23.12.2009 · Hadmut Jung-Silberreis arbeitet seit einem Vierteljahrhundert im Strafvollzug. Die Wiesbadener Gefängnisdirektorin ist "froh, wenn Weihnachten vorbei ist".
Von Ewald Hetrodt, WiesbadenDer Gefangene der Justizvollzugsanstalt (JVA) in Frankfurt-Höchst ist fassungslos, als er erfährt, dass sein Antrag auf Wiederaufnahme des Verfahrens abgelehnt wurde. Heimlich fertigt er ein Transparent an, auf dem in großen Lettern geschrieben steht, dass er unschuldig sei. In einem unbeobachteten Moment gelingt es dem Häftling, auf einen Schornstein zu klettern, um dort oben für sein Recht zu demonstrieren. „Jetzt musste ich ihn da wieder runterschwätzen“, erzählt Gefängnisdirektorin Hadmut Jung-Silberreis. Nach ein paar Stunden hat sie es tatsächlich geschafft. Später rollt die Justiz das Verfahren doch noch einmal neu auf. Sie spricht den Mann frei. Er hat zu Unrecht im Gefängnis gesessen. Auf seinem Transparent stand die Wahrheit.
Auch nach Jahrzehnten zählt die heutige Leiterin der Wiesbadener JVA das aufsehenerregende Ereignis zu den besonderen Erlebnissen in ihrem Beruf, den sie „schön“ nennt und sicher besser kennt als die meisten ihrer 15 hessischen Kollegen. Darunter sind übrigens noch drei weitere Frauen.
Auch als Frau Autorität
Jung-Silberreis stammt aus der Nähe von Heilbronn. Sie studierte in Frankfurt Jura, nachdem sie wegen ihres Geschlechts nicht zur Pilotenausbildung zugelassen wurde. Danach ließ sie sich auf ihrem Weg aber nicht mehr von überkommenen Rollenbildern aufhalten. Als erste Frau in Deutschland stieg Jung-Silberreis im Vollzug der höchsten Sicherheitsstufe 1 bis in eine Führungsposition auf.
Über Jahrzehnte hinweg hat sie dort das Vorurteil widerlegt, die wirklich gefährlichen unter den männlichen Gefangenen würden Frauen nicht als Autoritäten anerkennen. Dabei deuten ihr Erscheinungsbild und ihr Auftreten jedenfalls auf den ersten Blick nicht darauf hin, dass die Vierundfünzigjährige einen traditionell als Männerdomäne geltenden Beruf ausübt. Diese Frau muss nicht mehr ständig beweisen, wie „tough“ sie ist.
Ein Ausbruch ist ihr bislang erspart geblieben
Der Wiesbadener Jugendstrafvollzug ist ihre neunte berufliche Station. Zwischen Kassel und Weiterstadt, vom Hochsicherheitstrakt für Untersuchungshäftlinge bis zum Frauengefängnis: Jung-Silberreis hat seit 1982 Licht und Schatten des menschlichen Daseins kennengelernt. Insgesamt 15 Mal hat sie die Nachricht entgegennehmen müssen, dass sich ein Gefangener in seiner Zelle umgebracht habe. Einmal musste sie hilflos miterleben, wie ein Mitarbeiter unaufhaltsam „in eine Depression gekippt“ sei. Zunächst sei er von Gefangenen angegriffen worden. Kurze Zeit später habe er zwei Tote in der Zelle aufgefunden. Damit sei er nicht fertig geworden.
Jung-Silberreis ist nach eigenem Bekunden noch nie attackiert worden. Auch ein Ausbruch ist ihr bislang erspart geblieben. „Aber so etwas kann passieren.“ Solche Aktionen könnten nur gelingen, wenn das Wachpersonal dabei freiwillig oder unter Zwang mitwirke. „Der GAU sind Geiselnahmen.“ Das Wachpersonal sei auf solche Fälle vorbereitet. Es sei gehalten, sich nicht erpressen zu lassen – auch nicht, wenn der Ausbrecher dem Kollegen beispielsweise ein Messer an die Kehle halte. In solchen Situationen lasse es sich besonders deutlich nachvollziehen: „Gefängnisse sind so gut oder so schlecht wie die Mitarbeiter.“ Die kooperative Führung sei deshalb ein unerlässliches Prinzip.
Im Schnitt bleiben die Gefangenen 14 Monate
Dabei seien die Anforderungen angesichts der Varianten des modernen Strafvollzugs sehr unterschiedlich. Einerseits gehe es in Frauengefängnissen lauter und schriller zu als unter männlichen Häftlingen. Andererseits seien die verurteilten weiblichen Straftäter in der Regel bei weitem nicht so aggressiv vorgegangen wie die männlichen. Jung-Silberreis traut sich zuzuspitzen: „Wenn Frauen töten, nehmen sie Gift, Männer greifen zum Messer und stechen zu.“ Auch zwischen der brisanten Sicherheitsstufe 1 und dem Jugendstrafvollzug liegen aus der Sicht der Juristin Welten. Die als gefährlich eingestuften Gefangenen müssten „die Uniformierten“, wie Jung-Silberreis das Wachpersonal nennt, stets auf Abstand halten. Hingegen sei der Umgang mit Tätern, die im Alter von 19 bis 24 Jahren auf ihre Rückkehr in die Gesellschaft vorbereitet würden, eine schwierige Gratwanderung, ein ständiger, oft schwer auszuhaltender Wechsel von Nähe und Distanz.
In dem unscheinbaren, aus den sechziger Jahren stammenden Gebäudekomplex an der Wiesbadener Holzstraße gibt es 280 Haftplätze. Um die Gefangenen, die im Durchschnitt 14 Monate bleiben und zum Teil eine Lehre machen, kümmern sich 180 Bedienstete. „Ein richtig guter Schlüssel“, findet die Leiterin der JVA. Unter ihren Leuten sind 114 Vollzugsbeamte und 32 Sozialarbeiter. Sogar zwei Pfarrer der beiden großen Konfessionen gibt es. Die Gefangenen haben bis hin zum Mord unterschiedlich schwere Verbrechen begangen. Etwa zur Hälfte sind sie deutsch. Viele kommen aus der Türkei oder Osteuropa.
„Wir arbeiten auch am Heiligen Abend noch bis mittags“
So erweist sich das Wiesbadener Gefängnis als wahrer Schmelztiegel. Jung-Silberreis weiß um die Risiken, die sich in ihm verbergen. An den Feiertagen ist sie besonders wachsam. Denn die mit dem Fest der Christenheit verbundenen Emotionen machen weder vor Gefängnismauern noch vor kulturellen Unterschieden halt.
Die Juristin greift auf die pädagogische Erfahrung von Jahrzehnten zurück, wenn sie betont, wie wichtig die Normalität an solchen Tagen sei. „Wir arbeiten auch am Heiligen Abend noch bis mittags.“ Es sei nicht für jeden leicht zu ertragen, sich vor Augen zu führen, dass man Weihnachten nun hinter Gittern verbringen müsse. Da könne man schon mal auf dumme Gedanken kommen. „Darum bin ich aus rein vollzuglicher Sicht froh, wenn Weihnachten vorbei ist.“
Prozentuale Frage ...
Volker Beismann (rautenklause)
- 24.12.2009, 15:49 Uhr