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Suchthilfe Shuttle aus dem Drogensumpf

11.02.2007 ·  Soll es weiter Heroin unter ärztlicher Aufsicht geben? Die Drogenhilfe in Frankfurt, wo mehr als 4000 registrierte Drogensüchtige leben, und andernorts ist wieder zum Politikum geworden. Niemand aber kennt das Elend der Süchtigen besser als Streetworker.

Von Philip Eppelsheim
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Von den roten Leuchtreklamen der Sex-Shops, Strip-Bars und Bordelle beleuchtet. Von niemandem beachtet, höchstens mit einem abfälligen Blick von den Sex suchenden Männern bedacht. Ihre Gesichter sind schmal, die Klamotten verschlissen und schlabberig, die Gedanken drehen sich um den nächsten „Schuss“ oder das Geld dafür.

Die Junkies gehören zum Bahnhofsviertel und mit ihnen die Druckräume und jener kleine Bus mit den Drogenhelfern, die allabendlich haltmachen. Sie bedeuten für die Abhängigen Menschlichkeit, Toleranz und Überlebenshilfe. Und die Streetworker hören die Geschichten der Sucht und des Elends und manchmal auch der Hoffnung.

Wenn der „Konsumraum“ an der Niddastraße schließt, sind dort am Tag wieder einmal zwischen 140 und 300 Schüsse gesetzt worden. Wie von jenem Mann aus Osteuropa mit dem nackten Oberkörper, der noch schnell seinen Stoff erhitzt, um ihn sich in die Vene jagen zu können. Auch er muss auf die Straße, vielleicht wartet auch er auf den Shuttlebus der Integrativen Drogenhilfe. Das Angebot: Abhängige, die nicht wissen, wohin, in das „Eastside“ an der Schielestraße zu bringen. Jeder Volljährige „mit Drogenhintergrund“ darf dorthin, er bekommt etwas zu essen und kann in einem der mehr als 70 Betten schlafen.

Polytoxikomanie - nehmen, was knallt

In dieser Nacht sind Roberto und Elmar mit dem Bus auf Tour. Zwei- bis dreimal in der Woche machen sie diesen Job, durchstreifen das Viertel und die Ebenen des Bahnhofs. Die beiden Streetworker kennen fast jeden aus der Szene, machen ihre Arbeit, um ein bisschen Würde zu geben. „Die brauchen doch auch Hilfe“, sagt Roberto. Der 43 Jahre alte Mann mit den langen lockigen schwarzen Haaren und den breiten Silberringen an den Fingern war selbst einmal einer von ihnen. Acht Jahre hat er sich „so richtig die Drogen reingeballert“. Alles, was er nur kriegen konnte. Polytoxikomanie.

Konsumräume gab es damals noch nicht, das Wasser für den Schuss holte sich Roberto aus Pfützen oder Toilettenschüsseln. 13 Jahre ist er jetzt schon „clean“, neun davon als Streetworker unterwegs. Manchmal trifft er Bekannte von früher, doch es werden immer weniger. Er und der dreiunddreißigjährige Diplomsozialarbeiter Elmar wissen, wo sich ihre Klientel aufhält. Jedenfalls ungefähr. „Man steckt nicht drin, wie der Teufel will“, sagt Roberto. Und wie die Polizei und Sicherheitsleute es wollen. Eine Kontrolle - und die üblichen Plätze sind leer, die Süchtigen irgendwo anders, wo sie keiner stört.

Ein Mann hat sich, nur wenige Meter vom Trubel um den schnellen Sex entfernt, auf den Bürgersteig schlafen gelegt, den Rucksack zum Schutz gegen die Kälte und gegen Diebe unter dem Rücken. Das Gesicht ist von dem eisigen Wind gerötet, Schneeflocken hängen im Bart. Er ist kein typischer Kunde für das „Eastside“, eher für das Obdachlosen-Containerdorf im Ostpark. Der Mann wird liegen bleiben, die ganze Nacht.

Rückfällig geworden nach vier Jahren

„Wir können niemanden zwingen, auch wenn es lebensgefährlich ist“, werden Elmar und Roberto später sagen, wenn sie zum zweiten Mal nach ihm geschaut haben. Inzwischen haben sie Ducky und Andi untergebracht. Ducky wohnt schon länger im „Eastside“. Am Abend war er mit dem Shuttlebus ins Bahnhofsviertel gefahren, nun, drei Stunden später will er wieder zurück. Vielleicht hat er sich Rauschgift gespritzt. Vielleicht Heroin. Ein Gramm für 20 Euro. Doch wahrscheinlich waren es „Steine“: zehn Sekunden, und das Crack zeigt seine Wirkung. Jetzt, kurz vor der Rückfahrt, kramt Ducky noch einmal in der Tasche. Sein Dealer steht am Bus, wartet. Dann gehen sie einige Meter, und die Drogen wechseln den Besitzer.

