31.08.2007 · Die SPD will einen in Finnland lebenden deutschen Bildungsexperten als Kultusminister nach Hessen holen. Dessen wesentliche Ziele sind das gemeinsame Lernen aller Kinder bis zur 9. Klasse und der Ausbau von Ganztagsangeboten an allen Schulen.
Von Ralf EulerDie SPD will einen in Finnland lebenden deutschen Bildungsexperten als Kultusminister nach Hessen holen. Der 61 Jahre alte Parteilose Rainer Domisch, seit 1994 in leitender Funktion in der obersten finnischen Schulbehörde in Helsinki tätig, soll im Falle eines Wahlerfolgs der SPD bei der Landtagswahl im Januar nächsten Jahres Nachfolger von Karin Wolff (CDU) werden.
Domisch plädiert dafür, Schüler möglichst lange gemeinsam in einer Klasse zu unterrichten, und hält das in Hauptschule, Realschule und Gymnasium gegliederte Schulsystem in Deutschland für überholt. Am Samstag will die SPD-Landesvorsitzende Andrea Ypsilanti ihren Schatten-Kultusminister bei einem Bildungskongress der Landtagsfraktion in Wiesbaden offiziell vorstellen.
Hessen soll „von Finnland lernen“
Der 1945 in Schwäbisch Hall geborene Domisch war in Baden-Württemberg Deutsch- und Englischlehrer, lebt seit 1979 mit kurzen Unterbrechungen in Helsinki, ist mit einer Finnin verheiratet und hat vier erwachsene Kinder. Seit 1994 arbeitet er nach Auskunft des Bundesbildungsministeriums in der obersten Schulbehörde Finnlands, dem Zentralamt für Unterrichtswesen, und ist unter anderem zuständig für die Fortbildung der Deutschlehrer.
Ypsilanti hat das finnische Schulmodell zum Vorbild für Hessen erhoben: „Von Finnland lernen“, lautet ihr Motto. Nach dem hervorragenden Abschneiden des nordischen Landes bei Pisa-Studien zeigen aber auch konservative Bildungspolitiker Interesse an den dortigen Erfahrungen. „Finnland ist das Maß aller Dinge“, befand auch der bayrische Ministerpräsident Edmund Stoiber (CSU) nach dem Besuch einer finnischen Schule im vergangenen Jahr.
Das gegliederte Schulsystem, so Domischs These, habe ausgedient. Mit seiner „frühen, fragwürdigen Leistungsselektion“ sei es nicht mehr mit einer modernen demokratischen Gesellschaftsform zu vereinbaren. Obwohl Finnland eine völlig andere Sozialstruktur, weniger Ausländer und eine wesentlich geringere Bevölkerungsdichte habe, sei dessen Schulmodell ohne weiteres auf Deutschland übertragbar. In Finnland besuchen alle Kinder bis zur neunten Klasse eine Einheitsschule, die man nach Ansicht von Domisch aber mit der deutschen Gesamtschule nicht vergleichen kann.
„Nicht mit Hessen vergleichbar“
Ein Team aus Unterrichtsassistenten, Sozialpädagogen und Psychologen unterstütze die Lehrer, schwächere Schüler bekämen Förderunterricht und einen individuellen Lernplan, Sitzenbleiben gebe es daher so gut wie nicht. Die schwachen Schüler behinderten die starken nicht, sondern die starken zögen die schwachen mit, berichtet Domisch bei Bildungskongressen. Zu seinen zentralen Forderungen gehören zudem die Abkehr vom Frontalunterricht und die generelle Ganztagsbetreuung.
Die Grünen lobten Domisch als ausgewiesenen Fachmann und „wohltuende Alternative zu der mittelmäßigen Parteifunktionärin Karin Wolff“. CDU und FDP im Landtag hingegen kritisierten die Personalentscheidung Ypsilantis. Der bildungspolitische Sprecher der CDU-Fraktion, Hans-Jürgen Irmer, sieht darin den „Auftakt zur Zerschlagung der Gymnasien in Hessen“. Die liberale Abgeordnete Dorothea Henzler warnte vor einer „Einheitsschul-Ideologie nach finnischem Vorbild“.
Beide Politiker wiesen darauf hin, dass die finnischen Verhältnisse nicht mit jenen in Hessen vergleichbar seien. Finnland schneide zwar beim Schulvergleich Pisa gut aber, äußerte Irmer, „aber eindeutig nicht wegen des Schulsystems“. Ausschlaggebend seien vielmehr die homogene Bevölkerungsstruktur und der „verschwindend geringe“ Ausländeranteil. Nach den Worten von Henzler hat zudem nahezu die Hälfte der finnischen Schulen weniger als 50 Schüler. „Für ein differenziertes Schulsystem sind schlichtweg nicht genügend Schüler vorhanden.“ Die Jugendarbeitslosigkeit, so die FDP-Abgeordnete, sei in Finnland mit 26 Prozent so hoch wie in kaum einem anderen europäischen Land.
Schulexperten aus Finnland
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