03.08.2004 · Viagra regt nicht nur die Potenz an, sondern hilft auch der kranken Lunge. Das haben Forscher der Universität Gießen herausgefunden. Bisher wird das Medikament aber nur Schwerstkranken mit Lungenhochdruck gegeben.
Von Julia Ranniko (dpa)Viagra regt nicht nur die Potenz an, sondern hilft auch der kranken Lunge: Bei einer Höhenstudie auf dem Mount Everest haben Gießener Mediziner nachgewiesen, daß Sildenafil - der Wirkstoff der Erektionspille - den lebensbedrohlichen Lungenhochdruck senkt. An dieser Verengung der Lungengefäße leiden in Deutschland bis zu zehn Prozent der Bevölkerung. „Sildenafil ist das Medikament, das bei den geringsten Nebenwirkungen die besten Ergebnisse erzielt“, sagt Oberarzt Ardeschir Ghofrani. Gegen Lungenhochdruck kann das Mittel jedoch erst nach erfolgreichem Abschluß einer weltweiten Studie zugelassen werden.
Die neue Therapie könne Leistungsfähigkeit und Lebensqualität der Betroffenen entscheidend verbessern, sagt der Leiter der Studie, Prof. Friedrich Grimminger. Die Untersuchung an 14 Bergsteigern wurde am Montag in der Fachzeitschrift „Annals of Internal Medicine“ veröffentlicht. Lungenhochdruck führe zu rascher Erschöpfbarkeit und Luftnot schon bei leichter körperlicher Belastung, sagt Bruno Kop vom Selbsthilfeverein Pulmonale Hypertonie (Karlsruhe). Bis vor zehn Jahren war eine Lungentransplantation für Patienten die einzige Hoffnung, wie Christiane Eickelberg vom Lungenzentrum Gießen berichtet. Seitdem seien mehrere Behandlungsansätze entwickelt worden, die aber oft mit schweren Nebenwirkungen einhergingen.
Bahnbrechender Fortschritt
Das Verfahren mit Viagra beruht auf einer biochemischen Ähnlichkeit von Penis und Lunge: In beiden Organen - und fast nur dort - findet sich das Enzym Phosphodiesterase in hohen Dosen. Im Penis kann es eine Erektion abschwächen, in der Lunge zur Verengung der Blutgefäße beitragen. Sildenafil hemmt gezielt dieses Enzym und verhilft damit Männern mit Potenzstörungen zu dauerhaften Erektionen und - nach den Gießener Ergebnissen - Patienten mit Lungenhochdruck zu einer besseren Lungendurchblutung.
Als bahnbrechender Fortschritt bei diesem Ansatz gilt den Gießener Forschern zufolge, daß der Viagra-Wirkstoff ausschließlich in der Lunge Gefäße weit stellt - der Blutdruck im Körperkreislauf wird nicht beeinflusst. Bei bisherigen Therapien war ein starker Blutdruckabfall bis hin zum Kreislaufkollaps eine gefürchtete Komplikation. „Wir haben außerdem nachweisen können, daß Sildenafil direkt in der Lunge wirkt und die Sauerstoffaufnahme verbessert“, berichtet Ghofrani.
Im Frühjahr 2003 - 50 Jahre nach der Erstbesteigung von Sir Edmund Hillary - hatten die Mediziner vier Wochen lang zwölf Männer und zwei Frauen in der dünnen Höhenluft am Mount Everest untersucht. „Während sich die Umbauprozesse der Lungengefäße bei Kranken über Jahre oder Jahrzehnte entwickeln, geschieht das im Hochgebirge in wenigen Wochen wie im Zeitraffer“, erläutert Grimminger. Wenn die Leistungssportler auf einem Fahrrad-Ergometer strampelten, wurde der Druck in ihren Lungen und der Sauerstoffgehalt ihres Blutes gemessen.
Bisher nur bei Schwerstkranken eingesetzt
Gab man den - freiwilligen und gesunden - Teilnehmern ein Placebo, ein Scheinmedikament, stieg der Druck im Lungenkreislauf bei körperlicher Belastung rapide an, und der Sauerstoffgehalt im Blut sank dramatisch. „Bei Kranken würden solche Werte eine künstliche Beatmung nötig machen“, sagt Grimminger. Schluckten die Bergsteiger jedoch drei Tabletten mit 50 Milligramm Sildenafil am Tag, konnten sie der Studie zufolge auf Grund der besseren Aufnahme von Sauerstoff eine deutlich höhere Leistung erbringen.
Bisher wird der Wirkstoff nur bei Schwerstkranken eingesetzt, um ihr Leben zu retten. Denn die stark verengten Lungengefäße bei pulmonaler Hypertonie führen dazu, daß die Lunge schlechter durchblutet wird und das Herz mehr Kraft aufbringen muß, um die Zellen mit Sauerstoff zu versorgen. „Der Widerstand der Lungenstrombahn kann um mehr als das zwanzigfache ansteigen“, erklärt Eickelberg. Wird die Störung nicht rechtzeitig behandelt, erleiden Betroffene mit der Zeit ein tödliches Herzversagen.
Die Mount-Everest-Studie, die nach Eickelbergs Darstellung Voruntersuchungen von Gießener Forschern und weiteren Arbeitsgruppen bestätigt hat, war Anstoß für eine voraussichtlich bis zum Herbst laufende Zulassungsstudie an weltweit 60 Medizinzentren. Viagra dürfe jedoch nicht als Dopingmittel zur Leistungssteigerung betrachtet werden, warnt Grimminger. Gesunden Menschen bringe das Mittel nichts, und beim Bergsteigen sei es sogar gefährlich: Weil es häufig Kopfschmerzen auslöst, könnten die Kletterer Anzeichen einer Höhenkrankheit übersehen und an einer Hirnschwellung sterben.