05.07.2007 · Karin Wolff hat sich aus Sicht von SPD und Grünen mit ihren umstrittenen Äußerungen über die Verbindung von Wissenschaft und Glauben als hessische Kultusministerin disqualifiziert. Ministerpräsident Koch verteidigte Wolff gegen den Vorwurf der Vermengung von Wissenschaft und Glauben.
Karin Wolff hat sich aus Sicht von SPD und Grünen mit ihren umstrittenen Äußerungen über die Verbindung von Wissenschaft und Glauben als hessische Kultusministerin disqualifiziert. Wer, wie die CDU-Politikerin, ernsthaft behaupte, es gebe eine „erstaunliche Übereinstimmung“ zwischen der symbolhaften biblischen Erzählung von der Erschaffung der Welt in sieben Tagen und der wissenschaftlichen Evolutionstheorie, sei als Verantwortliche für die Schulpolitik untragbar, urteilte die SPD-Fraktionsvorsitzende Andrea Ypsilanti im Landtag.
Wolff stelle die Trennung zwischen Staat und Kirche in Frage, die eine Grundlage des weltanschaulich neutralen Staates sei, befand Grünen-Fraktionschef Tarek Al-Wazir. Die FDP sprach von einem „echten Eigentor“, das die Ministerin geschossen habe.
Ypsilanti: Annäherung an die Kreationisten
Im Gespräch mit der F.A.Z. hatte Wolff in der vergangenen Woche für „eine neue Gemeinsamkeit von Naturwissenschaft und Religion“ plädiert. In einem modernen Biologieunterricht sollten auch die Grenzen naturwissenschaftlich gesicherter Erkenntnis sowie theologische und philosophische Fragen nach dem Sinn des Seins eine Rolle spielen (siehe: Nobelpreisträger gegen Schöpfungslehre im Bio-Unterricht).
Dieses Ansinnen wies Ypsilanti entschieden zurück: Glaube verdiene Respekt, dürfe aber nicht mit wissenschaftlicher Erkenntnis „auf gleiche Augenhöhe“ gehoben werden. Dementsprechend gebe die hessische Verfassung Eltern das Recht, ihre Kinder vom Religionsunterricht zu befreien, aber nicht vom Biologieunterricht.
Die SPD-Fraktionschefin äußerte die Vermutung, dass es der Kultusministerin nicht allein, wie von ihr behauptet, um fächerübergreifendes Lernen gehe, sondern zudem um eine Annäherung an die gefährlichen Vorstellungen protestantischer Kreationisten. „Christliche Fundamentalisten“, so Mathias Wagner (Die Grünen), hätten an der Spitze des hessischen Kultusministeriums nichts zu suchen. Die schulpolitische Sprecherin der FDP, Dorothea Henzler, warnte davor, die Grenzlinien zwischen Glauben und Wissenschaft zu verwischen. Dadurch werde jenen Extremisten, die den biblischen Schöpfungsmythos als Wahrheit betrachteten, „Tür und Tor geöffnet“.
Wolff: „Frechheit und Unverschämtheit“
Wolff wies die Kritik, sie leiste fundamentalistischen Auffassungen Vorschub, als „pure Frechheit und Unverschämtheit“ zurück. Das Gegenteil sei richtig: Sie wolle Schüler für die Bedrohung durch unwissenschaftliche Überzeugungen sensibilisieren und sie durch die Diskussion über Evolution und Religion zu kritischem Denken befähigen. Sie beabsichtige keineswegs, wissenschaftliche Erkenntnisse und Glaubensfragen gleichzustellen oder gegeneinander auszuspielen, aber es gebe nun einmal „Grenzen der Erkenntnisfähigkeit“ in der Wissenschaft. „Die Kreationisten-Theorie wird kein Gegenstand des Unterrichts“, stellte Ministerpräsident Roland Koch (CDU) klar.
Die CDU-Abgeordnete Brigitte Kölsch wies darauf hin, dass die von Wolff gewünschte Auseinandersetzung mit religiösen Fragen im Biologieunterricht durchaus mit den gültigen Lehrplänen vereinbar sei. Auch der naturwissenschaftliche Unterricht müsse die kulturellen Grundlagen Deutschlands berücksichtigen, und die seien „eindeutig christlich-jüdisch geprägt“.
Die Lehrpläne in Hessen sähen für die Jahrgangsstufe zwölf auch die Erörterung religiös-philosophischer Fragen in Biologie vor, betonte Koch. Die Naturwissenschaft könne nicht alles erklären, und für manche Menschen stehe am Ende wissenschaftlicher Erkenntnis nichts weiter als die fortgesetzte Suche; es könne aber eben auch der Glaube sein. „Dieses Auch werden wir verteidigen.“
Der Kreationismus entstammt dem protestantischen Fundamentalismus, wie er vor allem in den Vereinigten verbreitet ist. Er bestreitet die von Charles Darwin entwickelte wissenschaftliche Evolutionstheorie, nach der sich das Leben auf der Erde ohne höheres Eingreifen in Jahrmilliarden zu seiner heutigen Form entwickelt hat.
Kreationisten berufen sich auf die Schöpfungsgeschichte der Bibel und vertreten den Standpunkt, dass Gott das Leben vor etwa 6000 Jahren in sechs Tagen erschaffen hat. Der eher altmodische Kreationismus wird heute fast nur noch im „Bibelgürtel“ (Bible Belt) der Vereinigten Staaten, einem knappen Dutzend Bundesstaaten von Texas bis Virginia, verfochten. Aus ihm entstand in den 90er Jahren die Theorie vom „Intelligenten Design“. Ihre Anhänger sind als „Neo-Kreationisten“ oder „Neo-Kreos“ bekannt und vereinzelt selbst in Forscherkreisen zu finden.
Die „Neo-Kreos“ streiten nicht ab, dass die Erde Milliarden Jahre alt sein kann und dass evolutionäre Prozesse stattgefunden haben könnten. Doch ihrer Überzeugung nach ist das Leben auf der Erde zu komplex, um ohne einen „intelligenten Designer“ entstanden zu sein. Das Wort „Gott“ nehmen die neuen Kreationisten selten oder nie in den Mund.
Die großen Kirchen lehnen den Kreationismus ab. Papst Johannes Paul II erklärte 1996, dass die Evolutionstheorie mit der Doktrin der Römisch Katholischen Kirche vereinbar sei. Eine Umfrage des Instituts Emnid zeigte Ende 2005, dass etwa die Hälfte der Deutschen an die Erschaffung der Erde durch eine höhere Macht glaubt. Nach Darstellung der Evangelischen Landeskirche in Württemberg wird der Kreationismus in Deutschland vor allem von der Studiengemeinschaft „Wort und Wissen“ propagiert, die dazu auch ein - von den Kultusministerien allerdings nicht anerkanntes - Schulbuch veröffentlicht hat.
Warum nur halbe Sachen?
Regina Berlinghof (ReginaBerlinghof)
- 05.07.2007, 18:14 Uhr
Hat die Wolff einen Sprung in der Schüssel?
Uwe Wagner (ariel07)
- 05.07.2007, 21:18 Uhr
Hat die Wolff einen Sprung in der Schüssel?
Uwe Wagner (ariel07)
- 05.07.2007, 21:47 Uhr
Vergleich
Thomas Bodewig (Bodewth)
- 06.07.2007, 15:17 Uhr
„Grenzen der Erkenntnisfähigkeit“ ?
thomas schulz (peanutbutter)
- 07.07.2007, 02:13 Uhr