28.05.2006 · Frankfurter Hauptschulen kämpfen wegen geringer Anmeldezahlen ums Überleben. Wird es in Frankfurt künftig nur noch Mittelschulen und Gymnasien geben? Der Lehrerverband und Schulleiter warnen vor den Folgen.
Von Lisa UphoffDie neue schwarz-grüne Koalition in Frankfurt will gemeinsam mit der Wirtschaft und dem Staatlichen Schulamt Qualität und Image der Hauptschulen verbessern. Kernpunkte des Konzeptes, das noch ausgearbeitet werden muß, sind mehr Praxisbezug und der Ganztagsbetrieb (siehe Kasten). Die „Hauptschule der Praxis“ sei ein „Sofortprojekt“ sagt Michael Damian, Sprecher von Schuldezernentin Jutta Ebeling (Die Grünen).
Langfristig werde diese Schulform in Frankfurt aber nicht bestehen können, darin ist sich Damian mit dem Leiter des Staatlichen Schulamtes, Hans-Rolf Eifert, sowie etlichen Schulleitern einig. Schon heute kämpfen einige Frankfurter Hauptschulen wegen geringer Anmeldezahlen ums Überleben. Hauptschule, Realschule und Gesamtschule würden künftig zu einer Mittelschule vereinigt, allein die Gymnasien blieben eigenständig, glaubt Damian. „Absolut schädlich“ findet dagegen Manfred Timpe, Vorsitzender des Verbands der Lehrer, diese wahrscheinliche Entwicklung und nennt die Hauptursache: „Die Integrierten Gesamtschulen bluten die Hauptschulen aus.“
Desolate Situation der Hauptschulen
Schon seit längerem werde das Image der Hauptschule als „Restschule“ wegen der schwierigen Klientel trotz des großen Engagements der Hauptschullehrer immer schlechter, so Timpe, selbst Leiter der Falk-Realschule. Doch habe in Frankfurt zudem ein Ansturm auf die Gesamtschulen eingesetzt. „Die Eltern bevorzugen die ganztägige Betreuung in den Gesamtschulen, die vom Schulträger, also der Stadt Frankfurt, bewußt forcierte bessere finanzielle und personelle Ausstattung dieser Schulen sowie die Tatsache, daß dort anders als an Gymnasien die Schulzeit nicht verkürzt werden muß“, resümiert Timpe.
Außerdem würden viele Grundschullehrer wegen unangenehmer Diskussionen mit den Eltern davor zurückschrecken, eine Empfehlung für die Hauptschule zu geben und die Eltern lieber auf die Gesamtschulen verweisen. In Frankfurt würde der „klassische Hauptschüler“ meist eine Integrierte Gesamtschule (IGS) besuchen. Timpe glaubt, daß bis zu 40 Prozent der Kinder jedes Jahrgangs auf Hauptschulen gehen sollten, aber nur vier Prozent aller Frankfurter Schüler tun dies tatsächlich. Neben den bereits existierenden sechs Integrierten Gesamtschulen gibt es wegen der großen Nachfrage künftig eine neue IGS in der alten Herderschule.
Die Einführung einer Mittelschule wäre für Timpe „sehr bedauerlich“. Er sieht darin „das Durchdrücken der IGS mit anderem Namen und auf neuem Weg“. Denn wurde in den achtziger Jahren die Diskussion um die richtige Schulform mit ideologischen Argumenten geführt, seien es jetzt praktische Gründe wie die desolate Situation der Hauptschulen. Erstes Opfer sei die Nidda-Schule, an der es künftig keinen Hauptschulzweig mehr geben werde, andere Schulen kämpften gerade für die Jahrgangsstufe 5 um jeden Schüler. In den Jahrgängen 7 und 8 füllten sich die Klassen wegen der Querversetzungen von anderen Schulformen dann meist wieder.
Diskussion um Mittelschulen
Nur in einem differenzierten, also dem dreigliedrigen Schulsystem „kann jeder Schüler optimal gefördert werden“, glaubt Timpe. In einer IGS stehe ein Kind in permanenter Konkurrenz zu seinen Mitschülern. Er hofft darauf, daß das Sofortprogramm für die Hauptschulen helfen wird, und richtet einen Appell an die Wirtschaft, „sich wieder auf Hauptschüler einzulassen“.
