26.01.2010 · In einigen Fächern sinken die Abbrecherquoten seit Einführung des Bachelors, in anderen steigen sie. Die straffen Lehrpläne geben Halt, aber der Druck steigt. Und weiterhin beginnen viele das Studium mit falschen Erwartungen.
Von Sascha ZoskeMathematik am Gymnasium, Mathematik an der Uni - das eine hat mit dem anderen etwa so viel zu tun wie eine Schlosserlehre mit einem Ingenieurstudium. „Alles wird hier viel abstrakter behandelt“, hat Kevin Bullenkamp nach den ersten Vorlesungen festgestellt. Beim Aufstieg in die höheren Sphären der Zahlenkunst wäre dem Mainzer Studenten beinahe der Atem ausgegangen. Hätten ihm nicht die Kommilitonen von der Fachschaft Mut gemacht, würde Bullenkamp heute vielleicht zu jenen 50 Prozent gehören, die ihr Mathestudium an der Gutenberg-Universität vorzeitig beendet haben. Doch inzwischen ist der 22 Jahre alte Lehramtsstudent im fünften Semester, und er engagiert sich selbst in der Fachschaft, um andere auf dem Weg zum Abschluss zu unterstützen.
Nicht nur in Mainz ist Mathematik eines jener Fächer, denen überdurchschnittlich viele Studenten schon vor dem Examen den Rücken kehren. 2006 hatten nach Angaben der Hochschul-Informations-System GmbH (HIS) rund 21 Prozent der Studenten aus den Anfängerjahrgängen 1999 bis 2001 ihr Erststudium aufgegeben. Abbrecherquoten von 50 Prozent oder mehr sind aber in etlichen natur- und geisteswissenschaftlichen Disziplinen keine Seltenheit.
Die Gründe dafür sind vielfältig und einer systematischen Untersuchung schwer zugänglich. Oft stimmt die Vorstellung des Anfängers nicht mit der fachlichen Realität überein, und er scheitert an den unerwarteten Anforderungen. Ein klassisches Beispiel ist die Meteorologie: „Da denken alle an Kachelmann“, weiß Achim Klenke, Direktor des Instituts für Mathematik an der Universität Mainz. Wenn die Neulinge dann merken, dass die Wettervorhersage vor allem ein Rechenexempel ist, ergreift die Mehrzahl von ihnen die Flucht.
Wenige Abbrecher antworten auf Nachfragen der Uni
Andere Fächer wie etwa die Philosophie würden gerne für ein „Parkstudium“ genutzt, erklärt Bernhard Einig, Leiter der Abteilung Studium und Lehre an der Gutenberg-Universität. Wird ein Platz im eigentlich begehrten Studiengang frei, macht sich der Interims-Philosoph von dannen - ein Studienabbrecher im strengen Sinn ist er damit aber nicht. Genauso wenig wie ein Großteil derjenigen, die mangels Rückmeldung von Amts wegen exmatrikuliert werden, wie Einig deutlich macht: Oft haben sie ihr Abschlusszeugnis in der Tasche und verlassen die Hochschule, ohne sich abzumelden. Exmatrikuliert sich ein Student selbst, fragt ihn die Uni Mainz nach den Gründen. „Doch die meisten machen auf dem Formular keine Angaben“, bedauert Uwe Schmidt, Leiter des hochschuleigenen Zentrums für Qualitätssicherung und -entwicklung.
Trotz dieser methodischen Probleme hat sich die HIS GmbH an die Untersuchung des Abbruchphänomens gewagt - und dabei auch gleich die Frage zu beantworten versucht, wie sich die Bologna-Reform auf das Durchhaltevermögen der Studenten auswirkt. Ein Fazit: Öfter als in einer Befragung acht Jahre zuvor wurden Leistungsprobleme als Grund für das Aufgeben genannt. In den Sprach- und Kulturwissenschaften sei die Schwundquote nach Einführung von Bachelor und Master zurückgegangen, während in den Ingenieur- und Naturwissenschaften mitunter das Gegenteil beobachtet werde. Auch haben die HIS-Forscher ermittelt, dass in Bachelorstudiengängen die Entscheidung zum Aufhören früher fällt: nämlich nach durchschnittlich 2,3 Semestern gegenüber 7,3 Semestern im alten System.
