18.02.2007 · Für das Kultusministerium ist es eine Errungenschaft, für den Philologenverband „großer Unfug“: das sogenannte Turbo-Abitur. Abschluss nach acht Jahren, das gilt nun auf allen hessischen Gymnasien. Kritiker bleiben bei ihren Vorbehalten, Schulen arrangieren sich.
Von Lisa UphoffFür das Kultusministerium ist es eine Errungenschaft, für den Philologenverband „großer Unfug“: das sogenannte Turbo-Abitur. Von diesem Schuljahr an müssen alle hessischen Gymnasien Schüler, die sie neu aufnehmen, schon nach acht statt wie früher nach neun Jahren zum Abitur führen. Dass mit der Verkürzung der Gymnasialzeit die Belastung für die Schüler zunimmt, darüber sind sich Befürworter wie Kritiker von „G 8“ einig.
Doch darüber, ob dem wohl unbezweifelbaren Stress für Kinder, Eltern und Lehrer Lohnendes gegenübersteht, gehen die Meinungen auseinander. Gegner sprechen von einem „Bonsai-Abitur“. Einige hessische Kinderärzte haben vermehrt psychosomatische Erkrankungen wie Bauch-, Kopf- und Rückenschmerzen sowie Schlafstörungen bei Gymnasiasten festgestellt, die sie auf erhöhten Druck an den Schulen zurückführen. In der vergangenen Woche wurde das in verschiedenen Foren thematisiert.
„Um einen Teil ihrer Kindheit beraubt“
„Früher haben wir Kinder und Jugendliche zwischen 10 und 15 Jahren kaum in unserer Praxis gesehen, seit Einführung von ,G 8' gehören sie verstärkt zu unseren Patienten“, resümiert der Kinderarzt Thomas Berger, der gemeinsam mit 118 anderen Kollegen im „Paednetz Frankfurt und Umgebung“ zusammengeschlossen ist.
Durch die verkürzte Gymnasialzeit würden die Schüler „um einen Teil ihrer Kindheit beraubt“. Sie könnten „nicht mehr genug Ausgleichssport treiben und haben gleichzeitig mehr Schulstress“, sagt Berger. Auffällig seien auch vermehrt vorgetragene Forderungen von Schülern und Eltern nach Medikamenten, Antibiotika zum Beispiel.
Kinder, die krank seien, sollten so rasch wie möglich wieder in die Schule zurückkehren können, heiße dann die Begründung. Oft gönnten Erziehungsberechtigte den Jungen und Mädchen „nicht die notwendige Ruhephase, damit sie von alleine gesund werden“, sagt der Kinderarzt.
„Verstärkte Selektion abfedern“
Knud Dittmann, Landesvorsitzender des Philologenverbandes und Schulleiter in Dreieich, befürchtet, dass das Turbo-Abitur mit „weniger Allgemeinbildung“ einhergehen werde. Die Aneignung und Festigung von Wissen, aber auch die Entfaltung der Persönlichkeit brauche Zeit, sagt der Pädagoge.
Zwar versuchten die meisten Lehrer, die neue Entwicklung nicht auf dem Rücken der Schüler auszutragen und „die verstärkte Selektion abzufedern“. Doch moderne Unterrichtsformen blieben angesichts der Notwendigkeit zur Verdichtung des Stoffs oft auf der Strecke. Das Resultat, sagt er, sei dann „leider verstärkter Frontalunterricht“.
Gymnasien werden „zu reinen Lernorten“
Die Verkürzung der Gymnasialzeit führt zu einer Ausdehnung des Unterrichts in den Nachmittag. Bereits Sechstklässler haben bei 32 Unterrichtsstunden ein- bis zweimal in der Woche bis in den Nachmittag hinein Unterricht, in den Stufen sieben und acht dann zwei- bis dreimal.
In diesem Zusammenhang spricht Dittmann von negativen Auswirkungen „auf die Buntheit der Gymnasien“. Wer ohnehin einige Nachmittage in der Schule sein müsse, werde wohl eher zögerlich an Theater-, Sport- oder Musik-Arbeitsgemeinschaften teilnehmen. Von einstigen „Lebensorten“ würden Gymnasien „zu reinen Lernorten“.
„Beschleunigungswahn der Wirtschaft“
Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft fürchte nicht nur um die Schul-, sondern auch um die Vereinskultur und um andere Bildungsangebote, sagt der hessische Landesvorsitzende Jochen Nagel. Gymnasiasten hätten künftig kaum mehr Zeit und Energie, sich am Nachmittag in Vereinen zu engagieren. Da viele Eltern ihre Kindern nicht einem solchem Druck aussetzen wollten, gebe es - nicht nur in Frankfurt, wo um dieses Thema erbittert gestritten wurde - die starke Nachfrage nach Plätzen auf Integrierten Gesamtschulen. Diese dürfen auch weiterhin das Abitur nach neun Jahren anbieten.
