14.01.2010 · Schnelle Kommunikation, grenzenlose Informationen und Unterhaltung: Das Internet ist in Arbeitswelt und Privatleben kaum wegzudenken. Doch manche macht es süchtig. Die Kinzigtal-Klinik will nun als erste Einrichtung in Hessen eine stationäre Therapie für Online-Süchtige anbieten.
Von Luise Glaser-LotzSchnelle Kommunikation, grenzenlose Informationen und Unterhaltung: Das Internet bietet schier unendliche Möglichkeiten, auf die in der Arbeitswelt und im Privatleben kaum jemand verzichten möchte. Wachsend ist dabei die Zahl derjenigen, die es auch gar nicht mehr können. Wenn das Verlangen, „online“ zu sein, übermächtig wird, wenn die Zeiten am Computer immer länger werden, persönliche Beziehungen, Beruf und Ausbildung unter der maßlosen Internetnutzung leiden, dann braucht der Betroffene professionelle Hilfe. Doch die ist nicht leicht zu finden.
Den Gang zu Suchtberatungsstellen scheuen viele Betroffene, weil sie nicht mit Alkoholikern oder Drogenabhängigen zusammenkommen wollen. Da die Onlinesucht aber noch keine anerkannte Krankheit ist, können Ärzte Therapien nur über Umwege verschreiben. Und ein stationäres Angebot, das sich gezielt an Internetsüchtige wendet, gibt es in Hessen auch nicht. In ganz Deutschland machen nur zwei Kliniken ein entsprechendes Angebot. Diese Lücke schließen will die Kinzigtal-Klinik in Bad Soden-Salmünster, ein Haus des Krankenhausträgers Pitzer-Kliniken.
Online-Sexsüchtige die Hauptgruppe
Die Reha-Klinik mit den Fachabteilungen Psychosomatik, Innere Medizin sowie Orthopädie und Sportmedizin bietet schon jetzt die Psycho- und Suchttherapie. Immer häufiger spielt dabei nach den Worten des Diplompsychologen Peter Schumacher die außer Kontrolle geratene Nutzung des Internets bei einzelnen Patienten eine Rolle. Unterschieden werden hier drei Gruppen. Die Spielsucht, wie sie häufig bei Jugendlichen anzutreffen ist und die oft in den Medien thematisiert wird, rangiert dabei nicht an erster Stelle.
Mit geschätzten 70 Prozent bilden vielmehr die Online-Sexsüchtigen die Hauptgruppe der vermutlich rund 2,5 Millionen Onlinesüchtigen in Deutschland. 95 Prozent der ersten Gruppe sind Männer, überwiegend Studenten unter 30 Jahren. Ein Viertel aller Erkrankten sind Online-Spielsüchtige. Auch hier sind mit 85 Prozent vor allem männliche Internetnutzer betroffen, meist im Alter zwischen zwölf und 24 Jahren. Sofern Mädchen und Frauen onlinesüchtig werden, nutzen sie in der Regel die Kommunikationsmöglichkeiten von sogenannten Chatrooms. Fünf Prozent aller Internetsüchtigen fallen in diese Kategorie, zu 90 Prozent sind es Mädchen und Frauen. Diese Zahlen basieren auf den Erfahrungswerten der Internetplattform „Hilfe zur Selbsthilfe bei Onlinesucht“ (www.onlinesucht.de), die die Betroffenen dort anspricht, wo sie am ehesten zu erreichen sind: im Internet.
Nachsorge in Selbsthilfegruppen
Die Kinzigtal-Klinik kooperiert mit dieser Selbsthilfegruppe ebenso wie mit dem Therapieverbund hessischer Guttempler-Einrichtungen. Beide sind sowohl für die Kontaktherstellung als auch für die Nachsorge wichtig, denn wie alle Süchte hört auch die Internetsucht mit der Therapie nicht auf. Um die Abhängigkeit zu reduzieren und mit dem weltweiten Netz vernünftig umgehen zu lernen, ist laut Rolf Czwalinna, Ärztlicher Leiter der psychosomatischen Abteilung der Kinzigtal-Klinik, zunächst eine Phase der Abstinenz notwendig. Diese könne aber nur in einer stationären Therapie gewährleistet werden. Sie ist ein wichtiger Baustein während des etwa achtwöchigen Klinikaufenthalts.
Das Konzept für die Behandlung der sechs bis acht Teilnehmer der im Aufbau befindlichen Gruppe „Internetsucht“ hat Diplompsychologe Schumacher nach Erfahrungen mit bisherigen Einzelpatienten erarbeitet. In der Gruppe soll versucht werden, die Süchtigen aus ihrer imaginären Computerwelt in das wirkliche Leben zurückzuführen. Neben psychotherapeutischen Einzelgesprächen stehen unter anderem Naturerlebnisse, Sportangebote, Krankengymnastik, Entspannungsmethoden oder Gruppengespräche auf dem Programm. Auch Sozialberatung steht auf dem Therapieplan, denn nicht selten sind soziale Beziehungen und Arbeitsverhältnisse wegen der Sucht zerbrochen.
Kassen übernehmen zumeist die Kosten
Behandelt werden Kranke von 18 Jahren an, gleich unter welcher Form der Onlinesucht sie leiden. Auch wenn diese noch nicht im Leistungskatalog der Krankenkassen enthalten ist, übernehmen diese meistens die Kosten, da die Sucht fast immer mit anderen Krankheitsbildern von psychischen Störungen über Rückenleiden bis hin zur Fettleibigkeit verbunden ist.
Unterstützung erfährt die Klinik auch durch Rainer Thomasius, Leiter des Deutschen Suchtzentrums für Suchtfragen des Kindes- und Jugendalters am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. Im Auftrag des Bundesgesundheitsministeriums erarbeitet er derzeit die Studie „Beratungs- und Behandlungsangebote für pathologischen Internetgebrauch in Deutschland“. Ihm geht es darum, nachvollziehbare Kriterien und Erkenntnisse des noch wenig erforschten Krankheitsbilds zusammenzutragen und geeignete Therapieformen zu entwickeln.
Luise Glaser-Lotz Korrespondentin der Rhein-Main-Zeitung für den Main-Kinzig-Kreis.
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