Verschärfung des Programms
Mit solchen Angaben können die Universitäten im Rhein-Main-Gebiet nicht dienen - was nicht an mangelndem Willen liegt, sondern daran, dass es dort Bachelorstudiengänge erst seit relativ kurzer Zeit gibt. Selbst die Technische Universität (TU) Darmstadt, die zu den eifrigeren Bologna-Anwendern gehört, nennt nur eine konkrete Zahl: Im Fach Maschinenbau sei die Abbrecherquote von 30 Prozent zu Diplomzeiten auf 20 Prozent gesunken. Das hat nach Ansicht von TU-Sprecher Christian Siemens aber weniger mit der Umstellung auf den Bachelor zu tun als mit der guten Betreuung der Studienanfänger durch Mentoren, einer praxisnahen Ausbildung schon im ersten Semester und dem Auswahlverfahren: Bewerber mit schlechterer Abiturnote werden zu einem persönlichen Gespräch gebeten.
Die Universität Frankfurt, deutlich weniger bolognabegeistert als die TU, liefert erste Trends für Geowissenschaften, Chemie, Physik und Kulturanthropologie. Was Letztere betrifft, so scheint sich dort die Annahme der HIS-Studie zu bestätigen: Die Fluchtreflexe der Studenten haben nachgelassen. Auch Chemie und Physik verzeichnen weniger Abbrecher, während in den Geowissenschaften und der Informatik die Quote gestiegen ist - auch das deckt sich mit den Erkenntnissen der Forscher aus Hannover.
Naturwissenschaftliche Studiengänge waren schon immer strikter geordnet als die „weichen“ Fächer. Doch auch in einer Disziplin wie der Mathematik gab es früher mehr Freiheit, wie sich der Mainzer Institutsdirektor Klenke erinnert: „In meinem Studium vor 20 Jahren hatte ich zwei Prüfungen und zwei Klausuren. Heute werden manchmal drei, vier Klausuren in einem Semester geschrieben.“ Die Verschärfung des Programms ist nicht immer eine Folge der Studienreform, doch mancherorts wurde die Gelegenheit genutzt, um noch die eine oder andere Leistungskontrolle draufzusetzen. Mit dem Ergebnis, dass mancher, der sich im alten System noch bis zum Vordiplom und weiter durchschleppte, nun schon nach dem ersten Semester das Weite sucht.
„Da fehlt es ja schon am Dreisatz“
In den Geisteswissenschaften, wo am lautesten vor den Folgen des Bologna-Prozesses gewarnt wird, hilft die neue Ordnungsliebe manchem Anfänger, nicht den Überblick zu verlieren. Mechthild Dreyer, Philosophieprofessorin und Dekanin an der Universität Mainz, mag sich denn auch den Klagen mancher Kollegen nicht anschließen. „In Fächern, die ein so weites Feld abdecken wie die Philosophie, bietet Strukturierung auch Orientierung.“ Dafür ist allerdings ein Preis zu zahlen. Den kennt Stefanie Schumann, Fachschaftsvertreterin und Bachelorstudentin im dritten Semester: „Wir werden reduziert auf das Dasein von Schülern.“
Ob verschult oder nicht - in jedem Fach wird ein Student nur dann glücklich, wenn es seinen Neigungen und Fähigkeiten entspricht. Die beste Abbruchverhütung beginnt deshalb schon vor dem ersten Vorlesungstag, wie der Mainzer Qualitätsmanager Schmidt und Abteilungsleiter Einig hervorheben. Beide halten die mancherorts schon angebotenen Selbsttests im Internet für sinnvoll: Abiturienten können damit ohne Druck herausfinden, ob ihnen Mathematik, Biologie oder Juristerei wirklich liegt. Einig kann sich auch mehr Eignungsprüfungen vorstellen, was allerdings bei Fächern, die nicht zulassungsbeschränkt seien, juristisch bedenklich sein könne. Das gilt auch für die Mathematik, wo einstweilen noch die Schulnote wichtigster Gradmesser für die Tauglichkeit ist. Dreizehn Punkte sollten es schon sein - im Leistungskurs, versteht sich. Grundkursler sind im Mathestudium „nicht tolerierbar“, findet Institutsleiter Klenke. „Da fehlt es ja schon am Dreisatz.“