zufolge bei 30 Prozent. Kinder sind für viele Bürger kein Grund mehr, sich trauen zu lassen. Ein Drittel der Eltern von Neugeborenen sind nicht verheiratet. Oberbürgermeister Klaus Herzog (SPD) bezeichnete das Standesamt als Seismograph gesellschaftlichen Wandels, weil dort deutlich werde, wie sich die Bevölkerung und deren Einstellungen veränderten. Der kurioseste Name, den Großmann beurkundete, lautete Amos Raban She Kilua. Der Standesbeamte hatte zwar Bedenken. Doch die Eltern setzten ihren Willen durch. Zumindest für kurze Zeit: Denn nachdem ihr Sohn im Kindergarten ständig gehänselt wurde, änderten sie seinen Namen.
Agnes Schönberger Jahrgang 1956, freie Autorin für die Rhein-Main-Zeitung in Aschaffenburg.
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