12.01.2010 · Absolventen mit Bachelorabschluss haben durchaus Karrierechancen - darin sind sich Unternehmen und Gewerkschaften einig. Kritik am Bologna-Prozess üben sie trotzdem. Den Studenten bleibt zu wenig Raum, um selbständiges Arbeiten zu lernen, wie etwa die IG Metall meint.
Von Sascha ZoskeStudentische Aktivisten, die an vorderster Front gegen Bologna kämpfen, dürfen sich mit ihrem Bachelorzeugnis gern bei der Industrie- und Handelskammer Darmstadt bewerben. Nicht, weil die Wirtschaftsvertreter die Studienreform ebenfalls für missraten halten. Aber wer es schafft, einen Demonstrationszug auf die Beine zu stellen, der beweist Organisationstalent - und solche Leute könne die IHK gebrauchen, sagt Roland Lentz, Leiter des Geschäftsbereichs Innovation und Umwelt.
Wenn man ihm glauben darf, dann wünschen sich Unternehmen Mitarbeiter, die all jene Tugenden mitbringen, für die im starren Korsett der neuen Studiengänge wenig Raum zu sein scheint: Kritikbereitschaft, die Fähigkeit zum selbständigen Handeln, den Willen, über die Grenzen des eigenen Fachs hinauszublicken. Nach Lentz' Worten zu urteilen, vermissen die Firmen bei den Frischgraduierten, die sie einstellen, diese Eigenschaften aber nicht allzu sehr. Er verweist auf eine Studie des Deutschen Industrie- und Handelskammertages von 2007, der zufolge zwei Drittel der Betriebe, die Inhaber von Bachelor- und Masterabschlüssen beschäftigten, mit deren Leistungen zufrieden waren.
20 von 140 Neueingestellten mit Bachelorabschluss
Auch in seinem eigenen Umfeld hat der IHK-Mann den Eindruck gewonnen, dass die Wirtschaft mit den neuen Abschlüssen gut leben kann. „Einmal hat auf einer Konferenz ein Unternehmer gefordert, man solle die Reform zurückdrehen. Aber mit dieser Meinung stand er allein da. Ich habe auch noch von keinem Betrieb gehört, dass er grundsätzlich keine Bachelors einstellt.“
„Bachelor welcome“ ist eine Erklärung mehrerer deutscher Konzerne aus dem Jahr 2008 überschrieben. Dieser Grundsatz gelte weiterhin, beteuern die Sprecher großer Unternehmen aus der Rhein-Main-Region. Von den 140 Hochschulabsolventen, welche die Commerzbank im vergangenen Jahr eingestellt hat, haben nach Angaben des Geldinstituts 20 Prozent einen Bachelorgrad. Bei der R+V-Versicherung tragen etwa 120 Beschäftigte diesen noch recht neuen Titel, 100 davon, die im Außendienst tätig sind, wurden in Kooperation mit der Versicherung an Berufsakademien ausgebildet. Die Lufthansa kann laut ihrem Sprecher Patrick Meschenmoser keine Zahlen nennen, grundsätzlich sei der Bachelor aber „genauso willkommen wie andere Abschlüsse“.
Dennoch gibt es bei der Airline Tätigkeitsfelder, die Bewerbern mit dieser Qualifikation verschlossen bleiben. „Bei Ingenieurberufen wollen wir ab und zu den Master haben“, berichtet Meschenmoser. Schlechte Karten hat auch, wer sich beim Pharmakonzern Sanofi-Aventis mit einem Bachelortitel um eine Stelle in der Sparte Forschung und Entwicklung bewirbt. „Wir empfehlen bei Karriereambitionen dringend den Master und eine Promotion“, sagt die Leiterin des Hochschulmarketings, Birgit Huber.
„Abschluss nach Einstellung nicht mehr relevant“
Im Versicherungsgeschäft scheint dagegen ein niedriger akademischer Grad kein Aufstiegshindernis zu sein. Bei R+V jedenfalls heißt es, Bachelorabsolventen hätten die gleichen Perspektiven wie Berufsanfänger mit anderen Abschlüssen. Ähnliches ist von der Commerzbank zu hören: Alle Absolventen, egal ob Bachelor oder Master, durchliefen ein Traineeprogramm, das zwölf bis 18 Monate dauere, erläutert Dorothee Pfeuffer von der Abteilung „Human Resources“. „Mit dem Tag, an dem wir jemanden einstellen, zählen für uns Engagement und Leistung. Der Abschluss ist dann nicht mehr relevant.“
Auch für das Gehalt ist der Titel offenbar nur begrenzt wichtig - das sehen nicht nur Unternehmen, sondern auch Gewerkschaften so. An der Bezahlung der Berufsanfänger habe sich durch den Bologna-Prozess kaum etwas geändert, meint Klaus Heimann, Bereichsleiter für Bildung bei der IG Metall. Ein Ingenieur mit Bachelorgrad verdiene rund 46.000 Euro brutto im Jahr, ein Master 48.000 und ein Diplomingenieur 47.000. „Wie sich das Gehalt später entwickelt, hängt weniger vom Abschluss ab als davon, in welchen Projekten die Leute arbeiten.“
„Mobilität der Hochschüler wird verringert statt gesteigert“
Hannelore Reiner, Mitglied der Projektgruppe Qualitätssicherung und Akkreditierung bei Verdi, kann für den Dienstleistungssektor zwar keine Zahlen nennen. Es gebe aber bisher keine Hinweise darauf, dass bei Einsteigern mit Bachelor das Gehalt „gedrückt“ werde. Heimann und Reiner sind sich einig, dass die Bologna-Reform grundsätzlich sinnvoll sei. Sie beklagen aber, dass sich manche Hoffnung nicht erfüllt habe. So werde die Mobilität der Hochschüler bisher nicht gefördert, sondern verringert, kritisiert der IG-Metall-Funktionär. Auch lasse die straffe Struktur den Studenten wenig Raum, um selbständiges Arbeiten zu lernen. „Dafür braucht man Gelegenheiten zu Experiment und Irrtum.“
Dorothee Pfeuffer von der Commerzbank bedauert die starke Verschulung noch aus einem anderen Grund. Wegen der engen Lehrpläne werde es immer schwieriger, studentische Praktikanten zu finden: „Früher dauerten Praktika teilweise bis zu fünf Monate, heute sind es nur noch acht Wochen - länger können die Leute kaum von der Uni wegbleiben.“
IHK-Mann Lentz, gleichfalls kein Bologna-Feind, fasst das bisherige Resultat der Reform so zusammen: „Es war eine komplette Renovierung des Hochschulsystems geplant. Aber wir haben erst einmal nur Rauhfasertapete angeklebt und mit billiger Farbe von Aldi drübergestrichen.“