10.07.2007 · Trotz einer Entscheidung des Arbeitsgerichts Düsseldorf hat die Gewerkschaft der Lokführer ihre Mitglieder für Dienstag zu einem Streik aufgerufen. Im F.A.Z.-Interview schildert ein Lokomotivführer seine Position zum Arbeitskampf.
Trotz einer Entscheidung des Arbeitsgerichts Düsseldorf hat die Gewerkschaft Deutscher Lokführer (GDL) ihre Mitglieder für Dienstag zu einem Streik aufgerufen. Der Ausstand werde auf jeden Fall stattfinden, sagte Michael Becker, Vorsitzender des Frankfurter Bezirks der GDL. Er widersprach damit einer Mitteilung der Deutschen Bahn, laut der sie vor dem Düsseldorfer Gericht eine einstweilige Verfügung gegen den Streik durchgesetzt hat. (Siehe: FAZ.NET-Spezial: Die Freiheit des Lokomotivführers.)
Im F.A.Z.-Gespräch schildert ein Lokomotivführer seine Position zum Arbeitskampf und warum niemand mehr seinen Beruf ergreifen will.
Am Dienstag sollen die Züge und S-Bahnen in Frankfurt wieder stillstehen. Haben Sie kein Mitleid mit den Wartenden?
Natürlich ist der Streik eine blöde Situation für die Reisenden. Aber wir gehen nun mal diesen Weg und sehen keine Alternative. Die Zeit zwischen 8 und 11 Uhr haben wir bewusst gewählt, da dann die meisten Berufspendler schon auf der Arbeit sind.
Mit den Gewerkschaften Transnet und GDBA hat sich die Deutsche Bahn geeinigt. Es gibt 4,5 Prozent mehr Lohn. Und das ist für die Lokführer zu wenig?
Das ist definitiv nicht genug für uns. Neben einem deutlich höheren Lohnanstieg fordert die Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer vor allem einen eigenen Tarifvertrag für Lokführer, Zugbegleiter und das Personal im Bordservice.
Sie streiken, obwohl die Bahn Ihnen am Freitag ein neues Angebot vorlegen will. Warum warten Sie nicht erst einmal, was da kommt?
Wir warten nicht bis Freitag, weil wir bekräftigen wollen, dass wir es ernst meinen. Schließlich bekommen wir heute im Vergleich zu 1994 real etwa 9,5 Prozent weniger Lohn.
Sie fordern 31 Prozent mehr Lohn – das ist ganz schön happig. Wie kommen Sie denn auf diese Zahl?
Wir fordern keine 31 Prozent mehr. Die Zahl ist Quatsch, da wurde einfach falsch gerechnet. Nach der Ausbildung erhält ein junger Lokomotivführer heute 1900 Euro brutto. Dazu kommen einige Zulagen für Schichtarbeit und ähnliches. Im Durchschnitt sind das rund 250 Euro brutto an Zulagen im Monat. Wir fordern eine radikale Vereinfachung des derzeitigen Wirrwarrs und ein Einstiegsgehalt von 2500 Euro brutto inklusive der Zulagen. Wer richtig rechnet, kommt so auf eine Lohnsteigerung von maximal 16 Prozent.
Das ist immer noch deutlich mehr, als die Bahn bereit ist zu geben. Womit rechtfertigen Sie diese Forderung?
Derzeit gibt es einen Tarifvertrag für alle Mitarbeiter bei der Deutschen Bahn. Die Löhne der Lokführer und der Zugbegleiter unterscheiden sich nicht sonderlich von den Gehältern der Mitarbeiter in der Verwaltung. Ich bin S-Bahn-Führer in Frankfurt und befördere am Tag schon mal 1000 Personen. Das ist doch eine enorme Verantwortung, die auch eine Lohnerhöhung rechtfertigt. Viel wichtiger ist meiner Meinung nach aber doch etwas ganz anderes.
Was denn?
Die Perspektive. Derzeit hat ein junger Lokführer die letzte Entgeltstufe schon nach sechs Jahren Dienst erreicht. Ich zum Beispiel verdiene mit 27 Jahren 2108 Euro brutto – und das bis zur Rente. Da ist es doch kein Wunder, wenn bundesweit rund 800 Lokführer gesucht werden und sich keiner findet. Wir fordern daher auch, dass sich die Berufserfahrung und die Dauer der Zugehörigkeit zum Unternehmen im Lohn widerspiegelt.
Verdient denn ein Lokführer, der einen ICE lenkt, genauso viel wie der Führer einer S-Bahn?
Ja, da wird kein Unterschied gemacht. Alle bekommen den gleichen Lohn, auch wenn sie Güterzüge fahren. Der Lohn steigt derzeit nur mit der Betriebszugehörigkeit.
Wie viele Stunden sitzen Sie im Monat im Führerstand?
Im Moment haben wir eine 41-Stunden-Woche. Pro Tag heißt das für mich eine reine Fahrzeit von sieben Stunden. Das ist ziemlich viel. Deshalb fordert unsere Gewerkschaft eine Reduzierung der Arbeitszeit um eine Stunde im Monat. Damit wären wir den anderen Mitarbeitern des Konzerns gleichgestellt.
Kommt es auch mit den Lokführern bald zu einer Einigung, oder folgen noch weitere Streiktage?
Das hängt natürlich davon ab, was uns die Deutsche Bahn am Freitag anbietet. Sie müssen wissen, unser Arbeitgeber hat im vergangenen Jahr ein operatives Ergebnis vor Steuern von 2,5 Milliarden Euro erzielt. Das war das beste Wirtschaftsergebnis, das es ja gab – da muss auch etwas für uns rumkommen. Sicherlich werden auch wir bei den Verhandlungen Abstriche machen müssen, aber einen eigenen Tarifvertrag wollen wir auf jeden Fall.
Adam Riese
Phillip Basel (TsT4)
- 10.07.2007, 12:26 Uhr