Seit zwei Monaten ist Ducky nun wieder hinter Stoff her. Rückfällig geworden nach vier Jahren. Denn irgendwie ging alles schief. Die Ehe der Eltern zerbrach, Streit mit der Freundin, und jetzt ist Ducky in der Schielestraße angekommen. „Die letzte Station vor der Straße“, sagt Roberto. 23 Kilo hat Ducky in den beiden Monaten abgenommen. Es ist kaum noch vorstellbar, dass der schmächtige Mann mit der zittrigen, müden Stimme mal vor der Tür eines Clubs gearbeitet hat. Er traut sich nicht, bei seinen Eltern anzurufen, schämt sich. Vielleicht in ein oder zwei Monaten, wenn er eine Therapie gemacht hat.

Eine Geschichte, wie sie die Streetworker in Frankfurt immer wieder hören. „Mit uns können sie über ganz normale Dinge sprechen. Wenn sie untereinander sind, dann dreht sich doch alles nur um Drogen“, sagt Elmar. Es bringe nichts, sie zu drängen, eine Therapie zu machen. Dazu müssten sie sich selbst durchringen. „Wir sind uns bewusst, dass viele nicht den Absprung schaffen.“ Man müsse sich eben an kleinen Fortschritten erfreuen.

Gut 4000 polizeilich registrierte Drogensüchtige

Andi ist erst an diesem Morgen nach Frankfurt gekommen. Um in den „Puff“ zu gehen und um einen Job zu suchen. Sagt er. Nun sitzt er im Bus. Russe sei er und wolle als Lastwagenfahrer arbeiten. Er habe auch schon eine Anstellung in Aussicht, „zu 99,9 Prozent“. Andi, der Russe aus Fulda, ist einer von denen, die Roberto und Elmar noch nicht kennen. Einer von denen, die aus ganz Europa nach Frankfurt kommen und dann im Bahnhofsviertel rumhängen. Einer von denen, die noch nicht zu den über 4000 polizeilich registrierten Drogensüchtigen in Frankfurt gehören. Doch er ist ganz unten. Es kann offenbar weitaus mehr passieren, als man denkt, irgendwann verloren an einer Straßenecke im Frankfurter Bahnhofsviertel zu stehen, sein Arbeitslosengeld II in Drogen zu investieren und dann in der Schielestraße aufzutauchen. „Wir haben hier Studierte und Menschen mit einem ,von' im Namen.“

Der letzte Fahrgast in dieser Nacht ist Jenna (Name geändert). Vor fünf Stunden saß sie noch im Konsumraum, drückte sich die Nadel in den Arm. Beobachtet von den Mitarbeitern, falls etwas passiert, falls der Atem aussetzt. Auf der Straße gäbe es dann keine Hilfe, wäre es wahrscheinlich bei einem Kollaps zu spät. Jetzt sitzt Pam im Bus, das Gesicht halb verborgen unter ihrer Schirmmütze, redet mit Elmar über ihre Vorstrafe wegen Körperverletzung. Sie wird nicht im „Eastside“ übernachten, will wieder in die Stadt, in ihre Wohnung. Als Elmar den Anruf bekam, dass noch eine Frau in der Schielestraße darauf warte, in die Stadt zu fahren, sagte man ihm, sie wolle noch arbeiten. Anschaffen gehen, heißt das, das Geld für Drogen zusammenzubekommen.

Roberto und Elmar können es nicht verhindern, ebenso wenig wie sie etwas daran ändern können, dass jener obdachlose Mann auf der Straße liegt und Ducky, Andi und Jenna im roten Flackerlicht auf den Bus warten, weil sie unten sind. Doch sie können ihnen zuhören, mit ihnen reden, ihnen helfen zu überleben. Damit sie nicht nur eine Zahl in der Statistik über Drogentote in Frankfurt sind, wie jene 31 im vergangenen Jahr.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 11.02.2007, Nr. 6 / Seite R1
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Jahrgang 1981, Redakteur in der Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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