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Selbsthilfe- und Beratungszentrum „Es gibt keinen spontanen Missbrauch“

09.04.2010 ·  Vor 25 Jahren wurde Sefra in Aschaffenburg gegründet. Das Selbsthilfe- und Beratungszentrum für Frauen berichtet von Gewalt - vor allem in Familien, aber auch gegen Seniorinnen. Einen „zufälligen Missbrauch“ gibt es nicht, wie dort heißt.

Von Agnes Schönberger, Aschaffenburg
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Als vor 25 Jahren einige Ehrenamtliche das Selbsthilfe- und Beratungszentrum für Frauen in Aschaffenburg (Sefra) gründeten, hielten viele eine derartige Einrichtung für überflüssig. In einer Kleinstadt gebe doch keine Gewalt gegen Frauen, hieß es. Heute wissen es die Aschaffenburger besser. Sefra ist eine anerkannte Institution, die Tausende Frauen beraten hat.

Wie wichtig ein derartiges Hilfsangebot ist, zeigt sich an der aktuellen Missbrauchsdebatte. Die Opfer schwiegen aus Scham oft jahrzehntelang, auch weil sie fürchteten, nicht ernst genommen zu werden. An der Diskussion stört die Therapeutin Heike Kamp-Bleines, die seit vier Jahren bei Sefra arbeitet, die Fokussierung auf Institutionen wie Schulen und Kirchen. Das sei ein Ablenkungsmanöver, sagt sie. Denn sexueller Missbrauch finde vor allem innerhalb des Familiensystems statt. Das sei besonders schlimm, weil der Übergriff mit einem unglaublichen Vertrauensverlust verbunden sei.

Kein „zufälliger Missbrauch“

Nach Angaben der Sefra-Leiterin Gerti Metz sind Mädchen zwischen sieben und elf Jahren besonders bedroht, Opfer eines Missbrauchs durch Vater, Opa, Bruder oder Onkel zu werden. Kamp-Bleines zufolge gibt es keinen „zufälligen Missbrauch“. Vielmehr suchten sich die Täter ihr Opfer sehr sorgfältig aus und entwickelten Einschüchterungs- und Bedrohungsstrategien, damit die Kinder schwiegen. „Die sind clever“, sagt sie. Nach ihren Worten wurde in einem Fall sogar der Hase des Kindes umgebracht, um Druck auszuüben. Metz zufolge bauen manche Männer zunächst eine enge Beziehung zu dem Kind auf. Sie belohnten und lobten es, und erst wenn sie sicher seien, das Kind unter Kontrolle zu haben, komme es zum Missbrauch. Dann heiße es, das ist unser großes Geheimnis.

Es kann harmlos beginnen. Da sagt der Opa, ich muss Mittagsschlaf machen und du doch auch. Die Kinder spürten sehr genau, wann eine Grenze überschritten werde, sagt Kamp-Bleines. Aber der Geheimhaltungsdruck sei riesengroß, und die Kinder hätten auch keine Sprache für das, was sie erlebten. Sie hinterließen zwar Zeichen. Doch es sei schwer, diese richtig zu deuten. „Nicht jedes Kind, das eine sexualisierte Sprache benutzt oder Angst vor Männern hat, ist missbraucht worden“, hebt aber die Therapeutin hervor. Nach ihrer Erfahrung verdrängen die Frauen häufig jahrzehntelang, was ihnen passiert ist. Oft seien sie wegen Depressionen oder Essstörungen behandelt worden. Zu Sefra kämen sie meistens wegen diffuser Ängste oder Schwierigkeiten in der Beziehung.

Taten meist verjährt

Erst in der „geschützten Atmosphäre“ der Beratungsstelle würden die Erinnerungen aufbrechen. Metz bedauert, dass die Taten meist verjährt seien, wenn sich Frauen dazu entschlössen, ihre Opferrolle zu verlassen und ihren Peiniger anzuzeigen. Das sei ein Problem. Denn die Frauen wollten Gerechtigkeit erfahren. Stattdessen erlebten sie, dass es ihnen nach 150 Stunden Therapie immer noch schlecht gehe, während der Täter oft hoch angesehen sei.

Die Arbeit von Sefra hat sich in den vergangenen 25 Jahren gewandelt. Anfangs stand der Selbsthilfegruppengedanken im Vordergrund. Heute leisten vier hauptamtliche, qualifizierte Kräfte die Arbeit. Nach wie vor steht im Mittelpunkt der Beratung die Frau. Allerdings sind in den vergangenen Jahren auch die Kinder in den Fokus gerückt. Nach Angaben von Kamp-Bleines muss jede Frau ihren eigenen Weg finden. Das bedeute für die Beraterinnen auch, es zu akzeptieren, wenn eine Frau wieder zu ihrem schlagenden Partner zurückkehre.

Übergriffe auf Seniorinnen

Erstaunlich ist aus Sicht der Therapeutin, dass sich verstärkt auch ältere Frauen an Sefra wenden. Sie berichtet von drei über Siebzigjährigen, die die Übergriffe nicht länger hinnehmen wollten. In einem Fall sei die Frau von ihren Söhnen, die im selben Haus wohnten, geschlagen worden. Für Metz ist diese Entwicklung ein Beweis dafür, dass sich das Bewusstsein für die Problematik häuslicher Gewalt verändert hat.

„Die Frauen wissen, dass sie das nicht aushalten müssen“, sagt sie. Nach ihren Angaben kommt Gewalt in allen Schichten der Gesellschaft vor. Auch Akademikerinnen und Karrierefrauen seien betroffen. Diese hätten nicht nur Angst, ihr „Gesicht zu verlieren“, sondern fürchteten auch um ihre Karriere, wenn bekannt würde, dass sie zu Hause geschlagen oder vergewaltigt würden. Wie bei anderen Schicksalsgenossinnen suchten auch diese Frauen die Schuld bei sich selbst und interpretierten das Scheitern der Beziehung als ihr eigenes Versagen. Die Scham, die sie empfänden, mache sie handlungsunfähig, sagt Kamp-Bleines.

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Jahrgang 1956, freie Autorin für die Rhein-Main-Zeitung in Aschaffenburg.

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