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Sexualität Aufklärer im Klassenzimmer

17.06.2008 ·  Über Sex reden: Mainzer Medizinstudenten bieten Sexualkundeseminare in Schulen an. Lehrer und Schüler finden das Angebot gut. „Die kennen alle Wörter von Blowjob bis Gangbang, haben aber keine Ahnung, um was es da geht“, sagt ein Student über die Schüler.

Von Nadine Lindner
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Es ist kurz vor acht am Morgen, und in der Anne-Frank-Realschule sind Katharina Albrecht und ihr Team noch mit den letzten Vorbereitungen beschäftigt. Die 13 Medizinstudenten sind in der Gruppe „Mit Sicherheit verliebt“ aktiv und bieten ehrenamtlich Sexualkundeseminare an. Albrecht stapelt bunte Broschüren und drei Stiegen Kondome auf dem Lehrerpult. Ihr Blick verrät ein wenig Skepsis, denn alle achten Klassen der Realschule besuchen heute ihren Workshop. Insgesamt sind das rund 100 Schüler. „So eine große Gruppe hatte ich noch nie“, sagt die 22 Jahre alte Studentin.

Es klingelt, und der Lärmpegel im Raum steigt schnell an. Die Schüler kommen rein und reden gleich los. Die Europameisterschaft ist das beherrschende Thema. Doch als in der Begrüßung von Katharina Albrecht das Wort „Sex“ fällt, wird es schlagartig ruhiger. „Alter, halt mal die Klappe, ich will hören, was sie sagt“: Julia schaut ihren Mitschüler böse an. Auf dem Programm stehen heute die Themen Liebe, Verhütung und Krankheiten, die durch Sex übertragen werden.

„Die kennen alle Wörter von Blowjob bis Gangbang“

Lange müssen die Schüler nicht sitzen bleiben. Die erste Lektion ist eine Schnitzeljagd für sechs Gruppen durch das ganze Haus. Team A bekommt schließlich die Aufgabe, eine Pantomime vorzuführen. Der 15 Jahre alte Jakob (alle Schülernamen geändert) steht unsicher in der Mitte des Kreises. Er soll den Begriff „Schwangerschaft“ nachstellen, hat aber keine Ahnung, wie er anfangen soll, und fasst sich etwas ratlos an den Bauch.

Mitschülerin Julia rät im Stakkato drauflos: „Bierbauch, Boxershorts, äh, was soll das denn sein? Mensch, du sollst doch Pantomime machen und nicht nur rumstehen.“ Die Stimmung ist wie auf einer Klassenfahrt. Zwischen den richtigen Antworten fallen auch einige Wörter, die eher zum Sprachschatz der Hardcore-Rapper Sido und Bushido gehören.

Medizinstudent Chris Plata beobachtet die Gruppe: „Hier sollen sie lernen, über Dinge wie Liebe und Sex normal zu reden, ohne sich zu schämen oder zu protzen.“ Er hat schon mehrere Workshops betreut. „Die tauen erst auf, wenn sie in getrennten Gruppen sind. Dann müssen sie sich nicht mehr so voreinander beweisen.“ Plata glaubt, dass die Schüler vor allem durch Filme aus dem Internet abstumpfen. „Die kennen alle Wörter von Blowjob bis Gangbang, haben aber überhaupt keine Ahnung, um was es da geht.“ Von Aids oder Verhütung hätten viele dann keinen Schimmer oder nur ein gefährliches Halbwissen.

„Sex gehört zum Leben der Schüler dazu“

„Wir wollen über alles reden und uns nicht provozieren lassen“, sagt Platas Kommilitone Paul Leitmeyer. Wenn er eine Runde mit 15 Jahren alten Jungs betreue, komme das Gespräch auch auf Pornofilme. „Ich sage dann immer klar meine Meinung, dass es mit Liebe nichts zu tun hat und nur primitiv ist.“ Dann fragt er, warum sie sich so etwas anschauten. Seine moralische Haltung nehmen ihm die Schüler offenbar nicht übel. „Ich bin ein cooler Student, ich darf auch mal was kritisieren“, sagt er zwinkernd.

Seit 2002 gibt es die Gruppe „Mit Sicherheit verliebt“ an der Universität Mainz, sie wird vom Fachschaftsrat Medizin betreut. Der bundesweit tätige Verein ist ein Projekt der Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland. An vielen Unis gibt es Lokalprojekte, auch in Frankfurt ist eine Gruppe aktiv. Sie wolle den Schülern etwas auf den Weg mitgeben, sagt Anne Hofmann. „Als Medizinstudentin kenne ich die Bedeutung des Wortes Prävention.“

Lehrer sind an dem Seminartag nicht dabei. „Die Schüler sollen ohne Scheu reden können. Das geht nicht, wenn da jemand steht, der dich morgen in Mathe abfragen soll“, meint Hofmann. Im Lehrerzimmer sitzt Friederike Gerlach-Brückner. Sie unterrichtet Englisch an der Anne-Frank-Schule und beschäftigt sich schon lange mit dem Thema Prävention: „Wir müssen Sex zu einem sachlichen Thema machen und dürfen es nicht schönreden oder verbannen. Es gehört zum Leben der Schüler einfach dazu, ob uns das gefällt oder nicht.“

„Wann sollte man denn das erste Mal haben?“

Die meisten Eltern seien sehr froh über den Aufklärungsunterricht, da sie Angst hätten, selbst nicht die richtigen Worte zu finden. Ähnlich sieht das Kollegin Britta Zitzelsperger. Dass die Schule mit einem solchen Seminar die Jugendlichen erst zu riskantem Verhalten ermutigt, glaubt sie nicht. „Ich habe fast das Gefühl, wir könnten es schon in der siebten Klasse anbieten.“ Der Einfluss von Fernsehen und Internet sei sehr groß, „das prägt vor allem die Selbstwahrnehmung der jungen Mädchen. Diese ganzen Modelshows verunsichern sie.“

Im Flur wird es wieder laut. Jetzt trennen sich die Gruppen, die Jungs bleiben im Erdgeschoss, die Mädchen treffen sich im zweiten Stock. Katharina Albrecht hat ein Köfferchen dabei, aus dem sie ein Spekulum aus Plastik herausholt. „Das nimmt der Frauenarzt bei der Untersuchung“, sagt die Studentin – einige Mädchen blicken entsetzt. „Das sieht martialisch aus, aber es tut nicht weh. Schaut es euch mal an.“ Ein Mädchen, das den ganzen Morgen sehr still war, traut sich jetzt doch, ihre Frage zu stellen: „Wann sollte man denn das erste Mal haben, gibt es da eine Grenze oder ein Alter, wo es gut ist?“ Die Antwort von Albrecht fällt kurz und entschieden aus: „Dann, wann du willst. Du darfst dich auf keinen Fall überrumpeln lassen.“

Es gibt noch eine gemeinsame Auswertungsrunde für Schüler und Aufklärer, dann ist der Projekttag nach vier Stunden vorbei.Kasper aus der achten Klasse überlegt einen Moment, bevor er sein Resümee zieht: „Es war schon okay, also auf jeden Fall besser als der Aufklärungsunterricht, den wir in der sechsten Klasse hatten. Das war so blöd, den Lehrer hat das gar nicht interessiert.“ Die 15 Jahre alte Julia blickt etwas nachdenklich: „Von ein paar Sachen hatte ich noch nie gehört, und die Fotos von den Krankheiten, die waren echt eklig.“

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