Auch der Leiter der Friedrich-Stoltze-Schule, Felix Weilbächer, sieht einer möglichen Mittelschule „mit einem weinenden Auge“ entgegen. „Lieber wäre mir eine starke Hauptschule, eingebunden in das dreigliedrige System.“ In zehn bis fünfzehn Jahren werde es eine Mittelschule aber wohl geben. „Die Abstimmung mit den Füßen sowie die demographische Entwicklung werden sich wohl nicht mehr aufhalten lassen“, meint Weilbächer, Mitglied einer Arbeitsgruppe im Kultusministerium, die über die Zukunft von Haupt- und Realschulen nachdenkt. Eine Mittelschule müsse aber auf jeden Fall ein anderes Format als die heutige IGS haben, auch dürfe die Hauptschulpädagogik nicht auf der Strecke bleiben. „Handlungs- und Projektorientierung sowie soziales Lernen müssen auch Kernpunkte einer Mittelschule sein.“
Den großen Vorteil einer Mittelschule sieht Weilbächer darin, „daß keine Schule mehr bestimmten Schülergruppen ausweichen kann. Kein Schüler kann dann mehr abgeschoben, sondern muß individuell gefördert werden.“ Er selbst versucht derweil seine Schule durch spezielle Angebote konkurrenzfähig zu machen. So gibt es in der Friedrich-Stoltze-Schule sogenannte SchuB-Klassen mit Hauptschulabschluß, in denen die Jugendlichen zwei Tage die Woche ein Betriebspraktikum absolvieren und drei Tage die Schule besuchen. Auch seien Elemente der Produktionsschule ins Schulprogramm integriert: Schüler übernehmen auch schon mal das Catering für Veranstaltungen des Kultusministeriums.
„Ausbluten“ von Haupt- und Realschulen
Absurd findet Hans Werner Jorda die Idee der Mittelschule. Die Hauptschule zu beseitigen löse nicht das Problem der Hauptschüler, sagt der Leiter der Frankfurter Sophienhauptschule. Auch er glaubt, daß die Gesamtschulen die Haupt- und Realschulen „ausbluten“. Ein Nebeneinander der Systeme sei nicht möglich. „Entweder in ganz Deutschland wird die Integrierte Gesamtschule als alleinige Schulform eingeführt und auch alle Gymnasien verschwinden - dieses ist nicht durchsetzbar - oder aber das dreigliedrige Schulsystem wird ohne Gesamtschulen weiterbetrieben.“
Um letzteres zu ermöglichen, bedürfe es einer „kontrollierten Zuweisung“ in die einzelnen Schulformen, wie beispielsweise Baden-Württemberg das betreibe. Dort darf ein Schüler nur mit bestimmten Noten auf eine der drei Schulformen. Diese Methode sei zwar „rigide, aber erfolgreich und steigert auch Image und Qualität der Hauptschulen“.
Für Damian aber ist die Mittelschule plus Gymnasien „die einzige Alternative und der einzig mögliche Kompromiß zum unbestrittenen Erfolgsmodell der achtjährigen Einheitsschule für alle Schüler in Skandinavien“. Dies glaubt auch Eifert. Eine Mittelschule fördere die Durchmischung der Schülerschaft, schwächere Schüler würden dann von stärkeren lernen können, und eine Isolierung bestimmter Schülergruppen wie bisher in der Hauptschule sei dann nicht mehr möglich.
Mehr Praxisnähe, mehr Betreuung
Das Frankfurter Konzept „Hauptschule der Praxis“ wird von Staatlichem Schulamt, Jugendhilfe, Schulleitern, Handwerkskammer sowie Industrie- und Handelskammer erarbeitet. An allen Schulen sollen Sozialarbeiter tätig sein, und es werden Ganztagsangebote organisiert. Außerdem sollen die Schüler beispielsweise durch Praktika oder Patenschaften zur Wirtschaft mehr Praxisbezug bekommen. Auch Elemente einer Produktionsschule, die eigenständig und gewinnbringend bestimmte Produkte herstellt, könnten eine Rolle spielen. Da manche Hauptschulen schon einige dieser Ideen verwirklichten, solle jede Schule ein speziell auf sie zugeschnittenes Programm erhalten und die Angebote der Schulen seien untereinander zu vernetzen, sagt Michael Damian, Referent von Schuldezernentin Jutta Ebeling.
Hans-Rolf Eifert, Leiter des Staatlichen Schulamtes, unterstützt das „Sofortprogramm“. Eine Untersuchung des Amtes habe ergeben, daß die Hälfte aller Hauptschüler intensive sozialpädagogische Betreuung brauche, die andere Hälfte aber eine andere Art des Unterrichts. Beides ermögliche das neue Konzept. Das Modell soll möglichst schon zum Schuljahr 2007/2008 eingeführt werden. In Frankfurt gibt es 21 Hauptschulen, darunter fünf reine Hauptschulen, sechs Grund- und Hauptschulen, vier Grund-, Haupt- und Realschulen, eine Haupt- und Realschule sowie fünf Hauptschulen in Kooperativen Gesamtschulen.
Nur das dreigliedrige Schulsystem ist durchsetzbar?
Alexandra Hennemann (AHennemann)
- 29.05.2006, 05:12 Uhr