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Streit um Ikea-Zentrum Eine Stadt im Konflikt mit der Region

15.02.2010 ·  Hofheim ist für das regionale Einzelhandelskonzept und will doch Ikea um ein Fachmarktzentrum in Wallau erweitern. Der umstrittene Teil umfasst 8500 Quadratmeter Verkaufsfläche.

Von Mechthild Harting
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Seit vier Monaten ist es das größte Vergnügen des Hofheimer Baudezernenten, aus seinem Fenster auf die gegenüberliegende Baustelle des Chinon-Centers zu blicken. „Ach,“ sagt der sonst nicht zur Euphorie neigende Sozialdemokrat Wolfgang Winckler, „jetzt stehen hier nur vier Betonmischfahrzeuge dicht an dicht gedrängt – mitunter sind es 20!“

So viel Geschäftigkeit gab es lange nicht im Zentrum der Kreisstadt. Rund zehn Jahre hatte Hofheim das Einkaufszentrum, das sich die Stadt als Ergänzung zum kleinräumigen Einzelhandel in der mittelalterlich geprägten Stadtmitte wünscht, konzipiert, gegen Klagen von Anwohnern verteidigt, umgeplant und für das Vorhaben gleich zweimal einen Investor suchen müssen. „Wir sind durch alle Höhen und Tiefen gegangen“, sagt Winckler.

Jetzt hofft er, im Herbst die 10.000 Quadratmeter Verkaufsfläche eröffnen zu können. Das Zentrum soll nicht die typische Ladengalerie als Konkurrenz zur Innenstadt, sondern größere Filialen von C&A und Hennes & Mauritz sowie ein Kino mit drei Sälen haben. „Wir setzen damit in unserem Maßstab dem Main-Taunus-Zentrum etwas entgegen.“ Das Main-Taunus-Zentrum, das 1964 als eines der bundesweit ersten Einkaufszentren auf der grünen Wiese entstand, nur wenige Kilometer von Hofheim entfernt, wird derzeit auf rund 90.000 Quadratmeter Verkaufsfläche erweitert.

Hohelied des innerstädtischen Handels

Winckler könnte sein Plädoyer für den Einzelhandel in der Innenstadt noch dahingehend ergänzen, dass Hofheim, gestützt auf ein eigenes Einzelhandelsgutachten, in seinem Gewerbegebiet Hofheim-Nord mit Hilfe einer Bebauungsplanänderung den Einzelhandel vollständig ausgeschlossen hat. Diese Haltung der Kreisstadt ließe die Herzen der Regional-planer, die den Einzelhandel in den Innenstädten stärken wollen, höher schlagen, gäbe es nicht den „Fall Ikea“ im Hofheimer Stadtteil Wallau.

Dort, hinter dem Wiesbadener Kreuz, hatte Ikea 1977 ein Möbelhaus , aber vor allem die Deutschlandzentrale errichtet. Nun reicht den Schweden das bisherige Konzept nicht mehr, sie wollen, wie andernorts schon geschehen, ihr Möbelhaus um ein Fachmarktzentrum erweitern. Es sollen Fernseher, Computer, Babyartikel, Hundefutter und Fahrräder verkauft werden, alles Dinge, die als „innenstadtrelevant“ gelten und seit dem 2008 beschlossenen regionalen Einzelhandelskonzept nicht mehr auf der grünen Wiese verkauft werden sollen.

Auch Winckler, selbst Mitglied der Regionalversammlung Südhessen, hatte für das Einzelhandelskonzept gestimmt und hält es immer noch für richtig. „Ich singe jederzeit das Hohelied des innerstädtischen Einzelhandels“, sagt er. Im Fall von Ikea weiß Winckler aber auch um die Bedeutung des Unternehmens als Gewerbesteuerzahler. Und aus Hofheimer Sicht liegt Ikea weit abgelegen, jenseits der A 3.

„Unglücklicher Zeitpunkt“

Eine rigorose Anwendung des Einzelhandelskonzeptes und damit ein Nein zu den Erweiterungsplänen von Ikea bedeutet Winckler zufolge, Ikea die Entwicklungsmöglichkeiten zu nehmen, dem Standort nur noch einen Bestandschutz, eine „Restlaufzeit“ zu gewähren – und damit auch die Lebensgrundlage Hofheims zu gefährden. „Mir macht es Sorgen“, sagt er, dass Ikea seine Deutschlandzentrale langfristig verlagern könnte.

Der Möbelkonzern ließ Winckler gegenüber keinen Zweifel, dass er ohne „Homepark“ auch an keiner Erweiterung des Möbelhauses und der Deutschlandzentrale interessiert sei. „Die wollen vorerst gar nichts in Wallau tun“, fasst Winckler die Gespräche zusammen, sollte es beim angekündigten Nein der Regionalversammlung zur Sortimentserweiterung bleiben. Danach sieht es aus, auch wenn die Regionalpolitiker am Freitag zugestimmt haben, den ablehnenden Beschluss erst einmal zu vertagen und mit Ikea zu sprechen.

„Die Ikea-Erweiterung kommt zu einem unglücklichen Zeitpunkt“, resümiert Winckler. Tatsächlich hätte es vor zwei oder drei Jahren möglicherweise nicht einmal einer Aussprache bedurft, damit die Regionalversammlung der Erweiterung zugestimmt hätte. „Deshalb muss es jetzt möglich sein, wenigstens über das Für und Wider eine Diskussion zu führen“, fordert der SPD-Politiker. Und: Ein „Homepark“ sei nicht automatisch eine Schwächung des Einzelhandelskonzeptes.

8500 umstrittene Quadratmeter

Mit Blick auf die Hauptkritiker wagt Winckler die These, dass sich Wiesbaden und Mainz anders verhielten, wollte Ikea im unmittelbar an Wallau angrenzenden Wiesbadener Stadtteil Nordenstadt ein solches Zentrum bauen. „Dass wäre sicher nicht so tragisch“, obwohl das Zentrum auch dann nicht in der Innenstadt läge.

Noch mehr erstaunt bis verärgert zeigt sich Winckler über den Einzelhandelswildwuchs, der „unterhalb der regionalen Wahrnehmungsschwelle“ liegt. Dabei verweist er auf die vielen kleineren Märkte in Gewerbegebieten, die sich längst zu Fachmarktzentren entwickelt hätten. „Es tut uns weh, was sich da so tut“, sagt er, diese „schleichende Umwandlung“ und verweist auf die „sehr aktive“ Nachbarkommune Kriftel, die an der Abfahrt von der A 66 keinerlei Hemmungen zeigt, Märkte mit innenstadtrelevanten Sortimenten anzusiedeln. Jedes einzelne Geschäft allerdings in der nach der Baunutzungsverordnung zulässigen Größe von knapp 1000 Quadratmeter Verkaufsfläche.

Als „ganz schlimmen Fall“ sieht Winckler das Einkaufszentrum „Loop 5“ in Weiterstadt vor den Toren Darmstadts an, das mit Hilfe des Paragraphen 34 gebaut wurde, der eigentlich nur den Lückenschluss innerhalb einer geschlossenen Bebauung regeln soll. Mit dem Vorhaben beschäftigte sich nie eine Regionalversammlung. Dabei hat das im Herbst 2009 eröffnete Zentrum 175 Geschäfte mit 56.000 Quadratmeter Verkaufsfläche. Winckler wundert sich bis heute, dass so etwas möglich war und hofft, das eine „so chaotische Entwicklung“ nicht mehr möglich wäre. Der umstrittene Teil des Ikea-„Homeparks“ umfasst übrigens 8500 Quadratmeter Verkaufsfläche.

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