Das Turbo-Abitur sei nicht aus bildungspolitischen Gründen eingeführt worden, sondern zolle „dem Beschleunigungswahn der Wirtschaft Rechnung“, meint Knud Dittmann. Ein Vergleich mit anderen Ländern, in denen ja auch nach acht Jahren das Abitur abgelegt werde, sei nicht zulässig, weil andere Abschlüsse nicht mit dem bisherigen deutschen Abitur vergleichbar seien. „Entweder sind das nur fachbezogene Abschlüsse, oder die Schüler brauchen vor der Universität eine Aufnahmeprüfung oder zeitintensive Vorlaufkurse.“
„Mehr Abbrecher an den Gymnasien“
An allen Ecken wird derzeit gebaut, in vielen Schulen lernen Kinder in Containern, weil in den Gebäuden Handwerker arbeiten. Durch die Ausweitung des Unterrichts in den Nachmittag werden die Gymnasien de facto zu Ganztagsschulen - 276 hessische „G 8“-Schulen brauchen demnach eine Mensa, Küchen oder Cafeterien sowie Aufenthaltsräume oder Räume zum Lernen für die Schüler.
Zur Ergänzung des Berliner Investitionsprogramms „Zukunft Bildung und Betreuung“ hat die Landesregierung daher ein eigenes Programm von mehr als 100 Millionen Euro für die Betreuung in Ganztagsschulen beschlossen. Von dem Geld soll vor allem die Infrastruktur für das Mittagessen in den Schulen geschaffen werden.
Auch der Landeselternbeirat ist kein Befürworter des Turbo-Abiturs. Vorsitzende Kerstin Geis sieht die Gefahr von weniger Anmeldungen und „mehr Abbrechern an den Gymnasien“. Auf jeden Fall müsse aber das Curriculum geändert werden. „Man darf nicht den alten Lehrplan auf die neue Form aufstülpen“, so Geis.
Zu wenige Räume zum Lernen
Die Schulen hingegen scheinen sich mit dem Turbo-Abitur zu arrangieren. Natürlich seien die Anforderungen gestiegen, sagt Karin Hechler, Leiterin des Schiller-Gymnasiums in Frankfurt. Dadurch würden die Schüler gleich zu Beginn ihrer Gymnasialzeit verpflichtet, „Zeitmanagement“ einzuüben: das Schuljahr müsse nun viel besser und vor allem mit den Eltern geplant werden.
Auch müssten bei Ganztagsbetrieb die Schulen sich nun „auf den Rhythmus der Schüler einstellen“. Und in der Frankfurter Ziehenschule klagt deren Leiter Manfred Eichenauer über strukturelle Probleme, etwa zu wenige Räume zum Lernen und Hausaufgabenmachen. Claus Wirth, Leiter des Goethegymnasiums, meint lapidar: „Warum sollten deutsche Kinder nicht schaffen, was Schüler anderer Nationen seit Jahren praktizieren?“
Neues rund ums Abitur
Nach einer Pilotphase, in der einzelne Schulen Projektklassen hatten, geschah die offiziell angeordnete Umstellung in zwei Tranchen. Mittlerweile arbeiten nun alle hessischen Gymnasien im „G 8“-Modus. Die meisten Lehrbücher allerdings sind noch für den neun Jahre währenden Bildungsgang konzipiert; in der Praxis führt das mitunter zu Holperigkeiten bei der Lehrplan- und Stoffanpassung.
Geändert hat sich noch mehr rund um das Thema Abitur. Erstmals werden in diesem Frühjahr die schriftlichen Abiturprüfungen (zwei Leistungskursklausuren und eine Grundkursklausur) mit landesweit einheitlichen Aufgaben gestellt. Bei diesem Landesabitur bleiben die mündlichen Prüfungen und Präsentationen in der Verantwortung der Lehrer an den einzelnen Schulen. Nach Meinung des Kultusministeriums bedeuten die Neuerungen größtmögliche Objektivität durch bessere Vergleichbarkeit der Leistungen.
Mit dem geteilten Verfahren, heißt es, solle zugleich aber den besonderen Profilen von Schulen Rechnung getragen werden. Kritiker aus den Reihen der Bildungsgewerkschaften fürchten in diesem Zusammenhang vor allem, dass so eine „gläserne Schule“ entsteht und Rankings erstellt werden. Eltern erhoffen sich mehr Transparenz - beispielsweise die Offenlegung von Lehrerzuweisung oder eine Dokumentation von Unterrichtsausfall. Letztere wird über die neue Lehrer- und Schüler-Datenbank technisch möglich.