Home
http://www.faz.net/-gzl-74bgx
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER

SPD-Plan CDU warnt vor „Einheitsschule“ in Hessen

Die hessische CDU warnt vor einem schulpolitischen Systemwechsel. In scharfen Worten kritisierte sie Pläne der SPD, das dreigliedrige Schulsystem abzuschaffen.

Zwischen CDU und SPD zeichnet sich eine heftige Auseinandersetzung über die Zukunft der hessischen Schulen ab. Der CDU-Fraktionsvorsitzende im Landtag und frühere Kultusminister, Christean Wagner, warf den Sozialdemokraten in Wiesbaden vor, sie wollten Gymnasien und Förderschulen abschaffen und durch eine „Einheitsschule“ ersetzen. Das sei „eine offene Kriegserklärung an Schulvielfalt und Wahlfreiheit“. Die CDU nehme den Fehdehandschuh gern auf, sagte Wagner mit Blick auf die Landtagswahl in einem Jahr. „Wir werden mit aller Kraft dafür kämpfen, dass ein solcher Unsinn zu Lasten unserer Kinder nicht Wirklichkeit wird.“

Ralf Euler Folgen:    

Wagner wies darauf hin, dass die SPD das erklärte Ziel habe, alle weiterführenden Schulen bis zur zehnten Klasse zu einer „Gemeinschaftsschule“ zu entwickeln. „Nach diesem Modell sitzen alle Schüler, von Förderschülern bis zu Gymnasiasten, in einer Klasse.“ Die CDU wolle keinen Systemwechsel hin zu „Einheitsschulen“, ergänzte der bildungspolitische Sprecher der Landtagsfraktion, Günter Schork. Das gegliederte Schulsystem mit schulformbezogenen Lehrplänen, Stundentafeln und Abschlüssen habe sich bewährt und sei die beste Antwort auf die unterschiedlichen Begabungen von Schülern. Mit dem Versuch, „Einheitsschule, Einheitslehrer und Einheitsschüler“ zu schaffen, vollziehe die SPD eine „Rolle rückwärts in die siebziger Jahre“, äußerte Schork. „Schule ist kein Mittel zur Gesellschaftsveränderung.“

SPD kontert CDU-Vorwurf

Die bildungspolitische Sprecherin der SPD im Landtag, Heike Habermann, bescheinigte den beiden CDU-Abgeordneten einen kabarettreifen Auftritt. Wagner und Schork konstruierten Zusammenhänge, benutzten ein „Angst-und-Schrecken-Vokabular“, ignorierten die Bildungsforschung und setzten stattdessen auf Glaubensbekenntnisse. Während die Union an einem selektiven System festhalte, wollten die Sozialdemokraten Ganztagsschulen, in denen möglichst lange gemeinsam gelernt werde und in denen die individuellen Bedürfnisse der Kinder Berücksichtigung fänden.

Der Generalsekretär der hessischen SPD, Michael Roth, konterte den Vorwurf des CDU-Fraktionschefs, die Sozialdemokraten hätten in der Bildungspolitik „Steinzeit-Vorstellungen“, mit den Worten: „Für CDU-Bildungsdinosaurier ist auch die Steinzeit schon Zukunft.“ Seine Partei wolle „keine ideologischen Grabenkämpfe“, betonte der SPD-Landesvorsitzende und Fraktionschef Thorsten Schäfer-Gümbel, sie werde einer Debatte über die bessere Schulpolitik im Landtagswahlkampf aber auch nicht ausweichen.

„Ideologisch gefärbt“

Auch die FDP, der Koalitionspartner der Union, warnte davor, das funktionierende System mit einem Höchstmaß an Schulvielfalt zugunsten einer Einheitsschule abzuschaffen. „Eine derart ideologisch gefärbte und gefährliche Bildungspolitik zu Lasten der hessischen Schüler muss vermieden werden“, sagte der Abgeordnete Mario Döweling. Die Landtagsfraktion der Grünen nannte es bedauerlich, dass CDU und SPD offenbar „eine weitere Runde im hessischen Schulkampf“ einläuten wollten. Eine gedeihliche Entwicklung der Schulen sei nicht mit Zwangsbeglückungen von oben, sondern nur im Konsens mit Schülern, Eltern und Lehrern zu erreichen, äußerte der Abgeordnete Mathias Wagner.

Mehr zum Thema

Eltern- und Schülervertreter kritisierten in Wiesbaden den von neun auf acht Jahre verkürzten Weg zum Abitur (G8) an Gymnasien. Der stellvertretende Vorsitzende des Landeselternbeirats, Matthias Bedürftig, und Clara Veith von der Landesschülervertretung nannten die Verkürzung der Schulzeit in der Mittelstufe grundfalsch. Den Schülern bleibe durch die langen und intensiven Schultage kaum noch Zeit und Energie, sich außerschulisch zu engagieren. Auch die von der Landesregierung geplante Wahlfreiheit zwischen einer acht- und einer neunjährigen Gymnasialzeit sei keine zufriedenstellende Lösung. Bedürftig und Veith plädierten dafür, in der Oberstufe ein Angebot mit Unterrichtsmodulen zu schaffen. Dann könne jeder Schüler selbst entscheiden, ob er die Oberstufe in zwei, drei oder vier Jahren absolvieren wolle. Unterdessen forderte die Linkspartei im Landtag die Einstellung von 7500 zusätzlichen Lehrern.

Quelle: F.A.Z.

 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Abiturnoten Vergleichbarkeit? Von wegen!

Das bundesweite Zentralabitur kommt. Aber jedes Land berechnet die Abitur-Note anders. In Sachsen-Anhalt dürfen die Schüler sogar selbst entscheiden, wie ihre Abschluss-Zensur berechnet wird. Mehr

13.08.2014, 10:00 Uhr | Beruf-Chance
Umstrittenes G9-Gesetz G8/G9-Debatte flammt kurz vor neuem Schuljahr wieder auf

Schwarz-Grün hat den Schulfrieden in Hessen ausgerufen. Doch noch in den Sommerferien kochen die alten Grabenkämpfe um die Rückkehr zum Abitur nach neun Jahren wieder auf. Mehr

20.08.2014, 14:11 Uhr | Rhein-Main
Landtagswahl in Sachsen Gegen die Vormacht der CDU

Am 31. August ist Landtagswahl in Sachsen. 14 Parteien buhlen um die Gunst der Wähler. Doch nur sieben davon dürfen sich realistische Hoffnungen auf einen Einzug ins Parlament machen. Die Parteien im Kurzporträt. Mehr

17.08.2014, 12:14 Uhr | Politik

Die Verrücktheiten der Energiewende

Von Manfred Köhler

Auch wenn Hessen bei der Energiewende nur eine Nebenrolle spielt, zahlen müssen die Bürger trotzdem. Und das über diverse Wege, sodass zu hoffen bleibt, dass neue Investitionen genau überlegt sind. Mehr 4